„Ich verstehe. Wie war Ihr Verhältnis zu Lucia?"
„Wir haben uns sehr gut verstanden. Lucia hat sich im Allgemeinen nie mit jemandem gestritten. Sie war ein Mensch mit einem wunderbaren Temperament".
Zamagni nickte.
„Wissen Sie zufällig, ob ihr in letzter Zeit etwas passiert ist, das ihr Privatleben beeinflusst haben könnte?
„Nein. Nicht, dass ich wüsste."
Ein Kunde kam herein, fragte nach einer Schachtel Zigaretten, und als er ging, verabschiedete sich Zamagni ebenfalls von dem Mädchen.
„Ich denke, das reicht fürs Erste. Ich bitte Sie, sich zur Verfügung zu halten. Falls Ihnen noch irgendwelche Einzelheiten einfallen, die Ihnen wichtig erscheinen, lassen Sie es uns wissen.
Als das Mädchen nickte, hinterließ er ihr die Telefonnummer der Polizeistation.
„Sie können direkt nach mir fragen. Ich bin Ispettore Zamagni".
„In Ordnung."
Der letzte Kontakt, den die Mutter von Lucia Mistroni notiert hatte, war der von Fulvio Costello, einem Mitarbeiter des Postamtes in der Via Emilia im Bezirk Mazzini.
Als Ispettore Zamagni an seinem Ziel eintraf, waren nur wenige Leute anwesend, so dass er ohne Probleme fragen konnte, wer das Büro leitete, und anschließend, ob er einen Moment mit seinem Mitarbeiter sprechen konnte.
Der Leiter sprach einen Moment lang mit dem Mann, um die Situation zu erklären, dann entfernte sich Fulvio Costello vom Schalter und ging nach hinten, um mit Zamagni zu sprechen.
„Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich bin Ispettore Zamagni... Ich würde gerne mit Ihnen über Lucia Mistroni sprechen."
„Oh Gott, was ist mit ihr geschehen?" fragte der Mann, der nichts von den Ereignissen der letzten Stunden mitbekommen hatte.
„Sie ist gestorben. Es tut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen. Wir meinen zudem, dass es kein natürlicher Tod gewesen ist.“
Der Postbeamte schwieg einen Moment lang, dann fragte er, ob sie sich schon ein Bild von dem Täter gemacht hätten.
„Leider noch nicht, aber wir arbeiten hart daran, ihn so schnell wie möglich zu finden".
„Ich verstehe. Ich hoffe, dass Sie ihn bald finden werden."
„Das hoffen wir auch." sagte Zamagni. „Jetzt möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.
„Nur zu."
„Vielen Dank. Zuerst möchte ich wissen, wie Sie und Lucia sich kennen gelernt haben".
„Das war ganz zufällig auf einer Reise nach Kanada."
„Ich verstehe. Und Sie sind in Verbindung geblieben."
Costello nickte.
„Hatten Sie oft Kontakt miteinander?" fragte der Ispettore.
„Nicht gerade jede Woche, aber wir haben oft miteinander gesprochen."
„Wie lange ist es her, dass Sie sich kennengelernt haben?"
„Zwei Jahre."
„Und darf ich fragen, ob es jemals etwas anderes als eine Freundschaft zwischen Ihnen beiden gegeben hat?
„Warum fragen Sie mich das?"
„Wir brauchen Informationen, um einen Fall wie diesen zu lösen, und wir suchen überall danach".
„Ich verstehe. Nein".
„Gut. Und können Sie sich jemanden vorstellen, der einen Grund gehabt haben könnte, sie zu töten? Oder einen Vorfall, der dazu geführt haben könnte"?
„Nein", antwortete der Mann, nachdem er eine Minute nachgedacht hatte. „Leider kann ich Ihnen da nicht weiter helfen. Wenn mir noch etwas einfällt, lasse ich es Sie wissen."
„Ich danke Ihnen."
Der Leiter des Postamtes spähte durch die Hintertür hinein. „Fulvio?"
Der Mann drehte sich um und sagte: „Ich denke, ich sollte jetzt wieder auf meinen Platz zurückgehen".
„In Ordnung", sagte Zamagni, der Verständnis für die Lage hatte. „Ich bitte Sie nur darum, sich zur Verfügung zu halten und uns umgehend anzurufen, wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte.
„Ja natürlich.“", sagte die Postangestellte.
Der Ispettore nickte, verabschiedete sich dann und ging wieder hinaus.
Nun blieb nur noch zu hören, was der Arbeitgeber von Frau Mistroni sagen würde, dann hätten sie vielleicht genug Material, um einige Vermutungen und Überlegungen anzustellen.
XI
Davide Pagliarini hatte Mühe, den Unfall aus seinem Kopf zu bekommen. Er träumte nachts davon, wie von einem wiederkehrenden Alptraum, und er hätte alles darum gegeben, den Vorfall ungeschehen zu machen.
Idiot, wiederholte er immer wieder, ich bin ein Idiot, ich habe einen Jungen getötet!
Er wartete auf das Gerichtsurteil, in der Hoffnung, durch einen guten Anwalt zumindest seine Strafe mildern zu können. Währenddessen lebte er mit Gewissensbissen.
Am späten Vormittag klingelte es an der Tür.
„Wer ist da?", fragte er durch die Gegensprechanlage.
„Ein Einschreiben. Sie müssen unterschreiben".
Der Briefträger.
Pagliarini ging zum Eingang des Gebäudes hinunter, unterschrieb, nahm den Umschlag und kehrte in seine Wohnung zurück.
Der Absender war der Gerichtshof von Bologna.
Thema: Vorladung vor Gericht.
Er öffnete den Umschlag und stellte fest, dass er nach genau zwei Wochen um zehn Uhr erscheinen sollte und dass er, falls er nicht persönlich einen Verteidiger finden würde, einen Pflichtverteidiger bekommen würde.
Er legte den Umschlag auf den Couchtisch im Wohnzimmer und wählte dann die Telefonnummer seines Anwalts.
„Es ist endlich soweit." sagte Pagliarini, nachdem die Sekretärin den Anruf in das Büro des Anwalts durchgestellt hatte.
„Bewahren Sie die Ruhe und Sie werden sehen, dass wir hier rauskommen."
Der Anwalt kannte bereits die ganze Geschichte, die ihm Pagliarini selbst am Tag nach dem Unfall telefonisch mitgeteilt hatte.
Sie werden mich verurteilen, hatte er gesagt, ich habe keinen Trumpf in der Hand, um mich da rauszuwinden.
Der Anwalt hatte auch damals noch versucht, seinen Mandanten zu beruhigen, indem er ihm sagte, dass sie etwas finden würden, das ihm zumindest zu einer Strafminderung, wenn nicht sogar zur Zahlung einer Geldstrafe verhelfen würde. Obwohl ihm klar war, dass es bestimmt unangenehm werden würden, wenn die Angehörigen des Opfers davon erfuhren.
Wir werden es schaffen, sagte ihm der Anwalt noch einmal, Sie werden sehen, dass wir es schaffen werden.
Sie würden es bald herausfinden: dieser Tag würde kommen, und Davide Pagliarini war trotz der beruhigenden Worte seines Anwalts sehr besorgt.
Sie kamen überein, sich am nächsten Tag zu treffen und besser von Angesicht zu Angesicht darüber zu sprechen.
Als sich Pagliarini und der Anwalt in dessen Büro trafen, fassten sie die Angelegenheit zunächst noch einmal zusammen.
„Ich kam aus der Diskothek heraus. Als ich auf den Umgehungsstraßen von Bologna war, war ich richtig euphorisch, ich drückte das Gaspedal ganz durch, ohne zu merken, wie schnell ich fuhr. Als ich an einer Kreuzung ankam, die Ampel stand auf grün, habe ich den Jungen erfasst, der auf dem Fußgängerüberweg die Straße überquerte".
„Diese Person überquerte die Straße, obwohl sie wusste, dass sie es in diesem Augenblick nicht hätte tun sollen. Die Fußgängerampel stand auf Rot, denke ich".
Pagliarini nickte, in der Hoffnung, dass seine Erinnerung echt und nicht durch Drogen getrübt war.
„Nun, sehen Sie, da haben wir bereits einen Punkt zu unserem Vorteil gefunden.
„In Ordnung", sagte Pagliarini, „aber was ist mit der Tatsache, dass ich gefahren bin, nachdem ich eine dieser verdammten Pillen genommen hatte? Verdammt, ich hatte noch nie welche genommen, ich wurde von dem Typen da drin abgezockt, der sie mir gegeben hat. Er sagte ‚Du wirst dich besser fühlen', und ich habe mich überreden lassen.
Der Anwalt dachte einen Moment nach.
„Die Sache mit der Pille wirkt sich nicht zu unseren Gunsten aus", sagte er, „aber wir werden es irgendwie schaffen. Sie müssen mir vertrauen."
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