»Saubere Brüder.« Stahnke konnte sich gut an die drei erinnern, schließlich war er ihnen oft genug im Laden begegnet. Der Schlachter-Bruder war der Jüngste des Trios gewesen, hatte aber mit seinem bleichen, schlaffen Gesicht wie der Älteste ausgesehen. Er hatte auf abweisende Art verträumt gewirkt, so dass man ihn kaum ansprechen mochte, und seinen weißen, faltigen Händen mit den langen, schmalen Fingern hatte man kaum zugetraut, ein Hackmesser wirkungsvoll zu führen. Ganz anders der Bäcker-Bruder: Klein, rundlich, lebhaft. Dunkle kleine Korinthenaugen in einem braunen Lebkuchengesicht, meist ein cleveres Grinsen um die Lippen, Marke bauernschlau. Aber ganz offensichtlich ebenso wenig wie sein Bruder in der Lage, einen Supermarkt ordentlich zu leiten. Mehr als einmal hatte sich Stahnke dort schimmeliges Brot andrehen lassen. Wie oft hatte er sich eigentlich darüber beschwert? Nie. Mit ihm konnte man es offenbar machen. Aber sicher nicht mit jedem.
Der dritte Bruder war ganz anders. Zurückhaltend, gelassen, höflich; seine rotgeäderten Wangen strahlten Kompetenz aus. Stahnke hatte sich mehrmals von ihm beraten lassen, und die Weine, die der Mann ihm empfohlen hatte, waren ihr Geld wert gewesen. Eine Menge Geld, zugegeben; dieser Bordeaux neulich, ein 96er Baron Philippe de Rothschild, über neun Euro die Flasche. Geschmeckt aber hatte der erstklassig, erdig und würzig, und vor allem war er ihm nicht auf den Magen geschlagen. Den blöden Bardolino hatte Stahnke fast heimlich gekauft, um seinen Ruf als Weinkenner nicht zu gefährden. Aber schließlich waren seine finanziellen Möglichkeiten begrenzt. Ganz im Gegensatz zu seinem Durst in letzter Zeit.
»Wo ist es denn passiert?«, fragte Stahnke. »Im Kontor?«
»Ja«, antwortete Kramer. »Das Opfer hat sich danach noch über den Innenhof bis ins Lagerhaus geschleppt. Jeder der beiden Verdächtigen gibt an, das Kontor als Erster verlassen zu haben. Der jeweils andere Bruder sei wenig später nachgekommen und habe behauptet, der Schlachter hätte seinen Widerstand aufgegeben und sei nach Hause gegangen. Danach haben die beiden dann gemeinsam das Feuer gelegt.«
»Und der Schlachter ist mitsamt dem Laden verbrannt«, ergänzte Stahnke. »Was meinen Sie: Im Affekt niedergeschlagen?«
»Weiß nicht«, sagte Kramer. »Von hinten und gezielt, das sieht mir eher wohlüberlegt aus. Heimtückisch.«
»Was war das denn für eine Flasche«, fragte Stahnke. Nachdenklich massierte er sich die Magengegend. »Ich meine die Tatwaffe. Was für eine Sorte Wein?«
Kramer wäre nicht Kramer gewesen, wenn ihn diese Frage überrascht hätte. »Rotwein. Ein Bordeaux, Baron Philippe de Rothschild. Jahrgang 1996.«
»Ach.« Stahnke richtete sich auf. »Standen denn da im Kontor mehrere Flaschen herum? Oder nur diese eine?«
»Diese und noch eine weitere«, sagte Kramer. »Die drei wollten über ein neues Sonderangebot entscheiden. Zwei Sorten standen zur Auswahl. Die andere war ein – warten Sie …« Es raschelte, Kramer blätterte in seinen Notizen. Stahnke erhob sich. »Da steht es«, sagte Kramer. »Ein Bardolino, und zwar …«
»Passen Sie auf«, sagte Stahnke. »Der Bäcker war’s. Sagen Sie es ihm auf den Kopf zu. Der klappt nach zwei, drei Stunden zusammen, darauf wette ich.«
»Aha«, sagte Kramer. »Und warum?«
»Heute habe ich frei«, sagte Stahnke. »Ich erklär’s Ihnen morgen. Aber bis dahin kommen Sie sicher selber drauf.«
Er legte auf, reckte sich ausgiebig und stellte erfreut fest, dass er Appetit bekommen hatte. Auf Brötchen. Aber wo sollte er jetzt welche herbekommen?
Unter der Dusche fiel ihm der Bordeaux wieder ein. Wirklich ein sagenhaftes Getränk. Leider etwas teuer.
Ob der Brand wohl die Weinabteilung verschont hatte?
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