Ich hoffe, mit dieser Anthologie einen winzigen Beitrag zu diesem Wandel zu leisten.
Viel Freude allen, die darin lesen – und viel Kraft.
Bis übermorgen.
Samuel J. Kramer Offenbach, Juni 2020
*Dieses Aussterben ist nicht allein auf den Klimawandel zurückzuführen. Eine große Rolle spielen auch die Zerstörung von Lebensräumen, menschliche Flächennutzung, Umweltgifte, Jagd, Wilderei und die Verbreitung invasiver Arten. Das Artensterben ist für sich allein ein gewaltiges Problem, das eigener Lösungen bedarf – und eigener (medialer) Aufmerksamkeit.
**Zumal es sich lohnt, die Zusammenhänge dieser Themen politisch in den Blick zu nehmen.
***Für mich, der ich so gern in beiden dieser Welten zu Hause sein will, war es auch eine schöne und bestätigende Erfahrung, dass alle angefragten Personen dem Projekt gegenüber so offen reagiert haben. Ich habe mir aufgrund dieser doppelten Wahlheimat erlaubt, dem Buch einen Bonustext hinzuzufügen.
Scientists for Future
Nichts in der menschlichen Vergangenheit stellte eine solche Bedrohung für das langfristige Überleben der Menschheit dar wie die derzeitige Nachhaltigkeits- und Klimakrise. Niemals wurden die tragenden Säulen unseres Daseins, die natürlichen Lebensgrundlagen, die Artenvielfalt, die Stoff- und Energieflüsse unseres Erdsystems, gleichzeitig so global und rasant angegriffen.
Die Expert*innen des World Economic Forums schätzen seit vielen Jahren die Risiken des ungestoppten Klimawandels größer als die eines globalen Krieges mit Massenvernichtungswaffen ein. 2020 taten sie dies erstmalig nicht nur aufgrund der viel höheren Eintrittswahrscheinlichkeit der Klimakatastrophe. Allein die katastrophalen Folgen des Klimawandels selbst übertreffen möglicherweise den globalen Atomkrieg.
Viele junge Menschen zeigen in den letzten Jahren mit ihrer klaren Fokussierung und ihrer persönlichen, fast poetischen Beziehung zu Leben und Zukunft, dass ein »Weiter-so«, ein fortgesetztes »Nicht-wahrhaben-Wollen« keine Option ist. Sie lesen und verstehen die Risikoschätzungen der Wissenschaft korrekt. Und sie berufen sich auf Wissenschaft.
Aber die Einschätzungen des Weltklimarates, des Weltbiodiversitätsrates, die vielfältigen anderen Warnungen von Wissenschaftler*innen an die Weltöffentlichkeit verhallten jahrzehntelang. Vielleicht nicht ungehört, aber unverstanden. Unverstanden, weil unsere menschliche Intuition nicht ausreicht, um mit dem Herzen zu verstehen, dass unsere Handlungen heute dramatische Konsequenzen in der Zukunft haben können. Wir erleben Ähnliches derzeit in Bezug auf die COVID-Krise – auch wenn dort die Verzögerungszeit eher Wochen bis Monate statt Jahrzehnte bis Jahrhunderte beträgt.
Wir leben weiter auf Pump, in einer zutiefst nicht nachhaltigen Welt.
Nicht nachhaltig . Das ist irgendetwas Abstraktes. Das sagt sich leicht.
Ist jemand dabei gerade zu Tode erschrocken? Erschrocken bei dem Gedanken, dass unsere Gesellschaft so, wie sie jetzt ist, nicht fortbestehen kann, sondern entweder reformiert wird oder kollabiert?
Dies mit Herz und Intuition zu erfassen, ist die vielleicht größte Herausforderung der Gegenwart.
Vor 200 Jahren wollten Menschen das Unrecht der Sklaverei nicht wahrhaben. In scheinbar großer Selbstsicherheit und Selbstverständlichkeit wischten sie die nagenden Zweifel beiseite. Die allermeisten Menschen schafften es, ihre Herzen zu verschließen. Dies wäre heute nicht mehr denkbar.
Als Scientists for Future sind wir zutiefst überzeugt, dass dies eines Tages, auch bezüglich unseres nicht nachhaltigen Lebensstils, nicht mehr denkbar sein wird. Wir werden zu dem Punkt kommen, an dem eine UN-Generalsekretärin oder ein UN-Generalsekretär vor der Vollversammlung den Jahrestag der Erreichung einer klima- und biodiversitätsstabilisierten Welt feiert. Und sie oder er wird sagen: »Es fällt schwer zu glauben, dass das, was heute ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, früher einmal in Ordnung war.«
Und genau an diesen Stellen sehen wir Werke wie das hier vorliegende. Die weisen, einfallsreichen und sensiblen Gedichte und Texte dieses Buches sind ein Fußabdruck der Verfassung unserer Zeit. Aber im Einklang mit anderen For-Future -Bewegungen ist »Poetry for Future« gleichzeitig viel mehr: ein Handabdruck aktiven Tuns.
Jedes Wortgeflecht ist ein eindringlicher Appell für ein nachhaltiges Geflecht von Mensch und Erde. Die hier vorliegenden Texte sind Paten eines neuen Klima- und Nachhaltigkeitszeitalters. Sie sind Paten, die Gegenwart und Zukunft neu zu denken, und sie helfen uns auf kluge Weise, über unsere Sehnsüchte, Ängste und Vorurteile, über unsere uns in die Irre führende Intuition nachzudenken. Sie helfen, über alte Mythen, Fake-News und veraltetes Wissen hinauszuwachsen und uns neu aufzustellen. Sie öffnen unsere Herzen und bilden unsere Intuition. Und sie verbinden dies mit bemerkenswert gut fundiertem fachlichem Wissen.
Diese Literatur steht für unser Zeitalter. Ein Zeitalter, in dem Kinder für ihre Zukunft kämpfen müssen.
Dr. Gregor Hagedorn und Prof. Dr. Karen Helen Wiltshire Scientists for Future
1. Kapitel
Ulrike Almut Sandig
kommt alles, das spricht.
das Wasser kümmert es nicht
dass alles, was wir sind
aus Wasser besteht wie Kinder
aus einem kranken Gensatz
ihrer Erzeuger, der gespenstisch
in seine Bestandteile zerfällt
wie Flüssigkeit in nichts
als zwei Gase. wir werden uns
wünschen, wir könnten
unsere eigene parasitäre Art
im Morgennebel auflösen.
aber Vorsicht mit den Wünschen.
einmal wünschten wir uns
es käme einer, der machte
Wasser zu Wein. dem Wasser
ist es egal. wir werden uns
wünschen, den Jahr um Jahr
höher steigenden Pegeln
zu entrinnen, und sei es
an einem Tag in der Woche
freitags vielleicht
den #FridaysforFuture-Klimaprotesten gewidmet
Audiolink: https://satyr-verlag.de/audio/PFF_Sandig.mp3
Marina Sigl
Januar.
In meinen Keller läuft das Wasser. Weicht den Fußboden auf, sickert in alle verstaubten Ritzen und pustet Feuchtigkeit meine Wände entlang in meine Atemluft. Gerümpel sinkt auf die alten Holzdielen nieder und schafft eine neue Unterwasserwelt.
Noch in derselben Woche demonstriere ich gegen die unangekündigte Flutung von Kellern.
Februar.
In meinem Keller ist das Wasser gestiegen. Es ist jetzt knietief. Mit dem Wasser kommen die Algen und mit den Algen kommen die Fische. Vereinzelt schwimmen sie um alte Fahrradschläuche, die wie Muränen zwischen durchtränkten Pappkartons hin und her wischen.
Lena kommt zweimal die Woche vorbei und füttert die Fische. Chris gibt seinen Lieblingsfischen die Namen Nemo 1 bis 7.
Nemo 6 verheddert sich eines Tages in der Plastikfüllung eines Pakets, dessen Inhalt ich bestellt und ungenutzt vergessen hatte.
Chris beginnt, in seinem Alltag Plastik zu reduzieren.
März.
In meinem Keller schwappt mir das Wasser nun bis zum Oberschenkel. Die Fische sind mittlerweile so zahlreich, dass wir ihnen keine Namen mehr geben können. Wasserpflanzen blühen auf und nachts hört man das leise Quaken von Fröschen.
Anna hat auch von den Fischen in meinem Keller gehört und macht einen Witz darüber, bald einen Sushi-Abend mit ihnen zu veranstalten. Lena macht ein böses Gesicht und bewirft Anna mit Fischfutter. Sie beschließt, kein Fleisch mehr zu essen.
April.
Das Wasser ist inzwischen hüfthoch. In meinem Keller wachsen nun seltene Wasserpflanzen, die in anderen aquatischen Lebensräumen vom Aussterben bedroht sind. Auch verschiedene Wasservögel haben in alten Kellerregalen Nisthöhlen gebaut. Erik beschließt, seine Masterarbeit in aquatischer Biologie über die Pflanzen zu schreiben.
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