Von einem anderen Kaliber war unser Chemielehrer. Er war ziemlich besessen von seiner Wissenschaft und konnte partout nicht verstehen, wenn einer das nicht so sah. Besonders berüchtigt waren seine Experimente vor der Klasse. Als er uns einmal demonstrieren wollte, wie man einen künstlichen Nebel erzeugt, hatte er sich wohl bei der Menge der sogenannten Berger-Mischung etwas vertan und vernebelte das ganze Schulhaus. Er riss die Tür auf, aber nicht, um zu lüften, sondern um die Reinemachefrauen hereinzuholen. Die sollten sehen, was echte Chemie ist. Wir saßen gehorsam an den Tischen und konnten unseren Vordermann nicht sehen. Ein andermal wollte er uns eine Knallgas-Explosion vorführen. Der Versuchsaufbau war geschickt und nutzte die noch wenig entwickelten technischen Möglichkeiten der DDR. Das Gasgemisch – Sauerstoff und Wasserstoff – befand sich in einem Rundkolben, der zugestöpselt war. In dem Korken steckte innen eine zerbrochene Taschenlampenbirne, das war der Zünder. Darüber kam ein hölzerner Papierkorb als Splitterschutz. Die Drähte führten nach außen durch den Abzug in den vom Klassenraum abgetrennten Vorbereitungsraum. Der Chemielehrer verzog sich hinter die Mauer und zündete. Es knallte ohrenbetäubend, und der Papierkorb hopste einen Meter in die Höhe. Es gab keine Verletzten, nur manche waren für eine Weile taub. Ich hatte damals längst meine Vorliebe für die Chemie entdeckt und wurde oft von ihm im Unterricht mit dem Handwagen des Hausmeisters zur Flora-Drogerie des Doktor Koch abkommandiert, um neue Chemikalien für die Schule abzuholen. »Dir kann ich sowieso nichts mehr beibringen«, meinte er.
Komplettiert wurde die Reihe der beliebten Lehrkräfte durch den Sportlehrer und Direktor. Er hatte zwar den Spitznamen »Schinder-Otto« von uns bekommen, aber als Pennäler übertrieben wir damals genauso wie die Schüler heute. Er verlangte von uns nicht mehr, als er selbst konnte, ebenso wie Franz, der Deutschlehrer, der uns mit Schlips und pludrigen Trainingshosen am Barren und am Reck Übungen vorturnte, die kaum einer von uns beherrschte. Ottos Söhne waren auch Schüler unserer Schule, aber ich habe niemals bemerkt, dass sie von anderen Lehrern oder von ihm selbst in irgendeiner Weise deshalb bevorzugt wurden. Vom Sport jedenfalls verstand er etwas, das spürten wir nach dem Unterricht noch eine ganze Weile.
Eine besondere Situation trat ein, als wir einen neuen Klassenlehrer bekamen. Sport, Geschichte und Staatsbürgerkunde waren sein Metier. Als er sich mit den Worten »Mein Name ist Herr Doktor Rauscher« vorstellte, war er bei mir unten durch. Ich hasste Autoritätsbeweise, und das war für mich einer. Eine anhaltende Feindschaft war begründet. Fortan nannte ich ihn nur Herr Rauscher, ohne Doktor. Alle Versuche von ihm, mir bei der Anrede einen Doktortitel abzuringen, scheiterten. Ich konnte eigentlich nur den Kürzeren ziehen. Zu dieser Zeit versuchte ich mich mit meinem Freund Rolf im Boxen. Da Rauscher auch Sportlehrer war, forderte er mich eines Tages nach der Sportstunde hämisch zu einem Boxkampf auf. Ich hatte jede Menge Fans, er gar keine. Anfänglich war es nur eine Tändelei und ein Abtasten. Meine Fans skandierten: »Hau ihn, hau ihn!« Schließlich haute ich ihm tatsächlich eins auf die Nase und rannte gleich los, durch die Halle und die Umkleideräume; er immer hinter mir her. Es war ziemlich peinlich. Er schloss mich postwendend von der Klassenfahrt an die Ostsee aus. Gründe dafür hatte er ohnehin genug. Mich ärgerte das nicht. Als er später einmal meine Mutter fragte, was ich gegen ihn einzuwenden hätte, entgegnete sie nur, das solle er mich doch lieber selbst fragen. Das tat er aber nicht.
Das frohe Jugendleben, wie wir es nannten, organisierten wir uns ohne fremde Hilfe selbst. Besonders beliebt waren Tanzveranstaltungen. Da kaum einer in der neunten Klasse Tanzschritte beherrschte, war es Usus, dass alle gemeinsam die Tanzstunden besuchten. Die Tanzschule Zellmann am Camsdorfer Ufer war das einzige Haus am Platze und hatte schon seit 1950 ständig Schülerjahrgänge ausgebildet.
Der Chef war ein stattlicher Mann, seine Frau konnte ihm unter der Achselhöhle durchlaufen, was bei einigen Tanzfiguren möglicherweise recht günstig war. Er achtete penibel auf Etikette und versuchte, uns auch ein Mindestmaß an Benehmen beizubringen, hatte aber bei mir nicht viel Erfolg damit. Sein Sohn und seine Schwiegertochter halfen manchmal aus. Sie unterschieden sich nur durch die Größe der Partnerinnen.
Neben den Standardtänzen wurden noch Boogie-Woogie, Rock ’n’ Roll und Hully-Gully, aber auch heute weitgehend vergessene Tänze, wie zum Beispiel Rheinländer, gelehrt. Musikalisch sind mir besonders in Erinnerung geblieben: Connie Francis mit »Lipstick On Your Collar« und Wanda Jackson mit »Let’s Have A Party«. Da Tanzstunden gewissermaßen öffentliche Veranstaltungen waren, hätte der Hausherr diese Westplatten überhaupt nicht spielen dürfen, doch darüber setzte er sich hinweg, was auch ohne Folgen blieb.
Anzug, weißes Hemd und Schlips waren Pflicht, die Mädchen trugen Röcke oder Kleider. Die Tanzstunde begann immer damit, dass der alte Tanzlehrer Kerzenwachs auf das Parkett schnippelte. Das wurde dadurch höllisch glatt. Wenn er dann in gewohnter Manier »Die Herren bitte!« rief, lagen manche schon auf dem Bauch, bevor sie ihre Partnerin auf der gegenüberliegenden Seite des Saales erreicht hatten. Das war für manch einen praktisch, weil oft die gleichen Mädchen angepeilt wurden. Ich hatte Glück und mir eine feste Tanzpartnerin aus der Parallelklasse organisiert. Ute war eine sehr gute Tänzerin, hübsch dazu, wohnte allerdings außerhalb von Jena. Natürlich war ich in sie verknallt, wie man damals so sagte. Zum Tanzstunden-Abschlussball im Saal des Jenaer Hotels Schwarzer Bär sollten wir dann mit einem Wiener Walzer die Tänzerkolonne anführen. Der Tanzlehrer konnte seine Kerzenschnitzerei nicht lassen, und so legten wir uns beide sozusagen mit Wiener Schwung in der Kurve flach auf das Parkett. Das war höchstpeinlich, aber es ging vorüber. Ute studierte später in Budapest Zahnmedizin, und wir verloren uns leider aus den Augen.
Die musikalisch härteren Sachen gab es beim »Tanztee« in der Wöllnitzer Schönen Aussicht oder im Saal des Rathauses in Camsdorf. Beatles, Rolling Stones und The Kinks bildeten da die Spitzenreiter, und Tee wurde auch nicht ausgeschenkt, obwohl das Tragen eines Schlipses Pflicht war, was nun tatsächlich zum Tee gepasst hätte. Die Bands, die unsere Hits spielten, hießen Ohios oder Tutti, und ihr Englisch war vom Typus »gesungen, wie gehört«, aber uns war das egal, wir konnten es auch nicht besser. Bei Tutti, die sich einfacherweise nach dem Spitznamen ihres Chefs benannt hatten, hatte ich meinen einzigen Auftritt als Sänger mit »Shakin’ All Over« von den Swinging Blue Jeans und »Poor Boy« von den damals beliebten The Lords, einer westdeutschen Rockgruppe. Eine Beat- oder Rockmusik »Made in GDR« entwickelte sich erst allmählich und brauchte eine Weile, bevor sie von uns akzeptiert wurde.
Gingen wir einmal nicht zum »Tanztee«, besuchten wir unsere Lieblingskneipen. Die hießen Fuchsturm, Wilhelmshöhe und Geleitshaus. Später kamen noch Kleinvogels Gaststätte und die Weintanne dazu. Erhalten geblieben ist heute davon nur noch der Fuchsturm. Getrunken wurde Bier, gespielt wurde Doppelkopf, seltener Skat. Das Bier kam noch aus der Jenaer Brauerei, die schon seit 1332 im Felsenkeller Bier braute. Das schaffte sie aber nur bis 1990, dann wich sie höherer Gewalt. Wenn ein Produkt aus dem Osten im wiedervereinigten Deutschland nicht gebraucht wurde, dann war es das Bier.
Im Sommer suchte die Brauerei Jena immer händeringend nach Aushilfskräften. Es bot eine gute Gelegenheit, den Geldbeutel aufzubessern. Zwei Wochen hielt ich später als Student in den endlosen finsteren Gängen des roten Buntsandsteinfelsens durch. Man hatte zwar den Eindruck, dass die Hälfte der Belegschaft ständig im Tran war, aber die Arbeit war einfach.
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