1 ...6 7 8 10 11 12 ...18 »Ich habe ihn mal in einer Bar getroffen.«
»In einer Bar?«
»Ja. Bei einem meiner Ausflüge nach Austin.«
Durchaus plausibel.
Cam schmunzelte und konzentrierte sich auf die Straße. »Und du hast nicht daran gedacht, es mal zu erwähnen? So: Hey, Cam, rate mal, wen ich heute getroffen habe?«
Als er erneut einen Blick in den Rückspiegel warf, bemerkte er, dass Roan aus dem Fenster sah. »Muss mir entfallen sein.«
Genau. Da steckte mehr hinter dieser Geschichte, das wusste Cam. Doch er hatte gelernt, dass sich Roan nur noch mehr verschloss, wenn man ihn zu etwas drängte.
Er hielt vor dem Doppelhaus, in dem Roan zusammen mit seiner jüngsten Schwester Cassie lebte. Es war ihre Wohnung gewesen, bevor Roan zu ihr gezogen war, um ihr bei ihren Rechnungen unter die Arme zu greifen. Cam wusste, dass sie sich die Miete häufig nicht leisten konnte, und er vermutete, sie gab all ihr Geld für ihre Drogensucht aus. So, wie das Haus aussah, blieb anscheinend auch nichts mehr für die Instandhaltung übrig. Nicht, dass Roan am Hungertuch nagte. Der Jachthafen lief gut und Cam wusste, dass sein Freund mehr als genug Geld besaß, um zurechtzukommen.
»Danke fürs Mitnehmen. Wir sehen uns morgen.« Roan sah nicht noch einmal zurück, als er aus dem Auto sprang, die Tür schloss und zum Haus eilte.
Gannon drückte Cams Hand, als wollte er ihn daran erinnern, dass er sie noch nach Hause fahren musste. Ohne länger zu zögern, drückte Cam aufs Gas und fuhr weiter. Er hasste es, Roan so zurücklassen zu müssen. Allerdings endete jeder Versuch, seinen besten Freund zum Reden zu bringen, damit, dass Roan ihn noch weiter ausgeschlossen und gelegentlich sogar Streit angefangen hatte, was dafür sorgte, dass sie sich voneinander distanzierten.
Als sie zwei Straßen weiter waren, blickte Cam zu seinem Ehemann. »Kommt es nur mir so vor oder scheint etwas mit ihm echt nicht zu stimmen?«
Gannon spähte aus dunklen Augen im gedämpften Licht des Armaturenbretts zu ihm herüber. »Ich vermute, du meinst heute Abend?«
Cam runzelte die Stirn.
»Babe, mit ihm stimmt schon seit langer Zeit was nicht«, sagte Gannon. »Schon seit du mit mir zusammengekommen bist.«
Ja. Anfangs hatte Roan ein Problem mit Cams und Gannons Beziehung gehabt. Aber das hatten sie hinter sich gelassen. Bei ihrer Hochzeit war Roan sogar einer der Trauzeugen gewesen. Deswegen machte er sich doch bestimmt nicht mehr verrückt.
»Okay, klar. Er ist schon seit einer Weile nicht mehr er selbst, da hast du recht«, stimmte Cam zu. »Ich weiß, dass er es mit Cassie schwer hat. Aber heute Abend war er wirklich seltsam drauf. Aus irgendeinem Grund glaube ich, dass wir ihn nicht hätten allein lassen sollen.«
Diesmal runzelte Gannon die Stirn. »Er ist nicht allein, Cam. Seine Schwester wohnt doch mit ihm zusammen.«
Cam warf Gannon einen finsteren Blick zu. »Und wir wissen schließlich alle, wie gut sie sich verstehen.«
»Wie Öl und Wasser, ja«, bemerkte Gannon.
»Ganz genau. Hast du ihn vorhin nicht gehört?«, wollte Cam wissen, obwohl es eine rhetorische Frage war, denn Gannon saß ja mit im Auto. Er musste es gehört haben. »Er hat mir vorgeworfen, ihn wie ein Kind zu behandeln. Das macht er ständig. Es ist, als würde er jedes Mal versuchen, einen Streit vom Zaun zu brechen, wenn ich ihm zu nahe komme.«
Cam brachte den Wagen zum Stehen, bevor er Roans Viertel verließ, und wandte sich seinem Ehemann zu. »Ich bin in letzter Zeit nicht gerade der beste Freund für ihn gewesen. Ich kann nicht besonders viel Zeit mit ihm verbringen. Aus irgendeinem Grund hat er aufgehört, uns zu besuchen. Und er kommt öfters nicht zur Arbeit. Ich weiß, dass ihn irgendetwas beschäftigt, aber ich kann ihn einfach nicht dazu bringen, darüber zu reden.«
»Und du denkst, dass es heute Abend anders wäre?«, fragte Gannon.
Cam zuckte mit den Schultern. Er wusste es nicht. Aber er konnte Roan zumindest damit konfrontieren. Wenn er einfach in sein Haus platzte, konnte Roan ihn nicht so abblitzen lassen, wie er es bisher immer getan hatte. Ganz egal, wie sehr er ihn in letzter Zeit genervt hatte, Roan hatte nie nachgegeben. Er wollte nicht reden. Er wollte nicht mit ihnen abhängen. Er wollte nichts tun, außer zur Arbeit und dann nach Hause zu gehen. Es war, als hätte seine Schwester sein Leben übernommen und er müsste all seine Zeit damit verbringen, sich um sie zu kümmern. Aber zum Teufel noch mal, die Frau war fast dreißig Jahre alt. Roan musste ihr nicht ständig die Hand halten.
Cam wusste, dass Roan jetzt gerade einen Freund brauchte.
»Wir fahren zurück«, verkündete Cam.
»Ich dachte mir schon, dass du das sagst.« Gannon lächelte. »Ich folge dir überallhin.«
Cam nickte, machte kehrt und fuhr zu Roans Haus zurück.
Das Gebäude war nicht viel mehr als eine heruntergekommene Hütte, die dringend ein neues Dach und ein bisschen Gras im Vorgarten gebrauchen könnte. Laut Roans Aussage lebte Cassie hier und da er sie praktisch gezwungen hatte, ihn bei ihr wohnen zu lassen, durfte er nicht wählerisch sein.
»Ich werde nicht mal anklopfen«, sagte Cam, als sie auf dem Weg zu Roans Vordertür einen Bogen um den Riss im Fußweg machten.
Musik dröhnte aus einem der anderen Zweifamilienhäuser, ein Baby schrie ganz in der Nähe und Cam war sich ziemlich sicher, dass der Geruch von Marihuana in der Luft lag.
»Hoffentlich ist er angezogen«, murmelte Cam und behielt seine Umgebung im Auge. Er verabscheute diesen Ort bereits, obwohl er erst seit einer Minute hier war. Wie zum Teufel konnte Roan in diesem Dreckloch leben?
»Hoffentlich ist seine Schwester angezogen«, bemerkte Gannon und klang, als wäre die Vorstellung, sie nackt zu sehen, sehr viel schlimmer als die Vorstellung von einem unbekleideten Roan.
»Ich bezweifle, dass sie überhaupt zu Hause ist.« So wie er Cassie kannte, war sie irgendwo unterwegs und besorgte sich ihren Stoff. Das tat sie meistens. Roan war die ganze Zeit damit beschäftigt, sie vor sich selbst zu schützen. Oder es zumindest zu versuchen. Cam fragte sich, wann dem Mann endlich klar wurde, dass sie für ihre Taten selbst verantwortlich war. Wenn er ihr jedes verdammte Mal zu Hilfe eilte, würde sie es nie allein schaffen.
»Irgendjemand muss sich um dieses Baby kümmern«, sagte Gannon abwesend.
Cam atmete tief durch, als er eine Hand an den Türknauf legte und ihn langsam drehte. Und ja! Sie war nicht verschlossen.
Das Nächste, was Cam wusste, war, dass er und Gannon Roans Vordertür öffneten, eintraten und…
Hier drin war die Musik sogar noch lauter zu hören. Genau wie das schreiende Baby. Wie dünn waren die Wände? Ernsthaft.
Und verdammt. Was stank hier so?
Im Haus war es komplett dunkel bis auf einen schwachen Lichtschein aus der Küche. Es war nicht genug, um das Zimmer zu erhellen, aber genug, damit Cam jemanden dort drüben neben der Couch erkennen konnte. Auf dem Boden.
»Roan?« Blind tastete Cam mit der Hand über die Wand. Hier musste es doch irgendwo einen Lichtschalter geben. Als er ihn gefunden hatte, legte er ihn um und im Raum wurde es hell. Trübes, gelbliches Licht fiel auf die billige Einrichtung und den schäbigen Teppich.
Und da sah Cam sie.
»Oh Scheiße«, schrie Gannon und schob Cam nach vorne. »Fuck.«
Cam brauchte einen Moment, um zu erfassen, was er da sah. Da war Roan und…
»Oh mein Gott!« Cam stürzte durch das Zimmer und ging neben Roan in die Knie, der seine Schwester in den Armen hielt. Die Frau lag reglos zwischen dem billigen, mit Zigarettenstummeln übersäten Wohnzimmertisch aus Messing und der gebrauchten Couch, die anscheinend mit Verpackungen von Fast-Food-Restaurants verziert worden war. »Was ist passiert?«
Oh, verflucht. Hier drüben war der Gestank noch viel schlimmer.
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