1 ...7 8 9 11 12 13 ...18 Cassies blondiertes Haar war matt und verfilzt. Ihr T-Shirt hing lose um ihre knochigen Schultern und ihre Shorts sahen aus, als wären sie tagelang nicht gewaschen worden. Ihre Haut war blasser als sonst und irgendetwas klebte an ihren Lippen.
War das Schaum?
Oh Gott. Oh Gott. Oh Gott.
»Scheiße!« Cam rief an Gannon gewandt: »Wähl den Notruf. Verflucht. Ich habe mein Handy im Auto vergessen.«
»Es ist zu spät«, sagte Roan leise. »Ruf die Polizei, aber es ist kein Notfall.«
Cam drückte zwei Finger an Cassies Hals und versuchte, ihren Puls zu finden, denn das hier konnte doch nicht wirklich passieren. Kein Puls, aber er hatte auch nicht wirklich einen erwartet. Das bestätigte nur, was er befürchtete.
Scheiße.
Er beugte sich vor und legte das Ohr nahe an ihren Mund. Sie atmete nicht.
Cam richtete sich auf und blickte zu Roan, dann wieder zu Cassie. Sie wirkte, als würde sie schlafen, doch er wusste es besser. Sie schlief nicht. Sie war tot. Und so, wie es aussah, war sie es womöglich schon seit ein paar Stunden.
Im Hintergrund hörte Cam, wie Gannon die Adresse herunterratterte, doch Roan hatte recht, es hatte keinen Zweck. Die Sanitäter mussten sich nicht beeilen, denn sie konnten nichts mehr für sie tun. Die Spritze, die sie benutzt hatte, hing noch an ihrem Arm, der mit einem gelben Gummiband abgebunden war. Die Nadel steckte noch in ihrer Vene.
Cam wusste, dass Roan genau so etwas schon lange befürchtet hatte. Und genau, wie er es vorausgesagt hatte, war Cassie der Droge unterlegen. Sie hatte eine Überdosis genommen und er glaubte nicht mal, dass sie es mit Absicht getan hatte. Wahrscheinlich war es ein abendliches Ritual für sie gewesen und dieses eine Mal…
Leider reichte ein Mal vollkommen aus.
Heilige Scheiße.
»Sie sind unterwegs«, sagte Gannon in panischem Tonfall.
»Sie ist tot«, sagte Cam, als würde er es erst richtig realisieren, wenn er es aussprach.
»Ich wusste, dass etwas nicht stimmte«, murmelte Roan mit gequälter Stimme. »Ich hätte hier sein sollen.«
»Mann, du kannst doch nicht…« Cam verstummte. »Ernsthaft, kümmert sich dein Nachbar auch irgendwann mal um das Baby? Es schreit, seit wir hier angekommen sind.«
Roan sah zu Cam auf und es war, als hätte jemand einen Schalter in seinem Kopf umgelegt. »Oh mein Gott! Oh Scheiße!«
Cam sah Roan hinterher, als dieser auf die Füße sprang und den schmalen Flur hinunter sprintete. Cam warf Gannon einen flüchtigen Blick zu, doch sein Ehemann wirkte so verwirrt, wie er sich fühlte.
»Ich warte auf die Polizei«, sagte Gannon. »Ich denke, du solltest wahrscheinlich nach ihm sehen.«
Ja.
Irgendjemand sollte das wahrscheinlich tun.
***
Roan stieß die Tür zum Schlafzimmer auf und schlug mit der Hand auf den Lichtschalter an der Wand.
Erleichterung übermannte ihn und ließ beinahe seine Knie weich werden, als er Liam in seinem Kinderbett entdeckte. Natürlich schrie das Baby Zeter und Mordio, aber wenigstens war er dort, wo er war, wohlbehalten.
Roan atmete ruhig durch, griff nach dem kleinen Jungen, hob ihn in seine Arme und murmelte leise vor sich hin, während er ihn an seine Brust drückte.
Oh, verdammt. Er war vollkommen durchnässt. Der Strampler, den Roan ihm angezogen hatte, bevor er sich auf dem Weg zum Spiel gemacht hatte, war geradezu durchgeweicht.
»Alles okay, Kleiner. Es tut mir so, so leid. Sch… sch… sch. Oh Gott, es wird alles wieder gut. Das schwöre ich dir.«
Roan ignorierte die Feuchtigkeit, die durch sein Shirt drang, und gab sein Bestes, um den kleinen Jungen zu beruhigen, als er ihn in die Arme schloss.
»Liam, ich bin jetzt hier. Ich hab dich.«
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Liam stiller wurde und sich seine Schreie in ersticktes Schluchzen verwandelten, während er nach Atem rang. Gott allein wusste, wie lange Liam schon dort gelegen und aus vollem Hals geschrien hatte. Die Doppelhaushälfte, die sich an Cassies anschloss, stand leer, sodass niemand ihn gehört hatte. Natürlich hätte Roan ihn gehört, wäre er nicht vollkommen schockiert gewesen, als er seine Schwester auf dem Boden des Wohnzimmers vorgefunden hatte, ihr Körper eiskalt…
Cassie war tot.
Ein Schauer rann an seiner Wirbelsäule hinab, während sein Kopf alles verarbeitete, was in den letzten paar Minuten geschehen war.
»Ich hab dich«, wisperte Roan Liam zu, als ihm die Schwere der ganzen Situation bewusst wurde. Liams Mutter war tot. »Versprochen. Ich bin hier. Ich gehe nirgendwohin.«
Roan drehte sich zur Tür um und entdeckte Cam, der dort stand und ihn anstarrte. Seine Augen waren groß und sein Kiefer berührte praktisch den Boden.
»Ähm… Heilige… Sch…«
Das war es, was Roan zu verbergen versucht hatte, indem er seine Freunde auf Abstand hielt. Nicht unbedingt, weil er sich der Aufgabe, den Sohn seiner Schwester aufzuziehen, allein stellen wollte, sondern weil das alles zu viel für ihn war und er erst einmal selbst damit klarkommen musste.
Das Haus war ein ekelhaftes Chaos. Es spielte keine Rolle, dass Roan es morgens und abends aufräumte. Es war, als würde Cassie mit Absicht alles in Unordnung bringen. Roan hatte nicht gewollt, dass das irgendjemand zu Gesicht bekam, ganz besonders nicht seine Freunde.
Und niemand hätte noch reinkommen und Cassies leblosen Körper auf dem Boden vorfinden sollen, während der Beweis, dass sie nicht versucht hatte, clean zu bleiben, an ihrem Arm baumelte.
»Ist das…?« Cam schienen die Worte zu fehlen. Seine Augen waren weit aufgerissen und seine Augenbrauen bis zu seinem Haaransatz hinaufgewandert.
»Der Sohn meiner Schwester?« Roan nickte. »Ja. Er heißt Liam.«
Cam kam einen Schritt auf sie zu. »Er ist winzig. Wie alt ist er?«
»Ist gestern einen Monat alt geworden.«
»Cam? Roan?« Gannons ruhige, sanfte Stimme drang vom Flur aus ins Zimmer. »Die Polizei ist hier.«
Roan sah Cam an. »Ich weiß, dass ich viel zu erklären habe, aber…«
Cam schüttelte den Kopf. »Ich rede mit der Polizei. Und sage ihnen, was ich kann.«
»Ich muss ihn umziehen«, flüsterte Roan und blickte auf den süßen kleinen Jungen in seinen Armen hinunter. Er versuchte, gegen die Tränen anzukämpfen. Es hasste es, dass dieser wunderbare Junge jetzt ohne seine Mutter durchs Leben gehen musste. Roans eigene Mutter war zwar nicht gestorben, doch er hatte sein Leben so geführt, als wäre sie es.
»Klar doch. Ich werde… ähm… ja.«
Roan drehte sich zum Wickeltisch um und legte Liam in der Mitte ab. Dann machte er sich daran, ihn aus der nassen Kleidung zu schälen und die durchweichte Windel so schnell und so effizient zu wechseln, wie er konnte. Gott wusste, dass er während der vergangenen vier Wochen oft genug hatte üben können.
Als er fertig war, warf er die schmutzige Windel in den Eimer, hob Liam hoch, bettete ihn vorsichtig an seine Schulter und legte eine Hand auf seinen Rücken, sodass seine Finger den Kopf sicherten. Noch einmal sah er sich im Zimmer um. Alles hier war neu. Das Kinderbett, der Wickeltisch, die Kommode. Roan hatte jedes Möbelstück gekauft, jedes Kleidungsstück, die Windeln, die Feuchttücher, das Puder, die Babywanne. Alles.
Jede einzelne Sache für Liam hatte Roan für ihn besorgt. Und zwar nicht widerwillig. Er hatte die Dinge gekauft, weil er dafür sorgen wollte, dass es Liam an nichts fehlte.
»Was machen wir jetzt, Kleiner?«, flüsterte er auf dem Weg in die Küche.
Ein kurzer Blick auf die Anrichte bestätigte, was er befürchtet hatte. Cassie hatte ihn heute Abend nicht gefüttert. Jeden Tag füllte Roan die Fläschchen mit Wasser und stellte sie für Cassie auf die Anrichte. Sie musste dann nur noch das Milchpulver hinzufügen. Roan platzierte die Dose sogar neben den Fläschchen und hatte einen Notizzettel drangeklebt, auf dem stand, wie viel Pulver sie dazugeben musste. Indem er die Fläschchen bereitstellte, behielt Roan den Überblick, was sie getan oder auch nicht getan hatte. Meistens hatte seine Schwester es versucht. Genauer gesagt hatte sie es versuchen wollen.
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