Auch Ragnhild ergriff unerwartet das Wort: »Habt ihr von Ghandi gehört, diesem seltsamen Inder?« Auf diese Frage seiner Tochter hin rümpfte Albert die Nase, so als wäre Ghandi ein genauso lächerliches Wort wie Lysistrata. »Er hat gegen die Kolonialherren gekämpft, und das ohne Gewaltanwendung«, fuhr Ragnhild fort. »Im Zusammenhang mit dem, was man den Salzmarsch genannt hat, sahen sich die Briten gezwungen, 60.000 Inder zu verhaften.«
»Das wäre wirklich mal was«, sagte Harald mit einem zustimmenden Nicken.
Sigurd rückte auf seinem Stuhl herum, wie um seine Verständnislosigkeit darüber auszudrücken, wie auch nur irgendjemand diesen wirklichkeitsfernen Unsinn ernst nehmen könne.
»Ja, das wäre ein Anblick«, sagte der Onkel. »Harald, der vor den Panzern auf der Svinesundbrücke steht, eingewickelt in ein weißes Tuch aus dem Theatercaféen.«
»Und zum Zeichen des Friedens mit einer Serviette wedelt«, stimmte Sigurd ein.
»Du warst schon immer ein verdammter Kriegstreiber!«, rief Harald. Als spräche er gewissermaßen nur zu Ragnhild und Maud, begann er davon zu erzählen, wie Sigurd als kleiner Junge ein riesiges Modell der Skagerrakschlacht gebastelt hatte, der größten Seeschlacht des letzten Krieges, wie er kleine Boote auf einer gigantischen, gezeichneten Karte der Nordsee hin und her geschoben hatte. »Er war so vertieft in dieses Spiel, dass ihm der Sabber runterrann. Er hätte Admiral werden sollen!«
»Du bist ein Träumer, Harald. Lass den Krieg nur kommen, sage ich.« Sigurd war so erregt, dass er halb aufgestanden war. »Es wird Zeit, dass endlich einmal etwas passiert in diesem verflucht sicheren Land. Sehnst du dich denn nicht danach, etwas Heldenmutiges zu vollbringen?«
»Jedenfalls nicht in einem Krieg«, sagte Harald.
»Na, na, nicht so laut«, sagte Rita. »Sigurd, nimm noch von der Ente. Und du, Harald, reich mir die Schüssel mit den eingelegten Äpfeln.« Plötzlich wurde sie gewahr, dass zwischen den beiden Brüdern etwas war, dass da etwas verborgen lag und dieser Streit über Krieg oder nicht Krieg, ihre Versuche, sich gegenseitig lächerlich zu machen, lediglich als Tarnung dienten für etwas anderes, für einen tiefer sitzenden, ernsten Konflikt. Ging es um Maud? Wieso hatte sie ausgerechnet das über Lysistrata gesagt? Schon bei der Ankunft der Gäste in der Villa hatte Rita einen kurzen Einblick bekommen. Anstatt direkt ins Wohnzimmer zu gehen, hatte Harald versucht, Maud über die Treppe ins Obergeschoss hinaufzuziehen. »Wir müssen darüber reden«, glaubte Rita, ihn sagen gehört zu haben, mit einem Flüstern, aus dem sie Verzweiflung herausgehört hatte; er hatte Maud am Handgelenk gepackt, doch sie hatte jähzornig ihren Arm zurückgezogen. »Fass mich nicht an!« Ausgerechnet diese Worte hatte Rita deutlich vernommen.
In Gedanken suchte sie nach etwas, was die Gemüter zum Abkühlen bringen könnte, und ihr fiel ein, dass sie neulich Halvdan Koht im Fjellveien getroffen hatte, sie hatte es nie für etwas Besonderes gehalten, beim Spazierengehen dem Außenminister über den Weg zu laufen, ihre gesamte Kindheit hindurch war sie es gewohnt gewesen, Personen, die von vielen als Vorbilder und Helden angesehen wurden, oder die immerhin wichtig oder berühmt waren, zu grüßen und Gespräche mit ihnen zu führen, und jetzt erzählte sie ihren Gästen von ihrer Begegnung mit Außenminister Koht, der gesagt habe, er glaube nicht, dass Norwegen in den Krieg hineingezogen werde. »Das Beste, was wir tun können«, hatte er gesagt, »ist, darauf zu achten, dass unsere Neutralität nicht von anderen Nationen verletzt wird.«
Das brachte Sigurd nur noch mehr auf die Palme, er nannte Koht einen blauäugigen Antimilitaristen. Rita hörte kaum noch zu, saß da und starrte auf das glühende Walnussholz der Anrichte, auf dessen verborgenes Muster. Auch die anderen mischten sich jetzt ein, sprachen über Koht und England und die von Deutschland ausgehende Kriegsgefahr, die von allen unterschätzt werde, Rita spürte, wie ihr schwindlig wurde bei dem Gerede, das heißt, die Männer waren es, die redeten, sich gegenseitig das Wort redeten, über das deutsche Schiff Altmark, über den Jøssingfjord, irgendwas über Finnland, über Churchill, über Hambro, sollte nicht er das Land regieren anstatt Nygaardsvold und blablabla. Der Inhalt verschwand vor ihr. Am Ende fing sie nur noch einzelne Wörter auf, Phrasen … Norwegen … Ehre … unsere verdammte PFLICHT … Eidsvoll, verflucht noch eins … der König … die Deutschen sind unsere Freunde … Gewissen … bevor Sigurd schließlich sagte, es sei eine Schande, sie müssten etwas tun, es könne sich nur mehr um Tage handeln, bis die Deutschen vor der Tür stünden, sie sollten sich bereitmachen, sollten schon jetzt in den Wald aufbrechen, rauf zu Mauds Hütte, dieser Krieg, ob sie es wollten oder nicht, werde hierherkommen, Hitlers Appetit auf Land sei noch nicht gestillt, jetzt sei Norwegen an der Reihe.
Die Stimmung, der ganze Abend, stand im Begriff, sich anders zu entwickeln, als Rita gehofft hatte. Sie starrte auf das halbe Stück trockenen, ja, zu trockenen Entenfleischs, das noch auf ihrem Teller lag, und suchte nach etwas anderem, worüber man sich unterhalten konnte, während Max eine Vorlesung über deutsche Geschichte hielt, über England und Frankreich, über Russland, gepaart mit Kunstgeschichte. Seine Sympathie für das Deutsche schimmerte hindurch, und Rita fiel wieder ein, dass er kürzlich erst eine Chronik über »eine neue Renaissance für Deutschland« geschrieben hatte, irgendetwas in der Art. Albert sagte etwas über Krupp, über die deutsche Industrie, pflichtete seinem Freund bei, Harald brachte Einwände vor, auch Sigurd meldete sich wieder zu Wort, worauf sie erneut zu streiten anfingen. Rita hörte nicht mehr zu, gab Dagny ein Zeichen, die gerade die Teller hinauszutragen begann.
»Trotzdem verstehe ich nicht, wie die Deutschen, mit ihrer reichen Geistestradition, einem Scharlatan und Rüpel wie Hitler auf den Leim gehen können.« Wieder war es Maud, ihre klare, angenehme Stimme.
Rita ertappte sich bei einem anerkennenden Nicken, und während sie die glänzenden Dessertteller aufdeckte, sah sie die Gelegenheit gekommen, auf die schonungslosen Artikel über das dämonische Element im deutschen Nationalsozialismus zu sprechen zu kommen, die Konrad in den letzten Jahren für die Zeitung verfasst hatte. Worauf die Menschen hereinfielen, hatte er geschrieben, und was bei so vielen Menschen Sympathie für Hitler wecke, sei seine Fähigkeit, Politik in Ästhetik zu verwandeln. Er habe es geschafft, die ganze deutsche Gesellschaft in ein Theater umzugestalten. Man schaue sich bloß die erschreckenden Parteiversammlungen in Nürnberg an!
Max beäugte sie missbilligend, nicht so sehr in Hinblick auf ihre Argumentation, als vielmehr, weil sie den Namen Konrad Steen erwähnt hatte. Er faselte irgendetwas von wegen, wie sehr der deutsche Blitzkrieg ihn in seinen Bann gezogen habe. Polen! Was für eine Effektivität! Müsse man da nicht zumindest ein bisschen beeindruckt sein von den Deutschen?
Was ist das nur mit den Männern, dachte Rita, während sie das Silbertablett mit dem Karamellpudding so auf dem Tisch abstellte, dass Ragnhild sich als Erste bedienen konnte: Diese jungenhafte Begeisterung für Technologie und Strategie, die sie zu einem völligen Außerachtlassen der daraus resultierenden Folgen befähigte: die Tausenden und Abertausenden von Leichen, junge Männer – Männer wie Sigurd und Harald –, die im Schlamm begraben lagen.
»Noch jemand Wein?«, fragte Rita. Sie hatte einen Sauternes servieren wollen, aber schlicht und einfach vergessen, einen zu besorgen.
Sie sollte zur Gegenrede ansetzen. Obwohl sie am liebsten über etwas anderes geredet hätte. Egal worüber, nur eben etwas anderes. Über die Krokusse, die an der Hauswand entlang auftauchten. Über Johann Sebastian Bach. Trotzdem. Niemand an diesem Tisch wusste mehr über Geschichte als sie. Sie musste etwas sagen. Die Perspektive umkehren. Doch sie blieb einfach nur sitzen und hörte zu, nippte von ihrem Getränk, als säße sie im Publikum bei einer Veranstaltung, und ließ sich blenden, genau wie die Frauen zu allen Zeiten, ließ sich blenden von diesen Männern, von ihren Argumentationsreihen, die sich gewiss auf lange Zeitungsartikel gründeten oder auf Bücher, die sie gelesen hatten. Zudem war sie keine geschickte Rednerin – hatte sie vielleicht deshalb die Stelle nicht bekommen? Doch dann, als sie den Geschmack von Dagnys Karamellpudding genoss, oder wenigstens zu genießen versuchte, kam ihr der Verdacht, dass diese vier redseligen Männer weniger wussten, als sie zu wissen vorgaben, viel weniger, oder dass das, was sie hier darlegten, eigentlich ein Ausdruck von Gefühlen war, verkleidet in vernünftige Rhetorik. Und sie erkannte hinter all dem, dass dieser ganze Wortwechsel lediglich Konversation war, etwas, das sie auf dieselbe Weise genossen wie die Zigaretten, die sie in den Händen hielten. Es waren nur Worte, etwas, womit man focht, womit man Status herstellte. Selbst Sigurd befürchtete eigentlich keine deutsche Invasion, er flirtete bloß mit der Angst.
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