003 Ehrung von Fred Mayer im US-Senat, April 2013.
Im Jahr 2009 brachte Quentin Tarantino seinen Spielfilm Inglourious Basterds in die Kinos. 6In den Medien wurde das Epos über den intellektuellen SS-Offizier Hans Landa (Christoph Waltz), die junge Jüdin Shosanna Dreyfus, die Rache an den Nazis für die Ermordung ihrer Familie durch Landa nimmt, und eine Gruppe hemdsärmeliger jüdischer Agenten unter der Führung von Lieutenant Aldo Raine (Brad Pitt), deren einziges und erklärtes Ziel es ist, so viele Nazis wie möglich auf möglichst grausame und schmerzhafte Art zu töten – sie zu skalpieren –, vielfach direkt auf die Operation Greenup bezogen. Manche behaupteten sogar, die Operation Greenup sei die historische Vorlage gewesen, habe Tarantino zu dem Film inspiriert. 7Andere protestierten gegen Tarantinos Darstellung rachsüchtiger jüdischer Agenten als einen schlechten Witz, über den die jüdischen Veteranen des Kampfes gegen NS-Deutschland nicht lachen könnten. In Wirklichkeit seien die geheimen jüdischen Kommandos weit heroischer gewesen als Tarantinos Wildwestfiguren, weil sie eben keine blutrünstigen Todesschwadronen gewesen seien, sondern effektive Beiträge zum Sieg über Nazi-Deutschland geleistet hätten. 8
Doch Tarantino generierte mit seiner radikalen Umkehrung von Gewaltverhältnissen und der Umstülpung gängiger Charaktermasken eine Vorstellung davon, dass es Einsätze gegeben haben könnte, die seinem Plot und seinen Figuren nahekamen. Sein Film erzeugte ein neues Interesse an Einsätzen ›hinter den feindlichen Linien‹. Musste man davor noch langwierig erklären, was Einsätze des OSS oder der britischen Special Operations Executive (SOE) waren, genügte nun ein Verweis auf Inglourious Basterds , um Interesse für das Thema zu bekommen. Die Fiktion wurde zum Aufhänger für Berichte über reale Einsätze, in denen die cineastische Utopie der Gegengewalt wieder zurechtgerückt und in Ordnung gebracht wurde. So nannte die kanadische Regisseurin Min Sook Lee ihre 2012 fertiggestellte Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm über die Operation Greenup The Real Inglorious Bastards . Die deutsche Wochenzeitung Die Zeit erhob ein Zitat Frederick Mayers, das Tarantinos Film am nächsten kam – »Wir wollten Nazis töten!« –, zum Aufhänger einer verdienstvollen Geschichte, aber schon der Untertitel musste zurechtrücken, dass es letztlich ›nur‹ um einen Beitrag zur Bewahrung Innsbrucks vor der Zerstörung durch die amerikanischen Truppen ging. 9
Während Tarantinos Korrektur der Geschichte mit einem erfolgreichen Anschlag auf die Führungsriege des NS-Regimes und der permanenten Kennzeichnung Landas als Nazi durch den OSS-Agenten Raine endete, verwischte die Geschichtsschreibung die Spuren des jüdischen Widerstands. Patrick K. O’Donnells Buch They Dared Return. An Extraordinary True Story of Revenge and Courage in Nazi Germany wiederholte im Grunde Joseph Persicos Darstellung von Fred Mayer in Piercing the Reich . Sein moralischer Triumph scheint gerade darin zu liegen, eben nicht Gewalt mit Gewalt zu vergelten, sondern sich durch Leidensfähigkeit sogar den Respekt von Gauleiter Franz Hofer und dem Innsbrucker Kreisleiter Max Primbs erworben zu haben. Üble Figuren geraten dabei gewissermaßen zu ›Edelnazis‹, denen die Amerikaner – den gemeinsamen Feind Kommunismus vor Augen – aus dem Schlamassel ihrer Niederlage helfen, indem sie mit ihnen Deals abschließen, um sich des Nationalsozialismus zu entledigen. Als Bösewicht übrig bleibt der kleine Gestaposchläger Walter Güttner, ein Hutmacher aus Berlin, der auf Befehl gefoltert hat. Diese Art der OSS-Veteranenliteratur hat also ihre Tücken. Sie war und ist allerdings im gesellschaftspolitischen Effekt harmlos im Vergleich zu dem, wie in Deutschland und Österreich über Jahrzehnte hinweg über den Einsatz von Wehrmachtssoldaten in ganz Europa publiziert worden ist. Die Erinnerungen von Franz Weber, die in drei längeren Ton- und Videoaufnahmen erhalten sind, wären in ihrer Zeit – den 1970er- und 1980er-Jahren – Dissonanzen im Konzert der monotonen Darstellungen anständig erfüllter Soldatenpflicht gewesen – hätte es die gesellschaftliche Bereitschaft dafür gegeben, sie wahrzunehmen. Mit Ausnahme eines 1988 in der Literaturbeilage Spectrum der Tageszeitung Die Presse vom Journalisten Hans Haider publizierten Interviews kam es dazu nicht. Webers Geschichte war ein Bastard, der in die Geschichtsschemen der Zweiten Republik nicht passte. Er selbst veränderte den Umgang mit seiner Kriegs-, Desertions- und Greenup-Geschichte im Lauf seiner Karriere als Nationalrats- und Landtagspolitiker der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP). In Österreich trat er damit offen erst nach seiner Pensionierung auf. 10
004 Cover von Fritz Moldens »Fepolinski & Waschlapski«, Taschenbuchausgabe.
Die deutschsprachige Literatur zur Operation Greenup ist weitgehend österreichische Nationalliteratur im engen Sinn des Wortes geblieben. Das trifft vor allem auf das in vielerlei Hinsicht fantastische Buch des Wiener Verlegers Fritz Molden, Fepolinski & Waschlapski auf dem berstenden Stern , zu: großartig zu lesen, in vielen Aspekten wunderbar erfunden, als verlässliche Quelle für eine Ereignisgeschichte mit größter Vorsicht zu genießen. Der ehemalige Wehrmachtsdeserteur und OSS-Kontaktmann stellte die Missionen des amerikanischen Geheimdiensts in den Donau- und Alpengauen des Deutschen Reichs als Ergebnis eines Generalplans dar, den er Anfang November 1944 mit seiner Widerstandsorganisation o5 entworfen habe: »[…] ferner hatten wir drei Orte festgelegt, an denen Offiziere zur Ausbildung von Partisanen eingesetzt werden sollten. Der erste Platz war das Ötztal, wo später Fred Mayer absprang. Der zweite Platz war die Kemater Alm bei Innsbruck, wo dann Joe Franckenstein […] und Karl Novacek als Trainingsoffiziere eingesetzt wurden, und der dritte Platz war Kärnten, in den Bergen bei Bleiburg, wo Rudolf Charles von Ripper absprang und Partisanen schulte.« 11Wenig davon ist wahr. Das wäre an sich noch kein Drama, aber Moldens Erzählungen und sein Buch haben die Geschichtsschreibung zum antinazistischen Widerstand im deutschsprachigen Raum beeinflusst und in Österreich geprägt wie kaum andere, zumal auch internationale Historiker wie Radomir Luža sie in ihren Werken exzessiv als Tatsachenberichte zitiert haben. Bis heute erfreut sich Fepolinski & Waschlapski als historisch zuverlässige Quelle größter Beliebtheit. 12
005 Hans Wijnberg und Fred Mayer in Oberperfuss, Mai 1945.
006 Franz Weber nach der Aufnahme zum OSS, Bari, Februar 1945.
Tatsächlich hatten Fritz Molden, die O5 und die angebliche österreichische Untergrundregierung POEN (die zu diesem Zeitpunkt nur in Moldens beeindruckendem Vorstellungsvermögen existierten) mit der Idee, der Planung und der Durchführung von Fred Mayers Operation Greenup nicht das Geringste zu tun; die Kemater Alm im Tiroler Gebirge als Ausbildungsort für Widerständler blieb der schwärmerische Traum eines bürgerlichen Wieners; und der aus Österreich stammende mythenumrankte Künstler Rudolf Charles von Ripper war zwar beim OSS, hat während des Krieges aber weder die Berge bei Bleiburg gesehen noch die waghalsige Flucht aus Kärnten erlebt, die Molden in seinem Buch so dramatisch beschrieben hat. Rippers OSS-Projekt ›Gilpin‹ wurde zwar geplant, aber nicht mehr realisiert. Als Mitarbeiter des OSS kam Ripper erst am 7. Mai 1945 ganz unspektakulär in einem Lastwagen des OSS über Paris und Regensburg nach Salzburg. 13Als Tatsachenbericht, wie im Vorwort angekündigt, untauglich, nahm Fepolinski & Waschlapski vielmehr das Drehbuch von Inglourious Basterds vorweg, mit dem einen Unterschied, dass bei Molden nicht zurückgekehrte Juden, sondern verwegene Tiroler und Wiener Burschen Austriaca-Szenen wie die folgende auf der Kemater Alm gaben: »Wir haben ihnen eine halbe Stunde lang ein ordentliches Gefecht geliefert, dann ging uns die Munition aus, und ich sagte den Burschen, unseren Partisanen-trainees, sie sollten hinten über die Alm verschwinden, wir würden die SS schon noch zehn Minuten aufhalten. Zuerst wollten die jungen Burschen nicht abhauen, das waren ordentliche Gesellen, aber dann gingen sie endlich doch. Wir verschossen die letzte Munition, und die SS kam immer näher. Karl und ich hatten noch ein paar Handgranaten. Die warfen wir hinaus, und dann rannten auch wir. Wir kamen ganz gut davon und waren schon fast oben auf dem Hügelkamm, hinter dem wir geschützt gewesen wären, als es Karl erwischte. Sie schossen uns mit einem Maschinengewehr nach, und eine ganze Garbe muss ihn erwischt haben. Er fiel um wie ein Baum. Ich drehte mich um und kniete neben ihm nieder, aber es war schon zu spät.« 14
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