024 Auszug aus Fred Mayers Personalakt beim Office of Strategic Services mit einer Bewertung seiner Fähigkeiten durch Alfred C. Ulmer, November 1945.
Als Erster fand der 17-jährige Fred einen Job in einer Autolackiererei, dann bei einem Ford-Händler, was allerdings nicht genug einbrachte, sodass er während der ersten sechs Monate nachts zusätzlich bei einem Taxiunternehmen Getriebe reparierte. Nach einiger Zeit ergatterten auch der Vater und Bruder Julius erste Jobs als Tellerwäscher. Der Vater war mit Anfang 50 körperlich noch fit und hinsichtlich der Sprache lernfähig genug für derartige Hilfsjobs, seine Schwager Max Heumann, 59 Jahre alt, und Berthold Ackermann, 61 Jahre alt, fanden keine Arbeit mehr. Fred wechselte häufig den Arbeitsplatz, immer auf der Suche nach einem besseren Verdienst, um das Familieneinkommen zu verbessern, und sei es auch nur um einen Dollar. Als Mechaniker standen ihm in der wachsenden Automobilwirtschaft viele Gelegenheiten offen.
025 Die SS Manhattan am Delaware River, New Jersey.
Fred lernte die Straßen und Nachbarschaften Brooklyns rasch kennen. Er eignete sich dabei eine Eigenschaft an, welche die Amerikaner ›streetwise‹ nennen. Er wurde gewieft im Erkennen und Nutzen von Gelegenheiten, im Organisieren von Chancen. Dieser Spürsinn für das im Augenblick Mögliche sollte ihm bei der Operation Greenup zugutekommen. Bald erhielt er eine feste Anstellung in einem General-Motors-Werk. Besser verdiente im Haushalt nur sein Cousin Kurt. Er arbeitete als Metzger, wahrscheinlich in der 18. Avenue, wo es einen lebhaften Markt mit koscheren Fleischern, Bäckereien und Läden gab. Das Haushaltseinkommen lag bei 4160 Dollar, das die vier Männer mit Ganztags- und Ganzjahresarbeit ohne Urlaub zusammenbrachten, 600 Dollar entfielen allein auf die Miete. Die Mitglieder der Heumann-Familie konnten ihre Kenntnisse des Viehhandels und der Fleischerei zwar nicht wie die eingewanderten Pelz-, Textil- und Juwelenhändler in Neugründungen umsetzen, fanden aber gute Jobs im Fleischgroßhandel, wahrscheinlich in Betrieben früherer jüdischer Einwanderer. 87Die Ackermanns hatten es vor dem Hintergrund ihrer Lagerhaus-Vergangenheit schwerer: Die vierköpfige Familie musste mit dem niedrigen Einkommen eines Sohnes, der als Verkäufer arbeitete, auskommen.
Insgesamt hatte sich die ökonomische Situation der drei Familien gegenüber den frühen 1930er-Jahren ziemlich verschlechtert; sie mussten äußerst sparsam leben und sehr hart und viel für ihre Existenz arbeiten. Für die Elterngeneration war die Veränderung extrem und im Vergleich zu dem, was eine Existenz in einem Deutschland ohne Nationalsozialisten geboten hätte, ein dramatischer Verlust an ökonomischer Sicherheit und sozialem Status. Heinrich Mayer fasste 1954, im Alter von 67 Jahren, sein Befinden zusammen: »Ich bin heute ein alter Mann in einem Lande, dessen Sprache ich noch nicht ganz meistere, krank, ohne Arbeitsmöglichkeit, ohne Einkommen und […] muss (mit meiner Frau) meine Kinder um Hilfe bitten. Geld allein kann nie den Schaden, den ich erlitt, wiedergutmachen. Anstatt eines angesehenen Bürgers bin ich ein arbeitsloser Niemand.« 88Für die Zerstörung des Lebens seiner Eltern hasste Fred Mayer Hitler und die Nazis.
Den Jungen stellte Brooklyn, wie wir bereits bei Hans Wijnberg gesehen haben, keine Hürden auf. Fred Mayer berichtete Gerald Schwab von einem einzigen negativen Zwischenfall. Einer seiner Arbeitgeber äußerte sich antisemitisch über einen Kunden, worauf Fred heftig widersprach und kündigte. Er hatte keine Probleme, einen neuen Job zu finden. Doch Antisemitismus war in den 1930er-Jahren auch in den USA virulent, wenn auch nicht in staatliche Politik gegossen wie in Deutschland. In den Straßen Brooklyns agitierte 1938 und 1939 die Christian Front des katholischen Priesters und Radiopredigers Charles Coughlin gegen Juden, rief zu Boykotten jüdischer Geschäfte auf und demonstrierte gegen die Aufnahme von jüdischen Flüchtlingen aus Europa. 89Die Antisemiten führten die Konkurrenz am Arbeitsmarkt ins Treffen und forderten einen Isolationismus à la ›America first‹.
026 Kensington in Brooklyn, erster Wohnbezirk der Familie Mayer nach der Flucht 1938.
Aus der Distanz betrachtet, polarisierte sich die Stimmung gegenüber Einwanderern aus Europa im Jahr 1938 merklich. Auf den sprunghaften Anstieg der Nachfrage nach Visa infolge der Machtexpansion der Nationalsozialisten nach Österreich im März 1938 und der Novemberpogrome im selben Jahr reagierte die amerikanische Regierung daher zunächst abwehrend. Obwohl die Einwanderungsquoten im jährlichen Durchschnitt bei weitem nicht ausgeschöpft waren, zog die Regierung unter Präsident Franklin D. Roosevelt administrative Hürden ein, die dazu führten, dass 1938/39 tausende Juden in Europa festsaßen. Im Frühjahr 1939 wiesen die USA das Flüchtlingsschiff St. Louis mit fast 1000 Juden an Bord ab und zwangen es zur Rückkehr nach Belgien. Ein Viertel der Abgewiesenen wurde von den Nationalsozialisten ermordet, nachdem die Wehrmacht Belgien, die Niederlande und Frankreich erobert hatte. 90Dennoch waren es die USA, die letztlich die meisten jüdischen Flüchtlinge aufnehmen sollten. Es waren allerdings private, meist jüdische, Hilfsorganisationen, die Juden aus Europa in die USA retteten, indem sie auf die öffentliche Stimmung in den USA einwirkten, die erforderlichen Unterstützungserklärungen von Privatpersonen sammelten, dadurch Visaerteilungen erzwangen und Schiffstransporte aus Frankreich und Portugal organisierten. Dieses Engagement prägte bei vielen Flüchtlingen, die es schafften, den Atlantik zu überqueren, die Wahrnehmung der USA als eines hilfreichen Aufnahmelands und einer liberalen Gesellschaft, die einen Neuanfang ermöglichte – zu Recht und unbedingt im Vergleich zu jenen barbarischen Verhältnissen, denen sie entkommen waren und vor denen der Antisemitismus in den USA als verkraftbar verblassen musste. Ähnlich wie Hans Wijnberg verspürte Fred Mayer eine tiefe Dankbarkeit für die amerikanische Gesellschaft, für die Möglichkeiten, die ihm Brooklyn bot.
Als japanische Kampfflugzeuge am 7. Dezember 1941, einem Sonntagmorgen, den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor angriffen, standen die USA unter Schock – der Eintritt in den Krieg gegen Deutschland und Japan war nun unvermeidlich, selbst mit den unglaublich schwachen Streitkräften, die dem Land zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung standen. Montagfrüh fuhr Fred Mayer nicht wie gewöhnlich nach Long Island City zur Arbeit bei General Motors, sondern nahm die U-Bahn nach Lower Manhattan und lief hinunter zum Battery Park an der Landspitze, um sich im monumentalen Whitehall Building in die Armee einzuschreiben. An die Motive dafür erinnerte er sich sehr klar: »Bei mir kamen Hass und Liebe zusammen. Hass auf die Nazis und Liebe zu Amerika.« 91
027 Fred Mayer, ab 1942 Soldat der US Army.
Er musste sich gedulden. Seit die USA im Herbst 1940 die Wehrpflicht eingeführt hatten, waren zwar auch Einwanderer, die noch keine Staatsbürgerschaft hatten, verpflichtet, sich registrieren zu lassen. Das System der tatsächlichen Einberufung war aber auf regionaler Ebene unterschiedlich organisiert, kompliziert und beruhte auf einer Art Lotterie, hing also nicht davon ab, ob sich jemand freiwillig meldete. Nichtstaatsbürger hatten zudem nur dann das Recht, sich freiwillig zu melden, wenn sie die Staatsbürgerschaft bereits beantragt hatten. 92Fred Mayer besaß diese ›first papers‹ zwar schon, musste aber auf eine Einberufung warten. Warten war nicht seine Sache, er suchte nach Möglichkeiten der Beschleunigung und die ergaben sich, als sein Bruder Julius die Einberufung erhielt. Da Julius sich auf einem College eingeschrieben hatte und noch etwas Zeit für den Abschluss benötigte, ersuchte Fred die Einberufungsbehörde darum, ihn statt Julius zu nehmen.
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