Endlich ist der Verlag wieder im Aufwind, und der Umzug von Potsdam nach Berlin verkürzt die Wege erheblich, nicht nur zu den Autoren, sondern auch in die einschlägigen Cafés und Restaurants, was im Zweifel dasselbe ist. Außerdem sucht sich Fritz Landshoff Verstärkung, seinen Studienfreund Hermann Kesten verpflichtet er als Lektor, ebenso Walter Landauer, mit dem er einst auf dasselbe Gymnasium gegangen war. Man kennt sich, man mag sich und hat dieselben Vorstellungen davon, was gute deutsche Literatur ausmacht. So könnte es weitergehen.
Weil sein Programm als linksbürgerlich gilt, reagiert der Gustav Kiepenheuer Verlag jedoch besonders sensibel auf die massiven Verschiebungen in der politischen Landschaft Anfang der 1930er Jahre. Die kurz vor der Machtergreifung Hitlers erscheinenden Volksausgaben von Karl Marx’ Das Kapital und Sigmund Freuds Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse zeugen zwar von einer gewissen historischen Weitsicht, können die Geschichte aber nicht aufhalten. Von den je 50.000 bereits gedruckten Exemplaren werden die meisten beschlagnahmt, ein ideeller und finanzieller Tiefschlag zugleich. Zwar schreibt Fritz Landshoff noch am 3. Februar 1933 an Arnold Zweig: »Wir machen weiter!«, doch die Nationalsozialisten haben den Verlag längst ins Visier genommen. So jedenfalls beschreibt es Hermann Kesten fünfzig Jahre später in einem Fernsehinterview.
Etwas verschwommen flimmert es über den Bildschirm meines Computers, und zunächst bin ich erstaunt über den Ort des Geschehens. Man stelle sich vor: Im gut besuchten Café Kranzler am Kurfürstendamm in Berlin befragt 1983 ein etwas steifer Moderator die betagten Herren Landshoff und Kesten zu ihren Lebensläufen. Um sie herum hocken nur unwesentlich jüngere Herrschaften bei Kaffee und Kuchen, und einige von ihnen würden vermutlich zusammenzucken, forderte man sie auf, sich hier und jetzt zu ihrer eigenen Vergangenheit zu äußern. Die Stimmen schwirren, das Geschirr klappert, so dass man sich fast in einem Loriot-Sketch wähnte, wären Fritz Landshoff und Hermann Kesten nicht zu sehr Gentlemen, um sich von solchen Umständen aus dem Konzept bringen zu lassen. Fritz Landshoff, nun bereits 82 Jahre alt, hellwach, charismatisch, mit eindrucksvoll großem Kopf und voller weißer Mähne, schlägt diplomatisch den Bogen, wenn er erzählt, wie er schon einmal im Kranzler gesessen habe, zusammen mit dem Schriftsteller Georg Kaiser. An das Datum erinnere er sich noch genau, es sei der 30. Januar 1933 gewesen. »Irgendwann ist ein Zeitungsjunge hereingekommen, mit einer Sonderausgabe der B. Z., und der hat gerufen ›Hitler Reichskanzler, Hitler Reichskanzler!‹ Georg Kaiser hat daraufhin nur trocken bemerkt: ›Ein Kegelverein verändert seinen Vorstand.‹«
Mit welcher Wucht dieser Vereinsvorstand sich ins Getriebe der Geschichte werfen würde, darüber können die Männer im Café am Kurfürstendamm zu jenem Zeitpunkt nur mutmaßen, doch die Gedankenspiele über einen Umzug des Verlages hätten schon bald eingesetzt. »An die Schweiz, an Österreich und die Tschechoslowakei haben wir gedacht«, erzählt Landshoff, »schon weil wir uns dort als deutscher Verlag einen ausreichenden Kundenstamm erhofften. Aber an Holland? Keiner von uns hatte an Holland gedacht.«
Eigentlich erstaunlich. Schließlich haben die Niederlande auch Anfang des 20. Jahrhunderts den Ruf eines besonders liberalen und weltoffenen Landes. Doch auf der kulturellen Weltkarte ist dieses Land nur dürftig verzeichnet, die Auswahl an Übersetzungen niederländischer Literatur ist überschaubar, lediglich der Roman Max Havelaar von Eduard Douwes Dekker – veröffentlicht unter dem Pseudonym Multatuli – wird zum echten Verkaufsschlager. Umgekehrt dagegen eilt den deutschen Schriftstellern ihr Ruf voraus. Thomas Mann, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger oder Joseph Roth sind in Amsterdam, Utrecht und Den Haag klingende Namen, sie werden mit Interesse gelesen, ob nun im Original oder in der Übersetzung. Ganz zu schweigen von Karl May und Hedwig Courths-Mahler, die ihr ganz eigenes, noch viel größeres Publikum erreichen. Wie kommt es also zu dieser literarischen Einbahnstraße? Am Selbstbewusstsein der Niederländer kann es nicht liegen, aber vielleicht daran, dass man in Deutschland bei niederländischer Kunst eher an Malerei als an Literatur denkt und dass auch die Holländer selbst ihre Alten Meister höher schätzen als ihre Dichter? Einer der wenigen niederländischen Historiker, die mit ihrem Werk tatsächlich Weltruhm erlangen, hat sich diese Frage auch gestellt. Abgesehen davon, dass der Name Johan Huizingas in jedem Land anders und meistens falsch ausgesprochen wird – »Heusincha« trifft es noch am ehesten –, werden seine Hauptwerke Herbst des Mittelalters und Homo ludens bis heute gelesen. Seine kulturkritischen Texte jedoch kann ich an einem kühlen Herbsttag vor einem kleinen Antiquariat an der Amsterdamer Singel aus der Kiste mit Sonderangeboten fischen. Ganze zwei Euro kosten Huizingas Cultuurhistorische verkenningen (Kulturhistorische Erkundungen) aus dem Jahr 1929, in denen sich unter anderem ein ausführlicher Beitrag zum Einfluss der deutschen Kultur auf die Niederlande findet, vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Über die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts heißt es da: »Der durchschnittliche wohlhabende Niederländer reiste erst an den Rhein, dann in den Harz, schließlich auch nach Thüringen oder in den Schwarzwald; die Schweiz blieb wenigen vorbehalten. Bis in die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts hinein, ehe die junge Malerei und Literatur ihnen die Schönheit des eigenen Landes wieder kräftig einflüsterte, blieben für die Niederländer ›die Berge‹, und das waren die deutschen Berge, das Ideal der Naturschönheit. Die Generation um 1860 kannte Schiller, und vor allem Heine, besser als die eigenen Dichter, und sie interessierte sich mehr für Wasserfälle als für das Mysterium des holländischen Lichts.«
In Emanuel Querido, dem Verleger, der Nico Rost zu Fritz Landshoff schickt, muss etwas von dieser Haltung nachklingen. Ende des 19. Jahrhunderts aufgewachsen und dreißig Jahre älter als Landshoff, spricht Querido selbst zwar nur wenig Deutsch, doch seit der Gründung seines niederländischen Verlages im Jahr 1915 hat er immer wieder Übersetzungen deutscher Romane herausgegeben, von denen nicht wenige zu Bestsellern wurden. Kaum dass »seine« deutschen Autoren im eigenen Land nicht mehr erscheinen dürfen, reagiert er deshalb mit einem ihm völlig logisch erscheinenden Schritt, nicht ahnend, dass der Amsterdamer Verleger Gerard de Lange zur gleichen Zeit dieselbe Idee hat.
»Keiner von uns hatte an Holland gedacht«, sagt Fritz Landshoff 1983 im Café Kranzler und fügt hinzu: »Es sind die holländischen Verleger gewesen, die die Initiative zu der Gründung dieser Verlage genommen haben.«
Im April 1933 reist Fritz Landshoff also im Nachtzug nach Amsterdam, und man kann nur darüber spekulieren, was im Kopf des 31-Jährigen vorgeht. Vermutlich versucht er zu lesen, doch schweifen seine Gedanken immer wieder ab, weil er sich ausmalt, wie die nächsten Monate und Jahre seines Lebens verlaufen könnten. Auch Fritz Landshoff muss den Gendarmen an der deutsch-niederländischen Grenze seinen Reisepass zeigen, aber niemand hält ihn auf, niemand holt ihn aus dem Zug. Noch hat die große Flucht aus Deutschland nicht begonnen und hegen die niederländischen Behörden keinen Verdacht, dass hier einer einreisen könnte, der nicht in absehbarer Zeit auch wieder ausreist. Als zwischen Apeldoorn und Hilversum die Sonne aufgeht, treten vor dem Fenster des Nachtzugs die Konturen von Feldern und Städten hervor, langsam bekommt das Land Farbe. Vielleicht trinkt Fritz Landshoff nun einen Morgenkaffee im Speisewagen der Mitropa, vielleicht ist er müde und wach zugleich, nervös, freudig erregt, so wie man sich halt fühlt, wenn man ins Ungewisse reist. Schließlich fährt der Zug in den Amsterdamer Hauptbahnhof ein, Centraal Station, rechts liegt der Hafen, in dem das Tagwerk der Arbeiter bereits begonnen hat, links die Stadt, wo es etwas länger dauert, bis die Angestellten und Kaufleute ihre Betriebstemperatur erreichen.
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