„Einen Kollegen?“, fragte der Farmer. „Wo denn?“
„Hier! Euch meine ich! Bloody-Fox hat mir erzählt, dass Ihr Oberförster gewesen seid.“
„Das ist richtig.“ „Also sind wir Kollegen, denn auch ich war ein Jünger der Forstwissenschaft.“
„Ah! Wo denn, mein Lieber?“
„In Deutschland, in Sachsen sogar.“
„Was? In Sachsen? So sind Sie ein Deutscher? Warum sprechen Sie da Englisch? Bedienen Sie sich doch Ihrer schönen Muttersprache!“
Das sagte Helmers auf Deutsch und sofort fiel Hobble-Frank ein: „Mit größtem Vergnügen, Herr Oberförschter! Wenn es sich um meine angestammte Muttersprache handelt, dann gehe ich off der Stelle druff ein. Mit Stolz sage ich Ihnen: Ich war Forschtgehilfe in Moritzburg bei Dresden, wissen Sie, wo sich das Schloss mit den berühmten Karpfenteichen befindet.“
Helmers war über die Ausdrucksweise des kleinen Sachsen zunächst etwas verdutzt. Er drückte dem Herrn Kollegen die freundlich dargebotene Hand, lud ihn ein, sich niederzusetzen, und versuchte, dadurch Zeit zu gewinnen, dass er sich ins Haus begab, um eine Erfrischung herbeizuholen. Als er zurückkehrte, hatte er zwei Flaschen und zwei Biergläser in der Hand.
„Sapperment, das is günstig!“, rief Frank. „Bier! Ja, das lass ich mir gefallen! Beim edlen Gerstenstoff öffnen sich am leichtesten die Schleusen männlicher Beredsamkeit. Wird denn hier in Texas ooch schon Bier gebraut?“
„Sehr viel sogar. Sie müssen wissen, dass es in Texas über vierzigtausend Deutsche gibt, und wo der Deutsche hinkommt, da wird sicherlich gebraut.“
„Ja, Hopfen und Malz, Gott erhalt’s! Brauen Sie die liebe Gottesgabe selber?“
„Nein! Ich lasse mir, so oft es passt, einen Vorrat aus Coleman City kommen. Prosit, Herr Frank!“
Helmers hatte die Gläser gefüllt und stieß mit Frank an. Der aber meinte: „Bitte, Herr Oberförschter, zieren und fürchten Sie sich nicht. Ich bin ein höchst leutseliger Mensch. Darum brauchen Sie mich nich Herr Frank zu titulieren. Sagen Sie ganz einfach Herr Kollege! Da kommen wir beide gleich am besten weg.“
„Ganz recht!“, nickte Helmers lachend. „Sie sind der Mann, der mir recht gefallen kann.“
„Natürlich! Aber wo steckt denn eigentlich unser guter Bloody-Fox?“
„Er ist zu einem Gast gegangen, um eine Erkundigung einzuziehen. Wo haben Sie ihn getroffen?“
„Draußen am Bach, ungefähr eine Stunde von hier.“
„Ich dachte, Sie wären längere Zeit beisammen gewesen.“
„Das ist nich im Mindesten nötig. Ich habe so etwas anziehend Sympathetisches an mir, dass ich immer schnell mit aller Welt befreundet werde. Der junge Mann hat mir bereits seinen ganzen Lebenslauf off das Geheimnisvollste anvertraut. Wissen Sie nischt Näheres über ihn?“
„Wenn er ihnen seinen ganzen Lebenslauf erzählt hat, nein.“
„Wovon lebt Fox denn eigentlich?“
„Hm! Er bringt mir zuweilen einige Nuggets. Daraus schließe ich, dass er irgendwo einen kleinen Goldfund gemacht hat.“
„Das will ich ihm gönnen, zumal er ein Deutscher zu sein scheint. Es muss schrecklich sein, nich zu wissen, unter dem wie vielten Äquator die erschte Lebenswiege der betreffenden Persönlichkeit gestanden hat.“
In diesem Augenblick trat Bloody-Fox wieder aus dem Haus und kam auf die beiden zu. Er sah noch ernster aus als vorher und wandte sich an Helmers: „Das ist ja schrecklich, was mir da Wallace berichtet! Ich kann jetzt nur an die armen Menschen denken, die im Llano Estacado ermordet wurden.“
„Menschen sind ermordet worden?“, fragte der gutmütige Hobble-Frank voller Mitleid. „Im Llano? Wann denn?“
„Das weiß man nicht. Sie sind vor über acht Tagen von hier fort, aber nicht jenseits der Wüste angekommen. Folglich sind sie zu Grunde gegangen.“
„Vielleicht doch nicht. Sie werden wohl in anderer Richtung geritten sein, als sie ursprünglich beabsichtigten.“
„Gerade das ist es ja, was ich befürchte. Von hier aus ist es nur in einer einzigen Richtung möglich, über die Plains zu gelangen. Diese Strecke ist ebenso gefährlich wie zum Beispiel die Sahara oder die Wüste Gobi. Es gibt im Llano Estacado keine Brunnen, keine Oasen und auch keine Reitkamele, die viele Tage lang zu dürsten vermögen. Das macht diese Strecke so fürchterlich, obgleich sie kleiner ist als die große afrikanische oder asiatische Wüste. Es gibt keinen gebahnten Weg. Deshalb hat man die Richtung, wohin der Ritt allein möglich ist, mit Pfählen abgesteckt, wovon die Wüste ihren Namen hat. Wer über diese Pfähle hinaus gerät, der ist verloren. Er muss den Tod des Verschmachtens sterben. Hitze und Durst verzehren ihm das Hirn. Er verliert die Fähigkeit des Denkens und reitet so lange im Kreis herum, bis sein Pferd unter ihm zusammenbricht und er nicht weiter kann. Es gibt nur sehr wenige, die den Llano so genau kennen, dass sie sich auch ohne Pfähle zurechtzufinden vermögen. Aber wie nun, wenn von Mordbuben die Pfähle falsch gesteckt werden?“
„Das wäre ja teuflisch!“, fuhr Frank entsetzt auf.
„Gewiss“, fiel Helmers ein, „und dennoch kommt es vor. Es gibt Verbrecherbanden, deren Mitglieder die Pfähle aus der Erde ziehen und in falscher Richtung wieder befestigen. Wer ihnen nun folgt, ist verloren. Die Pfähle hören plötzlich auf und der Reiter sieht sich inmitten des Verderbens und kann keine Rettung mehr finden.“
„So reitet er längs der Pfähle zurück!“
„Dazu ist’s zu spät, denn er ist bereits so tief im Estacado, dass er das Grasland nicht mehr zu erreichen vermag. Die Räuber brauchen ihn gar nicht zu töten. Sie warten einfach, bis er verschmachtet ist, und rauben dann seinen Leichnam aus. So ist es bereits oft geschehen.“
„Aber kann man die Kerle denn nicht unschädlich machen?“
Als Helmers gerade antworten wollte, wurde seine Aufmerksamkeit durch einen Mann in Anspruch genommen, der soeben langsam um die Ecke des Hauses kam. Er war ganz in schwarzes Tuch gekleidet und trug ein kleines Bündel in der Hand. Seine lange Gestalt war schmal und engbrüstig, sein Gesicht hager und spitz. Der hohe Klapphut, der ihm tief im Nacken saß, gab ihm, zumal er eine Brille trug, im Verein mit dem dunklen Anzug das Aussehen eines Geistlichen.
Er trat mit eigentümlich schleichenden Schritten näher, griff leicht an den Rand seines Hutes und grüßte: „Good day, Mesch’schurs[2]! Komme ich hier richtig zu John Helmers Esquire?“
Helmers betrachtete den Mann mit einem Blick, aus dem zu ersehen war, dass er kein großes Wohlgefallen an ihm fand, und antwortete: „Helmers heiße ich, ja, aber den Esquire könnt Ihr getrost weglassen. Ich bin weder Friedensrichter, noch liebe ich überhaupt dergleichen Bemerkungen. Das sind doch nur faule Äpfel, mit denen sich ein Gentleman nicht gern bewerfen lässt. Da Ihr meinen Namen kennt, darf ich vielleicht auch den Eurigen erfahren?“
„Warum nicht, Sir! Ich heiße Tobias Preisegott Burton und bin Missionar der Heiligen der letzten Tage.“
Der Fremde sagte das in einem selbstbewussten und salbungsvollen Ton, der aber nicht den beabsichtigten Eindruck auf den Farmer machte, denn Helmers meinte achselzuckend „Ein Mormone seid Ihr? Das ist keineswegs eine Empfehlung für Euch. Ihr nennt euch die Heiligen der letzten Tage. Das ist anspruchsvoll und überheblich, und da ich ein bescheidenes Menschenkind bin und für Eure Selbstgerechtigkeit keinen Sinn habe, so wird es am besten sein, Ihr schleicht in Euern frommen Missionsstiefeln sogleich weiter. Ich dulde keinen Seelenkäufer hier im Settlement.“
Das war sehr deutlich, ja sogar beleidigend gesprochen. Burton aber behielt seine verbindliche Miene bei, griff abermals höflich an den Hut und entgegnete: „Ihr irrt, Sir, wenn Ihr meint, dass ich beabsichtige, die Bewohner dieser gesegneten Farm zu bekehren. Ich spreche bei Euch nur vor, um mich auszuruhen und meinen Hunger und Durst zu stillen.“
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