Wenn wir Tiere beobachten, so glauben wir zunächst, dass wir uns hier unveränderbaren, objektiven Gesetzmäßigkeiten gegenübersehen. Wenn wir einer Katze eine Maus vorsetzen, so wird sie diese jagen und dann genüsslich fressen. Das scheint selbstverständlich zu sein. Hierbei vergessen wir jedoch den subjektiven Faktor. Wovon spreche ich?
Die Rolle des Beobachters
Längst ist auch in wissenschaftlichen Kreisen die These anerkannt, dass stets auch der Beobachter die Wirklichkeit steuert, jedenfalls zu einem gewissen Grad. Er trägt die Verantwortung oder eine Mitverantwortung für die gesamte Realität. Denken wir in diesem Zusammenhang nur an John Wheeler, ein Wissenschaftler, der in US-Amerika als der Nachfolger Albert Einsteins gefeiert wird. Wheeler stellte fest, dass das “Universum nicht unabhängig von uns existiert.” 1Nach seiner Ansicht gibt es eine ständige Interaktion zwischen dem physikalischen Universum und uns selbst. Wir sind also nicht nur Beobachter, sondern auch Teilnehmer in diesem Spiel, das da heißt: “Das physikalische Universum und ich”. Es hört sich seltsam an, aber in gewissem Sinne handelt es sich bei unserer “Umwelt” und bei dem “Universum” um ein partizipatorisches Ereignis.
Selbst Physiker also geben längst zu, dass dies wahr ist: Allein bei der Anordnung von (scheinbar objektiven) Versuchen spielt der (subjektive) Faktor immer eine große Rolle. Resultate von Tests ändern sich manchmal vollkommen aufgrund von subjektiven Anordnungen oder Fragestellungen. Sogar die Physik beschäftigt sich heute nicht mehr nur mit Atomen, Molekülen, Partikeln, Feldern oder Kräften, sondern auch mit dem Menschen, den Beobachtern, den Personen. Speziell wenn die Phänomene Zeit und Raum im Mittelpunkt stehen, kommt selbst die scheinbar objektivste aller Wissenschaften, die Physik, nicht mehr ohne diesen subjektiven Faktor aus. Der moderne Physiker gibt sogar längst zu, dass seine Wissenschaft regelrecht hilflos ist, wenn er nicht den Beobachter in seine Gleichungen einbezieht.
Was das alles mit Tieren zu tun hat? Gedulden Sie sich bitte noch einen Augenblick …
Nicht eben wenige Zeitgenossen verlangen von der Physik inzwischen, dass sie uns sogar Aufklärung über uns selbst gibt – über den subjektiven Faktor also. Viele Wissenschaftler und Physiker gehen inzwischen davon aus, dass kaum etwas Neutrales oder Objektives – völlig unabhängig von uns selbst – existiert. Stets muss unser eigener Gesichtspunkt einbezogen werden, eben der Gesichtspunkt des Beobachters.
Was aber bedeutet das? Nun, wenn wir etwas beobachten, während wir gleichzeitig die Erwartung hegen, dass etwas Besonderes oder überhaupt “Etwas” vor unseren Augen existiert, kommt sofort ein subjektiver Faktor zum Zug. Wir erschaffen bewusstunbewusst etwas, dem wir in der Folge Objektivität nur zubilligen. Oftmals erschaffen wir etwas, was wir erwarten und was wir glauben. Wir kreieren “Realität” oder “Wirklichkeit”, und diese Realität ist oft bereits in unserem Unterbewusstsein gespeichert.
Formulieren wir es radikal: Wenn wir davon ausgehen, dass uns ein Hund anfallen und beißen wird, laden wir ihn förmlich dazu ein, uns anzufallen und zu beißen. Wenn wir davon ausgehen, dass ein eigentlich scheuer Vogel keinerlei Angst vor uns hat, wird er sich uns manchmal ohne Furcht nähern und vielleicht sogar ein paar Brotkrümel aus unserer Hand picken. Wir senden also kontinuierlich Signale aus, ob wir uns dessen nun bewusst sind oder nicht. Noch einmal: Wir erschaffen ständig Realitäten.
Aber verweilen wir noch ein wenig bei der Theorie und der Praxis der Beobachtung.
Selbst Werner Heisenberg (1901-1976), der weltberühmte Physiker, den Hitler einst beauftragte, für Deutschland die Atombombe zu entwickeln – Heisenberg drückte sich erfolgreich –, gab zu, dass der Beobachter allein durch den simplen Akt der Beobachtung etwas erschafft. Werner Heisenberg, der sogar den Nobelpreis erhielt, formulierte bereits 1927 eine nach ihm benannte physikalische Theorie, die das gesamte Weltbild der Physik ins Wanken geraten ließ. Heute sprechen wir ehrfurchtsvoll von der Quantenmechanik und der Quantenphysik. Aber noch bedeutsamer war seine Entdeckung der Subjektivität des Beobachters/des Physikers, der ein Experiment anstellte.
Die Unzulänglichkeit des physikalischen Universums oder dessen Anfälligkeit für Manipulation durch ein Subjekt ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite besteht darin, dass wir nicht nur auf Gegenstände, Materie und Energie, die wir beobachten, unsere eigene subjektive Sicht projizieren. Die gleiche Wahrheit scheint für die Beobachtung der Tierwelt zu gelten. Der individuelle, persönliche oder subjektive Gesichtspunkt muss also immer in die Gleichung mit einbezogen werden, wenn wir von Tieren sprechen.
Lässt man diesen Ansatz gelten, so ergeben sich auf einmal fantastische Perspektiven. So viel sei vorausgeschickt: Wenn Sie diesen subjektiven Gesichtspunkt begreifen, also bereit sind, ihn zuzulassen, werden Sie selbst einige erstaunliche Erfahrungen mit Tieren machen können …
Was aber heißt das konkret für unser Thema?
Ohne Schnörkel ausgedrückt und konsequent zu Ende gedacht bedeutet dies, dass durch das Bewusstsein des Menschen das Tier erst in Erscheinung tritt. Der Mensch beobachtet das Tier – und “erschafft” es gleichzeitig. Immer findet eine Interaktion zwischen dem Menschen, dem Beobachter, und dem Tier statt.
Die Quantenphysik lehrt uns, dass jeder Beobachter Teil der “Wirklichkeit” ist, die er unter die Lupe nimmt. Wir sind also keine unbeteiligten Beobachter, die die objektive Wirklichkeit erkennen. Wir sind Teil der Gleichung. Unser Denken, unsere Gedanken, unsere Vorstellungen und unsere Fragestellungen verändern bereits die Realität, die wir zu erforschen vorgeben, ja, sie definieren sie eigentlich erst. Setzt man diese Erkenntnis auf die Tierwelt um, so ergeben sich weitreichende Konsequenzen.
Betrachten wir diesen subjektiven Ansatz noch etwas genauer.
Quantensprünge in der Philosophie
In Rahmen der Philosophie kultivierten einige Denker schon sehr viel früher eben diese Sichtweise, die später Subjektivismus genannt wurde. Bereits vor 2500 Jahren erkannten griechische Philosophen, dass eine Person immer von einem Standpunkt aus denkt, argumentiert und wahrnimmt. Der Mensch steht damit logischerweise im Mittelpunkt, nicht die beobachtete Sache oder der beobachtete Gegenstand. Das Bewusstsein ist wichtiger als die physikalische Realität.
Führen wir diesen Umstand noch ein wenig aus: Der Mensch benutzt seine fünf Sinne sowie seine Gedanken und seine Fähigkeit zur Logik, um etwas zu begreifen. Er sieht, hört, schmeckt, fühlt und riecht – und kombiniert diese Wahrnehmungen mit Hilfe seines Verstandes zu einer subjektiven Realität.
Aber das Tier verfügt möglicherweise über ganz andere Sinneswahrnehmungen, von seiner “Denkmethode” ganz zu schweigen. Ameisen verständigen sich etwa mittels chemischer Botschaften. Also kann der Mensch mit seinem subjektiven Selbstverständnis ein Tier nie vollkommen verstehen. Er müsste es aus dessen eigener Perspektive betrachten können, mit den tierischen Sinneswahrnehmungen, Berechnungen, Überlebensmechanismen und so fort.
Schon Protagoras, ein griechischer Philosoph des Altertums (486-411 v. Chr.), stellte fest: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge.” Und René Descartes (1596-1650), der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler, drückte es so aus: “Ich denke, als bin ich.” Auf gut Latein: “Cogito ergo sum.” Auch dieser Satz deutet zurück auf das Subjekt. Immanuel Kant (1724-1804), der große deutsche Philosoph, wanderte in die gleiche Richtung, denn auch er wies darauf hin, dass sich der Mensch innerhalb subjektiver Wahrnehmungskategorien bewegt, zudem innerhalb von Raum und Zeit. Philosophen wie Fichte, Schelling und Schopenhauer schlugen in dieselbe Kerbe. Schopenhauer definierte gar “Die Welt als Wille und Vorstellung”, wie auch der Titel seines wichtigsten Buches lautete.
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