1 ...7 8 9 11 12 13 ...17 UMBERTO: »Vielleicht gar nicht verrückt – von ihrem Standpunkt aus. Siehst du, wenn die Faschisten gewinnen, dann haben Leute wie die Silottis – Vater und Sohn – hier das Sagen.«
LUIGI: »Der kleine Ernesto hat das Sagen? Was für ein Gedanke! Stell dir das vor!«
Er imitiert ERNESTOS Art zu gehen und zu gestikulieren. Sie lachen.
BLENDE.
12. INNEN, HAUS DES BÜRGERMEISTERS …: Ein großer Raum unten. Steinfußboden; offener Kamin, in dem ein schwaches Feuer brennt. Niedrige Decke. Im Hintergrund führt eine Treppe ins Obergeschoss. Die Küchentür steht halb offen.
Es gibt nur wenige Möbel (ein schwerer Tisch, einige Stühle) –: alles ist an die Wände geschoben worden, um Platz für das Fest zu schaffen. Der Raum sieht allerdings noch nicht sehr weihnachtlich aus – mit Ausnahme eines kleinen dürren Weihnachtsbaums.
Trübes Zwielicht. Bedrückte Stimmung.
Die knochige MATRONE und die ZWEI KLEINEN MÄDCHEN, die wir beim Eintreten gesehen haben, sitzen auf drei Stühlen entlang der Wand. Von ihnen entfernt in einer Ecke die Gruppe der KINDER, die mit ihren älteren Brüdern angekommen waren: schweigend, zusammengedrängt, als würden sie einen aufkommenden Sturm erwarten. ERNESTO steht reglos am Kamin – den anderen den Rücken zugewandt; er wärmt sich die Hände an der Flamme.
Nach langem, versteinertem Schweigen beginnt eins der zwei KLEINEN MÄDCHEN zu sprechen, mit hoher, piepsiger Stimme – sie wendet sich ängstlich an ihre Mutter, die knochige MATRONE.
KLEINES MÄDCHEN: »Wo sind die Amerikaner, Mama?«
MATRONE: »Noch nicht da, Kind.«
KLEINES MÄDCHEN: »Wo sind die Caramelli?«
MATRONE: »Die Amerikaner bringen die Caramelli mit, Kind.«
KLEINES MÄDCHEN: »Wann kommen die Amerikaner denn?«
MATRONE: »Wenn die Feier beginnt.«
KLEINES MÄDCHEN: »Und wann beginnt die Feier?«
MATRONE: »Bald. Wir sind zu früh. Ich fand es klug, früh da zu sein, damit wir nichts verpassen. Jetzt hab Geduld und rede nicht so viel.«
KLEINES MÄDCHEN (weinerlich): »Ich will Caramelli.«
ANDERES KLEINES MÄDCHEN (fällt in das Gejammer ein): »Ich will mit den Amerikanern tanzen. Mama, du hast versprochen, dass die Amerikaner mit mir tanzen.«
ERNESTO, noch immer mit dem Rücken zu den anderen, weicht zurück.
MATRONE: »Geht es dir nicht gut, Ernesto?«
Ohne zu antworten eilt ERNESTO zur Treppe. Als er an der Küchentür vorbeikommt, hört man die Stimme seiner MUTTER.
SIGNORA SILOTTIS STIMME: »Ernesto, mein Sohn! Komm einen Augenblick her – tust du das?«
ERNESTO (zögert, dann, mit heiserer Stimme): »Ja, Mutter.« (Er öffnet die Küchentür.)
SCHNITT AUF:
13. INNEN, KÜCHE …: Ein kleiner Raum, die Hälfte des verfügbaren Platzes wird von einem enormen, rußgeschwärzten Herd eingenommen, die andere Hälfte ist mit altertümlichen Küchengeräten aller Formen und Größen vollgestopft – Pfannen, Töpfe, Geschirr.
Umgeben von so vielen klobigen und glänzend polierten Gegenständen, wirkt SIGNORA SILOTTI erst recht klein und farblos. Sie ist eine abgearbeitete kleine Frau, die viel älter aussieht, als sie tatsächlich ist (nämlich ungefähr 55), mit runzligem, besorgtem, großäugigem Gesicht, das von fast weißem Haar eingerahmt wird.
Sie steht vor einem offenen Schrank voller altmodischem Porzellan und Silbergeschirr mit dem Rücken zu ERNESTO, der langsam und widerstrebend eintritt.
Nahaufnahme von SIGNORA SILOTTI [8]– ihr Gesicht ist angespannt vor Erwartung und Sorge, während ihre Hände mechanisch Tassen und Löffel auf ein großes hölzernes Tablett stapeln. Die Kamera schwenkt auf ERNESTO – sie zeigt seine kantigen, verkrampften Züge, die sich etwas lockern und aufhellen, während er schweigend den gebeugten, müden Rücken seiner Mutter anstarrt. Lange Zeit herrscht Schweigen.
SIG. SILOTTI: »Fröhliche Weihnachten, mein Sohn.«
ERNESTO: »Danke, Mutter.«
SIG. SILOTTI: »Neuigkeiten?«
ERNESTO: »Neuigkeiten – von wem?«
SIG. SILOTTI: »Du verstehst mich sehr gut.«
ERNESTO (mit unterdrückter Irritation): »Wie oft muss ich dir sagen, Mutter, dass ich von Vater seit dem Tag, an dem er gegangen ist, nichts mehr gehört habe. Ich weiß nicht, wo er ist.«
SIG. SILOTTI (dreht sich plötzlich um und sieht ihren Sohn direkt an): »Aber du weißt, dass er noch am Leben ist, oder?«
ERNESTO: »Ich weiß gar nichts, Mutter – wirklich. Wenn ich Informationen hätte – ich würde sie bestimmt nicht vor dir verbergen. Warum sollte ich?«
SIG. SILOTTI (sieht ihn immer noch an): »Ja – warum solltest du?«
ERNESTO (fühlt sich unter ihrem forschenden Blick unbehaglich): »Doch unglücklicherweise gibt es nichts – keine Botschaft, kein Lebenszeichen …«
SIG. SILOTTI (mit einem Seufzer): »Ich verstehe.« (Sie setzt sich auf einen kleinen Hocker neben den Herd – plötzlich todmüde.)
Schweigen. Dann:
SIG. SILOTTI: »Ich habe dich nicht in der Kirche gesehen.«
ERNESTO: »Ich gehe nie zur Kirche, Mutter – das weißt du.«
SIG. SILOTTI: »Auch nicht an Weihnachten?«
ERNESTO: »Die christlichen Feiertage bedeuten mir nichts. Und außerdem, selbst wenn ich das Bedürfnis hätte zu beten – wir haben keinen Ort, um Gott zu verehren. Der Feind hat unsere Kirche zerstört.«
SIG. SILOTTI: »Eine halb zerstörte Kirche ist besser als gar keine.«
ERNESTO: »Wir haben auch keinen Priester.«
SIG. SILOTTI: »Weil unser Padre von schlechten Menschen ermordet wurde.«
ERNESTO: »Er wurde nicht ermordet: Er bekam eine gesetzliche Gerichtsverhandlung, wurde verurteilt und bestraft. Seine Schuld stand außer Zweifel.«
SIG. SILOTTI: »Seine Schuld? Ach, Sohn, Sohn … Er war ein heiliger Mann, ein Heiliger. Wie könnte ein Heiliger schuldig werden?«
ERNESTO (heftig): »Begreifst du denn nicht, Mutter, dass dein Heiliger für den Feind gearbeitet hat? Ein Verräter, das war er, dein heiliger Mann. Ein Schuft, einer von der 5. Kolonne …«
SIG. SILOTTI (unterbricht seinen Ausbruch mit überraschender Autorität): »Hör auf, Sohn, das reicht.«
ERNESTO (brummt): »Na gut, reden wir nicht darüber.«
Wieder Schweigen; dann:
ERNESTO: »Wer hat denn heute Morgen die Messe gelesen?«
SIG. SILOTTI: »Es gab keine Messe. Nur Gebete, Lieder und eine Predigt.«
ERNESTO: »Und die Predigt – wer hat die gehalten?«
SIG. SILOTTI: »Unser amerikanischer Freund.«
ERNESTO (spöttisch): »Der Kaplan? Das ist ja gediegen, ich muss schon sagen! Ein Kerl, der die Uniform des Feindes trägt – predigt in einer Kirche, die dieser Feind zerstört hat! Was für eine Ironie! Was für eine Beleidigung! Und er ist nicht einmal katholisch …«
SIG. SILOTTI: »Katholisch oder nicht – Amerikaner oder nicht: Er ist ein guter Mensch, ein guter Christ, sehr hilfsbereit und freundlich. Ich bin mir sicher, du wirst ihn mögen.«
ERNESTO: »Wovon redest du? Ich werde diesen Herrn nicht kennenlernen.«
SIG. SILOTTI: »Doch, das wirst du. Er wird jeden Moment hier sein. Weißt du, er war es, der das Kinderfest heute Nachmittag vorbereitet hat.«
ERNESTO: »Du hast doch wohl nicht erwartet, dass ich an dieser lächerlichen Wohltätigkeitsveranstaltung teilnehme, Mutter?«
SIG. SILOTTI: »Warum, natürlich, Ernesto! Es wird ein schönes Fest, mit viel amerikanischem Essen, mit heißer Schokolade und anderem mehr. Natürlich musst du kommen. Bei einer Weihnachtsfeier in unserem eigenen Haus fortzubleiben – was für ein Gedanke!«
ERNESTO: »Ich kann das nicht, Mutter. Das kommt nicht in Frage.«
SIG. SILOTTI: »Ernesto, bitte! Komm doch! Lass es dir mit uns zusammen gut gehen! Befreunde dich mit dem Kaplan und den anderen Amerikanern! Sei ein guter Junge! Bitte!«
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