KAPLAN: »Es ist schade, dass ich nie die Gelegenheit hatte, mit ihm zu reden. Vielleicht ergibt es sich ja heute Nachmittag …«
SIG. SILOTTI (verlegen): »Darauf hatte ich gehofft. Aber …«
KAPLAN: »Aber – was? Ist Ihr Sohn nicht zu Hause? Oder ist er krank? Oder redet er nicht gern mit Fremden?«
SIG. SILOTTI: »Das ist es. Er redet nicht gern mit Fremden. Er ist sehr schüchtern, wissen Sie. Es hat mit seinem … mit …«
KAPLAN: »Mit seiner Körperbehinderung zu tun?« (Als die Signora nickt:) »Ich verstehe. Das ist wirklich schade. Ich habe mich darauf gefreut, ihn heute zu treffen. Sind Sie sicher, dass er nicht an unserer Feier teilnehmen wird?«
SIG. SILOTTI: »Ich habe gebettelt, dass er kommt … Ich habe alles versucht … Er weigert sich.«
KAPLAN: »Haben Sie deshalb geweint?«
SIG. SILOTTI (fast tonlos): »Ja.«
KAPLAN: »Meinen Sie, es würde nützen, wenn ich mit ihm reden würde – von Mann zu Mann?«
SIG. SILOTTI (strahlend vor Hoffnung): »Wenn Sie das tun würden … Ich bin sicher, dass es helfen würde. Wenn irgendjemand, dann sind Sie derjenige, der einen Einfluss auf den armen Jungen haben kann.«
KAPLAN: »Wo ist Ernesto jetzt?«
SIG. SILOTTI: »Oben in seinem Zimmer.«
KAPLAN: »Ist er allein, oder sind Freunde bei ihm?«
SIG. SILOTTI: »Er hat keine Freunde. Er ist allein – und arbeitet.«
KAPLAN: »Was arbeitet er denn?«
SIG. SILOTTI: »Ich weiß nicht, was er tut. Lernen, nehme ich an. Er hat viele Bücher, wissen Sie. Er wirkt jedenfalls immer beschäftigt.«
KAPLAN: »Aber heute ist Feiertag.«
SIG. SILOTTI: »Das habe ich ihm auch gesagt.«
KAPLAN (an der Tür): »Gehen wir.« (Als sie zögert:) »Wollen Sie mir nicht sein Zimmer zeigen?«
SIG. SILOTTI (bekommt es plötzlich mit der Angst): »Ich bin sehr dankbar, dass Sie mit dem Jungen reden wollen … Es ist wunderbar, eine große Chance … Allerdings ist er ein schwieriger Junge: schwieriger, als Sie denken …«
KAPLAN: »Das macht nichts. Ich bin schwierige Menschen gewohnt.«
SIG. SILOTTI: »Trotzdem … Es gibt etwas, das sollten Sie über Ernesto wissen …« (Nach einem Moment des Zögerns – sie überwindet ihre Angst mit nahezu sichtbarer Anstrengung:) »Er mag die Amerikaner nicht.«
KAPLAN (lacht auf): »Das habe ich mir schon gedacht.«
SIG. SILOTTI (sie spricht hastig – bemüht, alles zu erklären): »Aber er ist kein schlechter Junge: Ich möchte nicht, dass Sie glauben, er sei schlecht … Es ist nur so … Nun, sehen Sie, er ist sehr ehrgeizig. Sie wissen, wie Jungs sind: Ruhm, Macht, Glanz – von solchen Dingen träumen sie …«
KAPLAN: »Hat er sich schon für einen bestimmten Beruf entschieden?«
SIG. SILOTTI: »Sein Vater hat die Entscheidung für ihn getroffen. Ich hatte gehofft, Ernesto würde Priester werden. Seit der Geburt des Jungen war das mein größter Wunsch. Aber sein Vater hatte andere Ideen: Eine politische Laufbahn – das wünschte er sich für seinen klugen Sohn.«
KAPLAN: »Eine politische Laufbahn – unter der faschistischen Herrschaft?«
SIG. SILOTTI: »Bruno glaubte, dass unser Sohn dazu bestimmt sei, eine führende Rolle im neuen italienischen Imperium zu spielen. Er war noch ehrgeiziger für seinen Sohn als Ernesto selbst.«
KAPLAN: »Signora Silotti – sagen Sie mir die Wahrheit: Ist Ihr Mann Faschist?«
SIG. SILOTTI: »Nun, allerdings … er war in der Partei: das musste er, in seiner Stellung … wenn Sie das meinen …«
KAPLAN: »Nein, das habe ich nicht gemeint. Was ich wissen möchte, ist vielmehr, ob er Faschist ist – im H e r z e n.«
SIG. SILOTTI: »Das weiß ich nicht – wirklich, ich weiß es nicht. Er hat nie viel mit mir geredet. Er dachte, Frauen verstehen nichts von Politik. Er dachte, ich sei sehr dumm. Vielleicht bin ich das. Ich verstehe nichts vom Faschismus. Ich weiß nur, dass unser Padre nichts davon hielt, und unser Padre war ein heiliger Mann. Ich fürchte … Vielleicht hatte Bruno etwas mit der Verhaftung unseres Padre zu tun. Ich ertrage den Gedanken nicht …«
KAPLAN: »Regen Sie sich nicht wieder auf, Signora. Bleiben Sie ruhig. Sie müssen vor nichts Angst haben.«
SIG. SILOTTI: »Ich hatte immer Angst, seit Bruno unseren Jungen nach Bologna geschickt hat. Ich weiß nicht, was Ernesto studiert hat, dort unten an der Universität – Politik, nehme ich an. Außerdem ist er einer dieser gottlosen Jugendorganisationen beigetreten; aber die haben ihn nicht lange bei sich behalten: sie konnten ihn nicht brauchen, wegen seiner körperlichen Verfassung. Und es ist gut, dass er zurückgekommen ist! Die Nazis hätten ihn töten können. Sie wissen, was sie mit Krüppeln anstellen …«
KAPLAN: »Aber jetzt ist er wieder bei Ihnen. Wovor fürchten Sie sich jetzt?«
SIG. SILOTTI: »Er ist so anders – ja, das ist er. Er hat sich verändert, er ist nicht mehr derselbe. Natürlich ist er immer ein Problemkind gewesen – kein Wunder, bei seinem … seiner Verfassung … Aber in letzter Zeit ist er noch schwieriger geworden. Bologna hat etwas mit ihm gemacht.«
KAPLAN: »Wie meinen Sie das – noch schwieriger? Ist er nervös? Deprimiert?«
SIG. SILOTTI: »Ich weiß es nicht. Es ist schwer zu beschreiben. Ja, ich nehme an, er ist deprimiert. Und er ist auch verbittert. Er macht sich große Sorgen um die militärische Lage. Und um seinen Vater. Es ist schlimmer mit ihm geworden, seitdem sein Vater fort ist.«
KAPLAN: »Stand er ihm sehr nahe?«
SIG. SILOTTI: »Ja, die beiden hatten immer viel miteinander zu bereden – Politik und Strategie und andere Sachen, von denen Frauen nichts verstehen. Natürlich durfte ich nie an ihren Gesprächen teilnehmen: Ich bin zu unwissend. Aber es ging mir besser, wenn ich den Jungen so lebhaft gesehen habe, so voller Hoffnung … Dann verließ uns sein Vater – eines Nachts, ohne mir Auf Wiedersehen zu sagen. Und jetzt weiß ich nicht mehr, was ich mit dem Jungen anstellen soll. Ich habe gedacht, die Weihnachtsfeier würde ihn aufheitern; das gute Essen, die Kinder …«
Es klopft an der Tür.
KAPLAN (auf Englisch): »Wer ist da? Kommen Sie herein.«
In der offenen Tür – JACK. Hinter ihm der junge LIEUTENANT, ein ROTKREUZ-MÄDCHEN und der ERSTE GI (TOM) aus Szene 4.
JACK (auf Englisch): »Störe Sie ungern, Kaplan: aber wir sind mit allem fertig – Weihnachtsbaum und überhaupt. Denke, wir sollten jetzt mit der Feier anfangen.«
KAPLAN (auf Englisch): »Ja, natürlich! Ich wollte nicht, dass ihr auf mich wartet, Jackie. Die armen Kinder – die müssen schon ganz ungeduldig sein …«
LIEUTENANT (steht hinter Jack, lacht): »Und was ist mit uns , Kaplan? Wir sind auch ziemlich ungeduldig! Wir sind schließlich ebenfalls eingeladen!«
KAPLAN (begeistert): »Ja, natürlich! Und wie! Gut, Sie zu sehen, Lieutenant.« (An das Rotkreuz-Mädchen gewandt:) »Du auch, Betty – schön, dass du gekommen bist!« (An den GI gewandt:) »Und du … Liebe Güte, mein Gedächtnis! Wie heißt du noch einmal?«
TOM: »T-5 [9]Tom McCowley, Sir.«
KAPLAN: »Tom – natürlich. Dumm von mir, dass ich das vergessen hatte. Und hör zu, Tom: Sag nicht ›Sir‹ zu mir, oder …!«
TOM: »Oder Sie nennen mich Corporal, Sir?«
KAPLAN: »Oder ich nenne dich T-5, das ist schlimmer – außerdem werde ich meiner Freundin Betty sagen, dass du keinen einzigen Donut bekommst.«
ROTKREUZ-MÄDCHEN: »Keinen einzigen! Sei also vorsichtig, Tom.«
JACK: »Also, wie ist der Schlachtplan, Kaplan? Sollen wir mit den Spielen anfangen? Oder zuerst die Geschenke? Oder die Schoko? Oder was?«
KAPLAN: »Schlage vor, zuerst die Schokolade …« (Er verlässt den Raum.)
ROTKREUZ-MÄDCHEN (im anderen Raum): »Wenn ich mich nützlich machen kann …«
KAPLAN: »Kannst du, Betty, kannst du … Also schauen wir mal: gibt es genügend Becher und Löffel?«
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