1 ...6 7 8 10 11 12 ...17 KAPLAN (strahlt vor Freude): »Klar, natürlich …«
GI (ein wenig verlegen): »Na ja, zufällig … wissen Sie, mehrere von uns haben Pakete von zu Hause bekommen … wer will schon ’ne Menge Zeugs mit sich rumschleppen? Besonders, wenn’s zur Front geht – da stört es ja nur. Wir haben deshalb gedacht … wenn Sie es brauchen können …«
JACK (begeistert): »Schmeißt es einfach rüber, Jungs! Wir können es brauchen, bestimmt!«
Die GIs werfen Päckchen (mit Süßigkeiten usw.) vom Lastwagen herunter in den Jeep, wo der KAPLAN und JACK aufgestanden sind und die Flut der Geschenke mit großer Geschicklichkeit entgegennehmen.
JACK: »Mensch, Jungs! Das ist super! Jetzt wird es wirklich eine g r o ß e Weihnachtsfeier!«
KAPLAN (die Arme voller Päckchen): »Danke, Jungs, danke! Ich wünsche euch viel Glück! Denkt dran, eine Schar von Kindern wird für euch beten, da drüben …« (Er zeigt in die Richtung, in der die verschwommene Silhouette des Dorfs zu sehen ist.)
Die Fahrzeugkolonnen setzen sich wieder in Bewegung.
Ausgehend vom Bild des KAPLANS, der mit Geschenken beladen im Wagen steht und zum Dorf zeigt, fährt die Kamera an einer langen Reihe von Fahrzeugen entlang, die nach Süden fahren: So gelangen wir in die Hauptstraße des Dorfes (dieselbe Straße, die der junge Lieutenant vor ein paar Stunden passiert hat).
11. DORFSTRASSE …: Wir befinden uns wieder vor dem Gebäude, das ein wenig besser erhalten ist als die anderen. Es ist ein einfaches, zweistöckiges Gebäude mit drei oder vier Fenstern zur Straße hin. Drei durch langen Gebrauch ganz abgewetzte Stufen führen zum Eingang hinauf – einer schönen alten Tür aus schwerem, geschnitztem Holz. Nahaufnahme des Türschilds, das das Gebäude als BÜRGERMEISTER BRUNO SILOTTIS Haus identifiziert.
Der junge BUCKLIGE aus der Eröffnungsszene (ERNESTO) steht neben der Tür, er lehnt an der Wand. Die Arme vor der Brust verschränkt und das Gesicht zu einer trotzigen Grimasse eingefroren, scheint er ganz in finstere Gedanken versunken.
Zwei herausgeputzte KLEINE MÄDCHEN überqueren mit vorsichtigen Schritten Hand in Hand die matschige Straße – gefolgt von einer großen, knochigen MATRONE in schwarzer Kleidung. Als die Frau an ERNESTO vorbei geht, blickt sie ihn zunächst nur schüchtern und misstrauisch an, doch dann entschließt sie sich doch, ihn zu grüßen.
MATRONE (auf Italienisch): »Guten Tag, Ernesto. Fröhliche Weihnachten.«
ERNESTO reagiert nicht. Die MATRONE und die KLEINEN MÄDCHEN betreten das Haus. ERNESTO bleibt allein zurück und starrt trübsinnig auf den nicht enden wollenden Verkehr. Dann erscheinen weitere KINDER – etwa sechs oder fünf: kleine Jungen und Mädchen. Sie werden von ihren älteren Brüdern begleitet – ZWEI JUGENDLICHEN von 16 und 17 Jahren. Einer der Jungs ist derjenige, der das »V«-Zeichen machte, als der Lieutenant vorbeifuhr.
ERSTER JUGENDLICHER (auf Italienisch): »Stehst du hier noch immer in der Kälte, Ernesto?«
ERNESTO (brummelt etwas Unverständliches – ohne den Jungen anzuschauen)
ZWEITER JUGENDLICHER (spricht mit den Kindern auf Italienisch): »Dann also auf Wiedersehen, Renato. Auf Wiedersehen, Madgalena, Anna, Adriano. Habt viel Spaß. Benehmt euch. Macht unserer Familie keine Schande. Ich würde ja so gern mitkommen.«
KLEINES MÄDCHEN: »Warum tust du es denn nicht, Luigi?«
LUIGI: »Ich bin nicht eingeladen.«
KLEINES MÄDCHEN: »Warum nicht?«
LUIGI: »Zu alt.«
KLEINES MÄDCHEN: »Mögen die Amerikaner keine alten Menschen?«
LUIGI: »Nein, sie mögen nur Kinder.«
KLEINES MÄDCHEN (kichert): »Wie komisch.«
ERSTER JUGENDLICHER: »Ihr geht jetzt besser rein, Kinder – sonst verpasst ihr noch die leckeren Sachen, die es zu essen gibt.«
KLEINER JUNGE: »Was geben sie uns denn, Umberto? Chewing Gum?«
UMBERTO: »Ich glaube schon.«
ANDERER KLEINER JUNGE: »Und Caramelli?«
KLEINES MÄDCHEN: »Und diese wunderbare Wurst – wie heißt die noch mal?«
LUIGI: »Spam. Ja, Spam schmeckt wunderbar – besser als Salami.«
UMBERTO: »Ich bin sicher, es gibt jede Menge Spam und Chewing Gum und Caramelli. Sie haben a l l e s, die Amerikaner.«
LUIGI: »Zu dumm, dass wir so schrecklich alt sind, Umberto.«
UMBERTO: »Bist du sicher, dass sie uns nicht reinlassen?«
LUIGI: »Was für eine Frage! Das ist doch ein Kinderfest – und wir sind erwachsene Männer!«
UMBERTO (seufzt): »Das stimmt.«
LUIGI (zu den Kindern): »Ihr könnt uns aber etwas zu essen mitbringen. Ihr wisst schon – etwas Spam, ein paar Stücke Kuchen: was ihr eben kriegen könnt.«
UMBERTO: »Das ist eine großartige Idee. Steckt es einfach in eure Taschen: die Amerikaner merken das nicht.«
LUIGI: »Nein, bestimmt nicht – wenn ihr vorsichtig und clever seid! Eine unvorsichtige oder ungeschickte Bewegung kann alles verderben.«
KLEINES MÄDCHEN: »Aber warum sollen die Amerikaner denn nicht wissen, dass ihr ihren Spam und das Chewing Gum probieren wollt?«
LUIGI: »Es wäre wür-de-los.«
KLEINES MÄDCHEN: »Was ist das denn?«
LUIGI: »Ach, egal. Du bist noch nicht alt genug, um solche Sachen zu verstehen.«
KLEINES MÄDCHEN: »Aber Luigi! Wenn ich alt bin, laden mich die Amerikaner nicht mehr zu ihren Feiern ein. Ist das würde-los?«
UMBERTO: »Ach, sei still! Hauptsache, ihr besorgt uns den Spam und etwas Kuchen.«
KLEINES MÄDCHEN: »Wir versuchen es.«
KINDER (ein Chor kleiner piepsiger Stimmen): »Auf Wiedersehen.«
In einer steifen kleinen Prozession verschwinden sie im Haus. ERNESTO, der dem Gespräch mit vor Verachtung verzerrtem Gesicht zugehört hat, spuckt aus und grinst spöttisch.
ERNESTO: »Ihr solltet euch schämen.«
LUIGI: »Warum, Umberto?«
UMBERTO: »Achte nicht auf ihn, Luigi. Er hat mal wieder eine seiner Launen.«
ERNESTO: »Von Würde zu reden! Was für ein Witz!«
LUIGI: »Wirklich, Ernesto – ich verstehe nicht, wovon du sprichst.«
ERNESTO (lacht noch immer aus einer hysterischen Wut heraus): »Würde, also wirklich! Vom Feind milde Gaben annehmen – das ist würdevoll, nehme ich an? Euren kleinen Brüdern und Schwestern zu zeigen, wie man stiehlt und betrügt – das ist würdevoll, oder?«
UMBERTO (nähert sich ihm drohend): »Also, das reicht jetzt, Ernesto! Ich erlaube niemandem zu sagen, ich würde meinen kleinen Brüdern und Schwestern böse Dinge beibringen. Meinst du, du kannst dir alles herausnehmen, nur weil du einen Buckel hast …?«
ERNESTO (mit einem schrillen Schrei): »Buckel! Oh, du … du …« (Er reißt sich mit sichtbarer Anstrengung zusammen und läuft – mit knirschenden Zähnen – auf die Haustür zu. Als er die Tür erreicht hat, dreht er den Kopf zu den beiden Jungen um und sagt mit kalter, heiserer Stimme:) »Danke, dass du mich daran erinnerst, Umberto.«
(Er betritt das Haus.)
Die ZWEI JUNGEN bleiben verdutzt zurück – sie grinsen sich unsicher an.
LUIGI: »Das hättest du nicht sagen sollen, Umberto.«
UMBERTO: »Ich weiß. Aber er k a n n einen auch verrückt machen, oder?«
LUIGI: »Das kann er, bestimmt. Er ist aber ein schlauer Kerl. Vergiss nicht, er hat mehr Grips als irgendwer sonst im Dorf.«
UMBERTO: »Vielleicht hat er das. Trotzdem sollte er nicht so tun, als wäre er unser Duce oder so etwas Ähnliches. Seitdem er aus Bologna zurückgekommen ist, hat er solche Allüren …«
LUIGI: »Sein Vater ist schuld daran: So, wie der ihn erzogen hat …«
UMBERTO: »Lass uns nicht über Vater Silotti reden: das ist ein unerfreuliches Thema.«
LUIGI: »Würdest du denn nicht gern wissen, wo er ist?«
UMBERTO: »Ich glaube, ich weiß, wo er ist: bei den Faschisten.«
LUIGI: »Verrückt, so was zu machen, oder?«
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