«Aber nicht in den Sommerferien», sagte ich. «Da betäuben die Zahnärzte nicht.»
«Wie bitte», sagte er und warf die Zeitung weg. «Wer hat das gesagt? So was Dämliches hab ich noch nie gehört! Die betäuben das ganze Jahr. Wer hat das gesagt?»
«Das ist doch egal», sagte ich.
«Sag es mir», sagte er ein bisschen weniger böse. «Dann bringen wir die Sache in Ordnung.
«Nein, wirklich, es ist nicht so wichtig», sagte ich. «Ich hab’s irgendwo gelesen. Ich kann noch nicht besonders gut lesen. Vielleicht hab ich mich verlesen.»
Und dann ging ich ins Bett. Peng.
Komisch, dass ich sofort einschlafen konnte.
Mama und ich gingen vor der Tür der Zahnärztin auf und ab. Wir wollten beide nicht vor zehn nach elf ins Haus gehen. Das Wartezimmer ist nämlich das Schlimmste. Am zweitschlimmsten ist der Aufzug. Da riecht es schon nach Zahnarzt. Und im Wartezimmer liegen überall zerrissene Zeitschriften und kaputtes Spielzeug. Es riecht ganz schrecklich, und ungefähr auf jedem zweiten Stuhl sitzt ein Kind oder ein Mensch und starrt zur Decke.
Genauso war es diesmal auch.
Aber dann rief uns die Sprechstundenhilfe auf, und Mama und ich gingen hinter ihr her ins Behandlungszimmer. Da war es plötzlich richtig nett. Es ist jedes Mal dasselbe. Sobald ich drin bin, ist alles gut. Dass ich mir das nicht merken kann!!!! Liebes Tagebuch, hilf mir, dann brauch ich nächstes Mal keine Angst mehr zu haben.
«Guten Morgen», sagte die Zahnärztin fröhlich. Sie sieht immer gleich aus. Mama setzte sich auf einen Hocker in der Nähe der Tür. Ich setzte mich auf den großen Stuhl. Man muss zugeben, er ist bequem. Die Sprechstundenhilfe pumpt ihn hoch, und dann pumpt sie mit dem Fuß, und der Stuhl neigt sich, bis ich liege. Da liege ich und guck aus dem kleinen Fenster und halte Ausschau nach Möwen.
«Was für ein prima neuer Stuhl», sagte Mama zur Zahnärztin. «So einen möchte ich zu Hause im Wohnzimmer haben.»
Die Zahnärztin lachte erstaunt. Das war kein Wunder. Mama hat nämlich genau dasselbe gesagt, als sie zuletzt im Herbst mit mir hier war.
Die Zahnärztin stocherte mit einer Häkelnadel in meinem Mund herum und sagte komische Sachen zur Sprechstundenhilfe. Zwei plus und plus zwei und so was. Das ist doch nett von der Zahnärztin, dass sie mit ihrer Sprechstundenhilfe Rechnen übt. Die sitzt ja doch bloß da und weiß nicht, woran sie denken soll. Die Sprechstundenhilfe hat übrigens nicht gesagt, was herausgekommen ist, das Ergebnis also. Wahrscheinlich ist sie sehr schwach im Rechnen, denn sie schrieb und schrieb und drehte nicht einmal den Kopf zu uns herum.
«Ihr pflegt eure Zähne gut, du und deine Eltern», sagte die Zahnärztin. «Kein einziges Loch! Jetzt kannst du dir einen schönen Sommer machen, aber Eis solltest du immer nur nach einer Mahlzeit essen und nicht irgendwann, wenn’s dir grade einfällt.»
«Das ist doch klar», sagte Mama. «Natürlich essen wir Eis nie irgendwann, wenn’s uns gerade einfällt. Oder besser gesagt: Wir haben Eis immer irgendwann gegessen. Damit hören wir sofort auf.»
«Das ist gut», sagte die Zahnärztin. «Nach dem Frühstück oder nach dem Mittag, gleich danach, dann kann man Eis essen. Und natürlich das Zähneputzen nicht vergessen.»
Ich durfte mir einen Button aus ihrer Blechschachtel aussuchen. Ich nahm nur einen ganz kleinen, weil ich ja keine Löcher hatte. Aber jemand, der elf Löcher hat, der darf sich einen riesigen nehmen.
«Im Winter sehen wir uns wieder», sagte die Zahnärztin.
Aber ich denk nicht an den Winter. Jetzt sind Sommerferien, und das ist wunderbar.
Übrigens hab ich Roberta auf dem Heimweg getroffen, genau vor Johanssons Schuhladen.
«Ich hab gar keine elf Löcher!», rief ich ihr zu.
«Hab ich’s mir doch gedacht», sagte sie nur und hüpfte davon. Sie fragte nicht mal, wie viele ich hatte.
Als wir zum Kiosk kamen, blieben wir stehen, und Mama kaufte für jeden ein Eis mit drei Kugeln. Es gab sechzehn Sorten zur Auswahl. Ich nahm Schokoladen-, Stachelbeer- und Zitroneneis. Mama nahm Rum-Rosinen, Rum-Rosinen und Rum-Rosinen. Mama mag Rum-Rosinen ziemlich gern.
Wir setzten uns auf eine gelbe Bank und guckten auf den Fluss und schauten den Enten zu, die dort herumschwammen. Es war wunderbar und Sommerferien und alles.
Mama warf ihre Eiswaffel den Enten zu, aber plötzlich guckte sie ganz komisch.
«Wir dürfen Eis ja nur nach einer Mahlzeit essen», sagte sie. «Das hatten wir schon wieder vergessen!»
Ich merkte, dass sie sich schämte.
Wir rannten zurück zum Kiosk, und Mama kaufte jedem ein Würstchen und eine kleine Packung fettarme Milch. Dann rannten wir zurück zur Bank und aßen.
«Übrigens kann es ja nicht so schlimm sein», sagte Mama, «dass wir den Nachtisch zuerst gegessen haben. Für die Zähne ist es bestimmt die Hauptsache, dass alles auf einen Rutsch kommt.»
«Ja, ja», sagte ich.
Ich dachte an was anderes. Ich dachte daran, dass wir nach Norrland in Urlaub fahren und Mamas Schwester Anna, ihren Hund Plutten, ihr Baby Petronella und ihren blöden Verlobten Albin treffen. Das wird bestimmt lustig. Ich nehm drei Badeanzüge mit und einen Bikini, denn da gibt es einen See. Viele Leute glauben, man kann nur im Meer baden, aber das stimmt nicht. Ich machte die Augen zu und versuchte, mir vorzustellen, wie der Strand dort aussieht, aber ich bin ja noch nie in Norrland gewesen.
«Eigentlich», sagte Mama in dem Augenblick, «ist es richtig gut, dass wir das Eis vor der Mahlzeit gegessen haben. Die Nahrung hat bestimmt einen Teil der Süße vom Eis mitgenommen. Es kann die Zähne gar nicht kaputtmachen.»
«Mensch, Mama», sagte ich, «denkst du immer noch daran?»
Dann liefen wir schnell nach Hause und putzten uns die Zähne.
Manchmal hab ich so viel Spaß zusammen mit Roberta, dass mir fast die Luft wegbleibt. Wie zum Beispiel heute, als wir bei ihr zu Hause in der Küche gespielt haben. Wir holten alle Teller und Gläser, die wir fanden, aus den Schränken, und dann mischten wir die verschiedensten Gerichte und füllten die Teller. Wir haben nämlich Restaurant gespielt. Wir nahmen Kartoffelmehl und Tomatensuppe (ein kleiner Rest), getrocknete Pflaumen, Zucker, Gelatine und alles Mögliche. Bei mir zu Hause wäre das nicht gegangen. Da darf ich nicht mit Essen spielen. Aber Robertas Mama ist nicht zu Hause, und ihr Papa und ihr Bruder Fridolf wohnen woanders. Robertas Mama ist es nur wichtig, dass wir nicht mit Streichhölzern spielen und keine Süßigkeiten essen, aber sonst darf Roberta machen, was sie will, wenn sie allein ist. Sie spielte die Restaurantgäste, und ich war die Kellnerin. Und dann war sie noch die Köchin, wenn sie es schaffte. Die Kellnerin passt am besten zu mir, fand sie, weil meine Mama ja auch eine ist. Ich weiß also, wie man das macht. Robertas Mama ist Zahnärztin für Kinder. Zum Glück nicht hier in der Nähe.
Roberta war sehr witzig. Sie erzählte, dass ihre Mama abends Erwachsene behandelt. Und wenn sie dem Patienten eine Betäubungsspritze gibt, sagt sie: «Eins, zwei, drei, hier kommt die kleine Mücke.» Das ist sie so von ihren Kinderpatienten gewohnt. Die meisten Erwachsenen lachen, wenn sie das sagt. Aber ein Mann ist ärgerlich geworden. Er ist einfach weggegangen, erzählte Roberta. Der Spuckeabsauger baumelte ihm auf der Brust wie ein Schlips, als er ging und die Tür mit einem Knall hinter sich zuschlug. Roberta ist wirklich witzig.
Dann musste ich alles abwaschen. Das müssen die Kellnerinnen in besonders feinen Restaurants, behauptete Roberta. Aber das glaub ich nicht. Es war jedenfalls sehr anstrengend, vierundzwanzig Teller und achtundvierzig Gläser abzuwaschen. Roberta wusste nicht, wie man die Geschirrspülmaschine in Gang setzt, und außerdem musste sie ganz dringend einen Brief an den König schreiben.
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