1 ...6 7 8 10 11 12 ...33 »Die Tür, vor der Sie jetzt stehen, ist jedenfalls der Ausgang«, informierte ihn Cathy mit einem Lächeln. »Die Toiletten sind auf der anderen Seite gegenüber.«
Satori bedankte sich und drückte ihr mit einer gezierten Verbeugung das Päckchen in die Hände, als handele es sich um sein Geschenk. Sie stand einen Moment nachdenklich, nahm dann die ominöse Sendung und schloss sie im Sekretär in der Diele ein. War doch keine so gute Idee gewesen, das Päckchen hier offen hinzulegen und so gleichsam alle Gäste schon beim Hereinkommen mit der Nase darauf zu stoßen, dass heute Nacht ihr Geburtstag war und sie keine Geschenke mitgebracht hatten. Etwas taktlos, Cathy! Jeremy ging noch immer nicht ans Telefon. Es würde doch wohl nichts passiert sein?
Von draußen im Hof hörte sie das schrille Geschnatter Kumikos und eine sich überschlagende hohe, ungehaltene Jungmännerstimme – Chen. Bitte nicht.
Bis Cathy im Innenhof angelangt war, hatte sich die Situation offenbar wieder etwas beruhigt. Kumiko und Chen standen sich schweigend an der Bar gegenüber und taxierten einander mit funkelnden Blicken. Chen war also, allen Versprechungen zum Trotz, doch ausfallend geworden. Während er die Japanerin finster anstarrte, schenkte er sich mit seiner bekannten demonstrativen Langsamkeit ein Weißweinglas voll Sake ein, schnupperte daran, täuschte ein kurzes Nippen vor, verzog angewidert das Gesicht – und leerte den gesamten Inhalt in den Ausguss. »Das Zeug ist ja widerlich, schmeckt wie Benzin. Warum schüttet ihr das nicht lieber gleich in eure Autos, wo euch doch eh längst der Sprit ausgeht?«
»Chen!«, rief Cathy dazwischen. Als er seine Cousine sah, stemmte er entrüstet die Arme in die Hüften. »Cathy, Cathy, wieso tischst du uns dieses entsetzliche Gesöff auf? Willst du uns alle vergiften? Japanischer Reiswein! Warum nicht der gute Shao Xing aus China? Das muss ich jetzt aber gleich kräftig mit Bier runterspülen.« Er griff sich eine weitere Pulle aus dem dahinschmelzenden Scherbeneis.
»Vielleicht solltest du stattdessen lieber nach Hause gehen. Ich zahl dir das Taxi.« Sie hätte ihn doch besser im Auge behalten sollen. Während er scheinbar friedlich herumsaß, hatte er vielmehr die Zeit genutzt, sich unverschämt rasch einen Affen anzutrinken. Und dann wurde er unleidlich, das wusste Cathy. Da entwickelte er ein geradezu dämonisches Vergnügen daran, andere zu provozieren und bevorzugt alle Nichtchinesen mit seinen chauvinistischen Thesen vor den Kopf zu stoßen. Frau Satori wirkte allerdings auch nicht mehr ganz nüchtern. Sie schien sich mehr über Chen zu amüsieren, als wirklich beleidigt zu sein. »Du bist aber lustig, Kleiner!«, kicherte sie. »Gehst du schon zur Schule?«
Hinter Cathy erschien plötzlich Yoshi Satori und griff seine Frau etwas unsanft am Arm, was sie sofort verstummen ließ. »Immerhin darf er schon Bier trinken und damit unsere verdienstreiche Getränkeindustrie unterstützen, auch wenn er keinen Sake mag«, sagte Yoshi Satori und verbeugte sich knapp vor Chen, der die höfliche Geste mit einem angedeuteten Kratzfuß persiflierte. Satori runzelte die Stirn. »Mit wem haben wir das zweifelhafte Vergnügen?«
»Chen Wong. Ich bin Cathy Wongs Cousin. Cathys chinesischer Cousin!«
»Na, dann zum Wohl«, sagte Satori und deutete auf Chens schon wieder halb geleerte Flasche. »Chinesisches Bier«, betonte Chen. » Chinesische Getränkeindustrie.«
»Natürlich«, erwiderte Satori, der kein Interesse daran hatte, die Situation eskalieren zu lassen. Trotzdem verspürte er eine brennende Neugierde, diesen chinesischen Feuerkopf ein wenig auszutesten . Und so fuhr er fort: »Aber dir ist doch wohl sicher nicht entgangen, mein Junge, dass die Tsingtao-Brauerei seit 2009 zu einem Drittel dem japanischen Brauereikonzern Asahi gehört? Du siehst, Japans Globalisierung macht auch vor deiner Plörre nicht halt.«
»Und bald wird sie uns ganz gehören. Ganz China wird uns bald wieder gehören!«, rief Kumiko triumphierend dazwischen. »Wir sind die Weltmacht!«
»Shanghai wird euch niemals mehr gehören«, rief erregt Chen, dem es offensichtlich zu schaffen machte, was er soeben über seinen Lieblingstrunk gehört hatte. Satori sah ihn mitleidig an. »Ja, ich weiß, du bist stolz auf deine tolle Stadt. Wo ihr 2010 eure ach so tolle Weltausstellung hattet. Mit über 70 Millionen Besuchern aus aller Welt, sieh an. Und dem schönen Motto Better City, Better Life .«
»Ihr Japaner musstet vor Neid erblassen«, unterbrach ihn Chen höhnend. »Ihr habt eure große Zeit eben längst hinter euch. Eure Weltausstellung 1970 in Osaka, okay da wart ihr vielleicht noch wer, auch wenn das längst vergessen ist … Aber eure Expo in Tsukuba City, nur fünfzehn Jahre später, mal ehrlich: Hat die überhaupt stattgefunden? Da hat euer Niedergang doch schon begonnen. Und jetzt liegt ihr völlig am Boden.«
»Blas dich nicht so auf, du kleiner hundefressender Chinake!« Kumiko Satoris Schulmädchenlächeln war plötzlich verschwunden. »Was haben denn eure Olympischen Spiele 2008 in Peking bewirkt? Ach so: Ihr habt in eurer Hauptstadt nun endlich eine U-Bahn …« Sie lachte kreischend auf.
»Better City, Better Life« , griff Satori, nach einem mahnenden Seitenblick auf seine Frau, den angefangenen Gedanken wieder auf. »Kunststück, solange diese bessere Stadt auch von den besseren Menschen gebaut wird. Euer tolles Shanghai World Financial Center, auf das ihr so stolz seid, mussten bekanntlich wir bauen, weil ihr es allein garantiert nie hinbekommen hättet, eines der größten Gebäude der Welt hochzuziehen.«
»Wenn ihr es gebaut hättet, wäre es umgefallen!«, gackerte die Gans.
»Wenn ihr es bei euch gebaut hättet, wäre es auch umgefallen. Ihr baut ja nur woanders, weil ihr es zu Hause nicht hinkriegt. Weil bei euch sowieso alles gleich umfällt oder in die Luft fliegt. Weil bei euch alles kaputt und verseucht ist. Das ganze Land ist marode, das ganze Land! Nippons Größe, pah! Aus und vorbei! Soll es beim nächsten Erdbeben doch gleich ganz im Meer versinken. Als Rache für all eure Schandtaten! Und wir blühen gerade erst auf.«
Cathy zog Chen heftig am Arm, wild entschlossen, die sich anbahnende Katastrophe im letzten Moment zu verhindern.
Plötzlich ertönte schallend ein chinesischer Gong und ließ alle zusammenzucken. Über sein brummendes Nachklingen und durch das erschrockene Schweigen ringsum tönte eine laute Männerstimme, die betont fröhlich einen Guten Abend wünschte und verkündete, dass die Tafel bereitet sei. Cathy breitete mit gespielter Glückseligkeit ihre Arme aus. Mit seinen stämmigen 1,85 Metern, dem bereits lichter werdenden graumelierten Haar und seinen eher herben, kantigen Zügen stand plötzlich Jeremy im Eingang zum Innenhof, schenkte den Anwesenden das breite Lächeln eines Olympiasiegers, klatschte in die Hände und rief: »Kinder, was steht ihr herum. Vite, vite – à table! «
Im selben Moment wurden die Schiebetüren zum Speisezimmer geöffnet. Niemand hatte Jeremys und Richards Erscheinen bemerkt. Cathy wusste, was sie ihren Gästen schuldig war. Eine Szene vor aller Augen würde sie ihnen jetzt bestimmt nicht liefern. Sie flog mit ausgebreiteten Armen auf Jeremy zu, der ihre Umarmung mit einem frechen Funkeln seiner graublauen Augen erwartete.
»Du Schuft«, flüsterte sie ihm ins Ohr, »darüber reden wir noch. Aber ich bin heilfroh, dass du gekommen bist.«
»Ich vermute: viel zu spät, dafür genau im richtigen Augenblick«, raunte er leise zurück. »Mir scheint, Chen ist gerade dabei, zur Höchstform aufzulaufen. Entschuldige bitte, Liebling. Lass uns Platz nehmen, sonst wird das Essen kalt.«
»Ich verzeih dir«, lächelte Cathy und dachte an das Päckchen, das sie weggeschlossen hatte. »Hauptsache, du bist da. Jetzt soll der Abend nochmal neu anfangen und alles andere vergessen sein!« Von der Sendung würde sie ihm trotzdem erst nach dem Essen erzählen. Er konnte ruhig noch ein bisschen schmoren.
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