Susan Hill - Phantomschmerzen

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Simon Serrailler hat seinen letzten Fall nur knapp überlebt. Wird er körperlich und psychisch je wieder in der Lage
sein, als Detective Chief Inspector zu arbeiten? Er sucht Abstand von seinem Leben in der gemütlichen südenglischen Stadt Lafferton mit ihrer schönen Kathedrale, von seiner Schwester, der Ärztin Cat und ihren drei Kindern, die gerade seinen Vorgesetzten Kieron Bright geheiratet hat, und von seinem Vater Richard und dessen viel zu junger französischer Freundin. Gibt es einen besseren Ort, um sich zu erholen, als das Zuhause alter Freunde auf einer abgelegenen schottischen Insel? Mit der Ruhe ist es allerdings schnell vorbei, als eine Frau unter mysteriösen Umständen ermordet wird und Serrailler als einziger Polizist vor Ort die Ermittlungen auf Taransay übernehmen muss. Und auch ein alter Fall in Lafferton holt ihn ein. Ist die 24 Jahre alte Kimberley Still ein weiteres Opfer des Serienmörders Lee Russon?

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»Bisschen heftig?« Simon fuhr sich mit der Hand darüber. Die blonden Haarsträhnen, die ihm normalerweise in die Stirn hingen, waren sehr kurz geschnitten worden und ließen seine Gesichtsknochen und den langen Hals erkennen.

»Bisschen wie ein Sträfling.«

»Danke. Nur weil Geordie es nicht richtig schneiden kann, daher hab ich’s ihn lieber mit der Schermaschine machen lassen. Hält auch länger. Möchtest du Toast?«

»Nein danke. Aber hast du Tomaten?«

»Leider nein.«

Simon stellte ihm den Teller hin und wartete, bis Sam drei oder vier Bissen verschlungen hatte und eine Pause einlegte, um etwas zu trinken. Dann sagte er: »Okay, du hast mir erzählt, wie du hergekommen bist. Aber warum?«

»Na ja, weißt du, ich war in der Nähe.«

»Niemand ist in der Nähe von Taransay.«

»Na ja, so ungefähr. Hab dich lange nicht gesehen. Hab gedacht, ich könnte mal wieder vorbeischauen.«

»Wie schmeichelhaft.«

»Wie geht’s …?« Er deutete mit einem Kopfnicken auf Simons Arm.

»Gut.«

»Prima.«

Simon ließ ihn allein, machte noch mehr Tee und legte einen Ingwerkuchen auf einen Teller. Kirsty backte sie zu Hause und verkaufte sie zusammen mit ein paar anderen Kuchen im Laden. Die Nachfrage war groß, womit sie ein wenig zum Familieneinkommen beitrugen, so wie mit den Eiern der Hühner. Das Leben auf der Insel war bescheiden. Nichts wurde verschwendet.

In der kurzen Touristensaison im Sommer hofften alle, die spärlichen Einkünfte des langen Winters auszugleichen. Simon gefiel diese Art zu leben, aber er bezweifelte, zäh genug zu sein, es lange durchzuhalten. Im Übrigen langweilte er sich zu schnell für eine so begrenzte Existenz.

Sie saßen sich gegenüber und lauschten dem immer noch tosenden Sturm. Sam hob seinen Becher. »Danke, Si.«

»Gern geschehen.«

»Da ist was, das ich irgendwie kurz mal ansprechen möchte.«

Simon wartete und ignorierte Sams beiläufigen Tonfall.

Ein plötzlicher Windstoß schlug den Regen gegen die Fenster. »Ich hoffe, sie ist gut nach Hause gekommen.«

»Wer, Sandy? Um die mach dir mal keine Sorgen – sie ist eine Überlebenskünstlerin, wie sie im Buche steht. Und wenn es ums Entladen geht, arbeitet sie für zwei Männer.«

»Wo wohnt sie?«

»Über den Hügel Richtung Küste.«

»Mit Familie?«

»Nein, allein. Wenn es irgendwo eine Familie gibt, hat sie nie darüber geredet.«

»Kennst du sie gut?«

»Wie eine Nachbarin – jeder kümmert sich hier um jeden. Das muss sein. Sie ist mal auf eine Tasse Tee reingekommen, wenn sie etwas vorbeigebracht hat. Warum?«

Sam zuckte mit den Schultern und wandte den Blick ab. Simon lachte. »Nein«, sagte er. »Das soll wohl ein Witz sein. Sie ist … na ja … nein

»Okay. Deine Freundinnen sind immer megaschick, stimmt.«

»Und was ist mit deinen?«

»Hör auf!«

»Ella, so hieß sie doch?«

Sam warf ein Kissen nach ihm. »Hör zu … ich wollte Kieron danach fragen, aber dann, ich … ich glaube, dir vertraue ich einfach.«

»Kein Grund, ihm nicht zu trauen, Sam, er ist ein guter Mann … guter Polizist. Du kommst doch klar mit ihm, oder?«

»Ja, ja, und Mum ist glücklich, also … hält sie sich aus meinen Sachen raus.«

»Genau.«

»Die Polizei. Diese Sache mit SO17, die mir immer vorschwebte.«

Sam hatte schon immer zu den bewaffneten Sondereinheiten der Polizei gewollt, solange er und Simon sich erinnern konnten. Der ursprüngliche Plan war gewesen, einen guten Abschluss zu machen und dann zur Polizei zu gehen, um von dort im Schnellverfahren so bald wie möglich zur bewaffneten Sondereinheit zu wechseln. In den letzten beiden Jahren hatte er Gewehrschießen gelernt und schnell Geschicklichkeit entwickelt. Er hatte die County-Tabellen im Tontaubenschießen angeführt, sich aber geweigert, Wild zu töten. Das hatte zu einigen hitzigen Debatten mit Kieron geführt, der nicht verstehen konnte, wie sein Stiefsohn in Erwägung ziehen konnte, einen Menschen erschießen zu müssen, wenn er aus Prinzip nicht einmal einen Fasan töten wollte. Sam hatte einfach darauf bestanden, dass beides nichts miteinander zu tun hatte. Am Ende hatten sie sich auf Cats Drängen hin darauf geeinigt, das Thema gänzlich zu meiden.

»Ich hab nachgedacht … vielleicht neu überlegt.«

»Polizist zu werden?«

Sam rutschte hin und her. Er griff nach seinem Becher. Trank. Rutschte wieder hin und her. Simon wartete.

»Als du auf halber Strecke das Medizinstudium aufgegeben hast –«

»Weniger. Ich hatte nicht einmal das zweite Jahr beendet.«

»Okay, warum hast du das gemacht? Ich meine, der wahre Grund?«

»Der wahre Grund ist derselbe wie jeder andere. Ich wollte kein Arzt sein. Ich wusste es, bevor ich anfing, aber ich war … oh, ich weiß nicht, Sam, überredet, gedrängt worden. In dieser Familie wird man Arzt. Und ich war nicht absolut dagegen – jedenfalls nicht, bevor ich anfing. Und da wusste ich inzwischen, dass ich zur Polizei, nicht in die Medizin wollte.«

»Hast du es jemals bereut? Hast du gedacht, du könntest deine Meinung noch mal ändern?«

»Nicht eine Sekunde. Ich wäre ein miserabler Arzt geworden.«

»Das kannst du nicht wissen.«

»Ich weiß es. Aber ich wollte Polizist werden, und ich habe jede Minute genossen. Na gut – fast jede Minute.« Er berührte seinen Arm. »Das war ein Ausrutscher.«

»Okay.«

»Und? Wohin führt dich dein Nachdenken?«

»Kann ich bitte noch Tee haben?«

»Greif zu.« Er musste lauter sprechen, um gegen den plötzlich aufheulenden Wind anzukommen.

Sam war nicht auf den Mund gefallen, doch er war vorsichtig. Er ließ sich nicht zu ernsten Worten hinreißen, wenn er nicht sicher war, was er genau sagen wollte, aber Simon vermutete, dass Sam längere Zeit darüber nachgedacht hatte und jetzt einfach nur tief Luft holen musste. Er hätte nicht die lange, komplizierte Reise auf sich genommen, ohne es vorher einstudiert zu haben.

»Vielleicht habe ich meine Meinung über die Polizei geändert.« Er schien auf eine Reaktion zu warten, doch Simon zeigte keine. »Ich habe mir immer wieder mich selbst vor Augen geführt – das Leben … Verstehst du, ich habe mich gesehen wie ein Stück, das nicht ins Puzzle passt. Je mehr ich mich damit beschäftigte, über den Alltag las, desto stärker wurde dieses Gefühl. Ist das dumm?«

»Du weißt, dass es das nicht ist.«

»Ich würde dich enttäuschen.«

Simon schnaubte. »Du würdest niemanden enttäuschen, am wenigsten mich. Werde erwachsen.«

»Ich will keinen Fehler machen. Es wäre eine Verschwendung von allem … deshalb könnte ich … vielleicht meine Meinung ändern.«

»Klingt so, als hättest du dich schon anders entschieden.«

»Ach ja? Vielleicht stimmt es ja.«

»Viel besser ist, wenn du es jetzt weißt, Sambo, als nach einem Jahr der Ausbildung. Besser für dich hauptsächlich.«

»Stimmt …« Ein langes Gähnen unterbrach seinen Redefluss.

Simon stand auf. »Morgen reden wir weiter. Du bist total erledigt. Das Reservebett ist bezogen, aber ich werde noch mehr Decken suchen – solche Stürme lassen die Temperaturen rapide sinken.«

Sie gingen die Treppe hinauf, Sam holte sein Waschzeug und das T-Shirt, in dem er immer schlief, aus dem Rucksack, während das Bett gemacht und die Vorhänge vor der wilden Nacht zugezogen wurden.

»Si … ich will nur … ich meine, na ja, wir werden darüber reden, nur …«

»Ich soll deiner Mutter nichts sagen.«

»Genau.«

»Ich doch nicht.« Er legte den Arm kurz um Sams Schulter, nicht sicher, ob der die stürmischen Umarmungen noch annehmen würde, die er als Junge so geliebt hatte.

Sam setzte sich aufs Bett, um die Matratze zu prüfen. Er kippte zur Seite, um das Kissen zu prüfen, war innerhalb von fünfzehn Sekunden tief eingeschlafen und wurde nicht vor zehn Uhr am nächsten Morgen wach.

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