1 ...8 9 10 12 13 14 ...17 »Ich bin Ihnen sehr dankbar«, sagte sie. Es gab Tee. Es gab Kaffee. Und Schokoladenkekse.
Kieron saß nicht hinter seinem Schreibtisch, sondern auf einem Stuhl neben ihr.
Arme Frau. Etwas anderes fiel einem zu ihr nicht ein, wie immer bei Menschen, die jahrelanges Elend hinter sich hatten, Verlust, der nicht einmal ein Verlust war, schwankend zwischen Hoffnung und Verzweiflung, die jeden Morgen mit Magenschmerzen aufgewacht waren. Er hatte den Ausdruck in den Augen von Menschen wie Marion Still oft genug gesehen. Jeder Polizist, der länger als zwei Jahre dabei war, kannte diese eigenartige Leblosigkeit und Trauer, die jeden Funken von Leben und Energie überschatteten.
»Mrs Still, ich habe mich in diesem Fall auf den neuesten Stand gebracht. Wie Sie ja wissen, war ich nicht bei der hiesigen Polizei, als Kimberley verschwand, daher habe ich erst mal alles im Detail durchlesen müssen – was auch gut so ist. Ich habe einen unvoreingenommenen Blick darauf werfen und intensiv darüber nachdenken können. Vielleicht kann ich Ihnen jetzt ein paar neue Fragen stellen. Das hoffe ich jedenfalls.«
»Soll das heißen, Sie fangen von vorn an, versuchen herauszufinden, was passiert ist, wohin er sie gebracht hat, wo er … wo sie ist? Ich weiß, wer ›er‹ ist, Mr Bright, das wissen wir alle. Nur scheint das niemanden zu interessieren.«
»Natürlich interessiert uns das. Ich werde nicht so tun, als könnte ich das hier lösen, Mrs Still. Das müssen Sie bitte verstehen. Jede Menge Leute waren mit der Suche nach Kimberley beschäftigt, haben versucht herauszufinden, was ihr zugestoßen ist. Über einen beachtlichen Zeitraum hinweg wurden sehr viele Arbeitsstunden investiert. Niemand hat leichtfertig aufgegeben, das kann ich Ihnen versichern.«
»Das weiß ich. Und ob. Ich muss nicht noch einmal sagen, wie dankbar ich bin, oder?«
»Natürlich nicht. Es war, es ist Ihr Recht. Es war Kimberley und Ihnen geschuldet, dass wir alle getan haben, was in unserer Macht stand, und noch mehr. Damit will ich nur sagen, selbst wenn es eine neue Ermittlung gäbe, kann ich kein Ergebnis versprechen. Wie auch? Neue Beweise gibt es nicht – jedenfalls, soweit ich weiß.«
Sie stellte ihre Tasse ab und schaute ihn direkt an, und einen Moment lang sah er etwas in ihren Augen aufblitzen. Verzweiflung und – Entschlossenheit? Nein. Überzeugung. Eine schreckliche, felsenfeste Überzeugung. Er hatte so etwas gelegentlich schon zuvor gesehen, bei Wahnsinnigen und Besessenen.
»Hören Sie zu, er war es. Lee Russon. Ich kann es kaum ertragen, seinen Namen in den Mund zu nehmen, das ist wie ein fauliger Geschmack, den ich am liebsten ausspucken möchte. Er war es. Ich glaube, er hat sie irgendwie in sein Auto geholt und ist mit ihr weggefahren, und dann … hat er was auch immer getan. Und ich weiß, dass er lebenslang im Gefängnis sitzt, nur nicht für meine Kimberley. Für die anderen. Diese armen Mädchen. Sie sagen, es gibt keine neuen Beweise, aber es gibt Beweise … die gab es schon immer.«
»Ja. Doch als diese Beweise – und die waren wirklich nicht sehr stichhaltig – der Staatsanwaltschaft vorgelegt wurden, die letztendlich entscheidet, fand man sie zu dünn. Sie rieten davon ab, Russon dafür ebenso wie für die anderen Morde vor Gericht zu stellen, weil der Fall so schwach war, dass man ihn abweisen würde. Und an diesem Punkt hätte Russon beantragen können, gegen die anderen Urteile Berufung einzulegen, weil sie nicht gesichert seien, und das hätte – unwahrscheinlich, aber möglich – dazu führen können, dass die Verfahren noch einmal neu aufgerollt und Russon auf freien Fuß gesetzt worden wäre.«
»Er hat es getan.«
»Ich will Ihnen gern zustimmen, nachdem ich alles gelesen habe. Und der leitende Ermittler damals …«
»Inspector Wilkins.«
»Ja … er sagte, die Polizei habe nach keinem anderen Verdächtigen gesucht. Man ging davon aus, dass Kimberley ermordet wurde, womöglich von Lee Russon. Aber ohne Kimberleys Leiche oder auch nur die leiseste Spur von ihr war Russon …«
»Der gelogen und gelogen und gelogen hat.«
»Der geleugnet hat, überhaupt etwas damit zu tun zu haben – dass er jemals in Lafferton selbst oder in der Umgebung war, schon gar nicht an dem besagten Tag – und somit kein Hauptverfahren zu erwarten hatte.«
»Ich glaube nicht, dass sie ihn richtig mürbe gemacht haben. Wenn jemand schuldig ist, kann man ihn auch kleinkriegen – man kann ihn am Ende zu einem Geständnis zwingen.«
Das stimmte nicht immer, dachte der Chief. Aber es hatte keinen Sinn, Mrs Still das zu sagen, für die feststand, dass Russon schuldig war und jemand ihn letztendlich würde brechen können.
Im Garten zu sitzen war ihm zu warm gewesen, selbst im Schatten der Bäume, aber als er in die Straße einbog, sah Richard Serrailler auf der Anzeige am Armaturenbrett, dass die Außentemperatur 26 Grad betrug. Um zwei Uhr nachmittags waren es noch 30 Grad gewesen. Mit etwas Glück hatte es sich weiter abgekühlt, bis er zum Café kam. Im Westen zogen sich ein paar Wolken zusammen, die auf ein Gewitter und einen Wetterumschwung hindeuteten.
Er würde sich seine Times abholen, wie üblich ein kaltes Bier trinken, danach ein zweites und dann entscheiden, ob er die plat du jour essen oder nach Hause fahren und auf Delphine warten sollte, bevor er mit ihr ein spätes Abendessen auf der Terrasse einnehmen würde.
Sie schickte ein Lächeln in seine Richtung, als er ankam, doch es war gerammelt voll, und sie trug Tabletts mit Getränken und Gerichten rein und raus, wobei sie den Leuten an den Tischen zu beiden Seiten einen kurzen Gruß und schnell ein paar Sätze zuwarf. Sie würde jetzt nur wenig Zeit für ihn haben. Ganz hinten war ein Platz, direkt außerhalb der Markise. Er nickte ein paar Leuten zu, schüttelte einem Mann die Hand, beugte sich dann aber über seine Zeitung. Er war gerne freundlich. Verbindlich. Er mochte die ortsansässigen Franzosen, die alten Männer, die abends unter den Rosskastanien Boule spielten und donnerstags und freitags am Nachmittag Domino an alten Steintischen. Sein Französisch war ganz gut. Als junger Mann hatte er ein Jahr in dem Land verbracht und seitdem fast jedes Jahr hier Urlaub gemacht. Dann war er hierhergezogen, hatte ein kleines Bauernhaus gemietet. Er pflegte nachbarschaftlichen Kontakt mit den anderen, die in seinem Dörfchen wohnten, ausnahmslos Franzosen. Sie halfen ihm, wenn er es brauchte, er revanchierte sich, für gewöhnlich mit medizinischem Rat – es hatte nicht lange gedauert, bis sie seinen Beruf herausgefunden hatten.
Den Zugezogenen ging er aus dem Weg. Er mochte ihr exklusives Clubverhalten nicht, ihre Entschiedenheit, noch lauter englisch zu sprechen als zu Hause, ihre übertriebene Vertrautheit mit dem Inhaber des Cafés und den Ladenbesitzern, die Art, wie sie lauthals riefen »Delphine! Dasselbe noch einmal, s’il vous plait «.
Sie hatten versucht, ihn einzubeziehen, als er für ein paar Wochen hier gewesen war, hatten zur Kaffeezeit einen Stuhl herausgezogen, damit er sich an ihren langen Tisch zu ihnen gesellen konnte. Er lächelte immer und setzte sich dann allein an einen anderen Tisch. Sie fragten nicht mehr, schauten nur manchmal zu ihm hinüber und redeten über ihn, sobald er gegangen war, das wusste er.
Delphine war fünfundzwanzig. Er war vierundsiebzig. An manchen Tagen schmeichelte er sich damit, dass er zehn Jahre jünger aussah.
Das eiskalte Bier wurde vor ihn hingestellt, nicht von Delphine, sondern von dem neuen jungen Kellner Olivier. Auf Andeutungen, dass sie Richard bevorzuge und ihn außer der Reihe bediene, reagierte sie sensibel und gab seine Bestellung deshalb sehr oft an ihren Assistenten weiter.
Nachdem er sich bei seinen Besuchen im Café mit ihr unterhalten hatte, wenn es ruhiger zuging, hatte er erfahren, dass sie drei Jahre in London verbracht hatte, fließend Englisch sprach, obwohl sie so tat, als könnte sie es nicht, und ebenso intelligent und humorvoll wie gut aussehend war.
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