Er hält an einer Raststelle westlich von Odense, und während der Hund pinkelt, sieht er sich seinen Wagen an, den Berlingo. Ihm geht durch den Kopf, dass es genau das richtige Auto für ihn ist: Von den Frontscheinwerfern bis zu den Heckleuchten signalisiert der Berlingo Geräumigkeit. Das spezielle Design des Modells mit den Schiebetüren erleichtert den Einstieg mit Schultaschen, Einkaufstüten und dem Wunsch, in der Welt etwas zu verändern. Man kann nicht sagen, dass der Berlingo sexy ist, denkt der Buddhist. Aber er ist absolut in Ordnung, denn der Berlingo soll innere, nicht äußere Werte signalisieren. Das Design weist darauf hin, dass der Besitzer ein praktischer, funktionstüchtiger und flexibler Mensch ist. Nicht unwesentlich ist zudem, dass der Berlingo sicher ist. Um die Kabinen sitzt ein Metallrahmen, der angeblich so solide ist, dass einem in dem Auto nichts Böses geschehen kann.
Der Buddhist setzt den Hund wieder auf den Boden des Wagens, und als er vom Rastplatz biegt, begreift er den Berlingo als ein weiteres Zeichen des Universums. Er fährt das sicherste Auto auf dem Markt. Er fährt ein Auto, in dem man nicht sterben kann. Doch obwohl gefährliche Dinge wie zum Beispiel der Tod von außen nicht in den Berlingo dringen können, heißt das aber nicht, dass die Gefahr nicht schon im Auto ist. Dem Buddhisten geht durch den Kopf, dass er Angst vor sich hätte, würde er die bösen Kräfte dieser Welt verkörpern. Wenn ich böse wäre, würde ich mich hassen , denkt der Buddhist. Und wenn ich jemand wäre, der gut zu der Welt sein will, welches Auto würde ich dann wählen? , fragt sich der Buddhist, als er einen Volvo mit schwedischem Nummernschild überholt. Es ist eine hypothetische Frage. Der Buddhist hat sich bereits für den Berlingo entschieden.
Kurz nachdem er den Volvo überholt hat, zeigt es sich: das Vorzeichen. Der Buddhist bekommt ein Vorzeichen, und dieses Vorzeichen erscheint über der Brücke des Kleinen Belts, auf die er jetzt zufährt. Am Himmel über Fredericia, nein, eigentlich über dem gesamten Gebiet, sieht er einen großen Halo. Als er sich der Brücke über den Kleinen Belt nähert, wird der Lichtschein immer stärker. Und als die Reifen des Berlingo auf die Brücke treffen, verwandelt sich der graue Schrott der Brücke über den Kleinen Belt in einen leuchtenden Bogen, der sich über den Sund und den Belt wölbt und sich hoch in den Himmel schiebt. Es ist wie eine Fata Morgana und doch ganz real. Der Buddhist fährt auf einem Astralleib in Richtung Himmel. Weit unter ihm laufen die Menschen in Dänemark in ihre Gärten und zeigen auf ihn und den Berlingo. Sie zeigen auf den roten Berlingo, der wie der Halleysche Komet über den Himmel fährt. Der Buddhist spürt die Kraft und das Rauschen des Universums in sich, in großen, weiten Schwüngen lässt er sich zwischen den Wolken treiben. Er winkt Dänemark und Teilen des nördlichen Deutschlands zu und erreicht schließlich ein leuchtendes Tor. Er fragt nicht, ob er durch dieses Tor fahren soll. Er ist der Erwählte. Der eigentliche Sinn dieses Tores ist es, dass er hindurchfahren soll, also tut er es. Er fährt, bis der Wagen von sich aus an einer Stelle hoch über dem zentralen Jütland stehen bleibt. Er nimmt den Hund unter den Arm, öffnet die Tür und tritt hinaus in den Himmelsraum. Er kann auf den Wolken gehen. Er kann nicht hinunterfallen und glaubt undeutlich zu erkennen, wie ihm eine Person in orangefarbenen Kleidern mit rasierter Glatze und einer großen Brille entgegenkommt. Es gibt keinen Grund, genauer hinzuschauen, denn es ist eindeutig der Dalai Lama. Der Buddhist kniet nieder und hofft, dass der Hund in diesem heiligen Augenblick nicht pinkeln muss. Er wagt nicht aufzublicken. Er fühlt sich wie eine Fee und würde dies dem Dalai Lama gern sagen, aber er wagt nicht, zu ihm aufzublicken. Er denkt, etwas könnte explodieren, wenn reine Güte auf reine Güte blickt. Danke , sagt er nur. Danke für deine Güte und Weisheit , der Dalai Lama legt ihm die Hand auf den Kopf und erwidert: Ich habe zu danken, mein Junge, und nun denk dran: Man muss das Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können .
Und in dieser Szene, die sich möglicherweise im Himmel über Jütland, möglicherweise aber auch tief im Inneren des Buddhisten abspielt, finden wir den Grund, warum der Buddhist sich vier Monate später mit einem Kanister Benzin und einem Einwegfeuerzeug in seinem Büro einschließt. In dieser Situation treffen wir ihn wieder. Er sitzt am Schreibtisch, starrt auf den Kanister und registriert kaum den Raum um sich herum. Er ist eingeschlossen in einen mentalen Käfig. Niemand kann ihn erreichen, doch der Vorstandsvorsitzende will den Buddhisten sprechen. Der Buddhist soll wegen Amtsmissbrauch, leichtfertigem Umgang mit der Wahrheit, Nachlässigkeit, emotional bedingten Entlassungen, Schludrigkeit beim Rechnungswesen, Schludrigkeit bei den Mitgliederverzeichnissen, Schludrigkeit im Umgang mit öffentlichen Fördergeldern, Sex mit Untergebenen und weiteren ähnlichen Vorfällen gefeuert werden. Vor allem aber soll der Buddhist wegen seiner Fantastereien und der Spur des Chaos gefeuert werden, die er in der Hilfsorganisation Informationen von Volk zu Volk hinterlassen hat. Er soll gefeuert werden, weil er mit einer wohlmeinenden Organisation gespielt hat, noch dazu mit einer viel zu hohen Meinung von sich selbst, man bietet ihm an, seinen Platz diskret zu räumen, wenn er es möchte. Diskret und mit dem Recht, eine passende Geschichte zu erfinden. Aber gefeuert werden soll er. Doch das will er nicht. Und wenn er nicht will, dann liegt das nicht daran, dass ihm die Arbeit so großen Spaß machen würde. Nein, er will nicht gefeuert werden, weil es unmöglich ist. Noch nie hat man einen großen Einzelgänger feuern können: Stalin, Hitler, Mutter Teresa, Nelson Mandela, den Dalai Lama. Er kann sie durchaus alle in einem Satz nennen. Sie haben sehr viel gemeinsam. Niemand von ihnen konnte zum Beispiel je gefeuert werden. Der Buddhist hat sich mit dem Benzin, dem Hund und der Telefonnummer seiner Exfrau in seinem Büro eingeschlossen, außerdem hat er das weibliche Vorstandsmitglied mit einem Referat im Mund auf einem Stuhl festgebunden. Er hat sich mit dem Traum von einer besseren Welt und einem Kanister von der Statoil-Tankstelle unten an der Ecke eingeschlossen. Er hat sich mit seiner Güte eingeschlossen. Und der Rest ist Geschichte.
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