„Wir wollen ihn bei Nacht über Bord werfen“, meinte einer der Matrosen.
„Aber wie kriegen wir das Untier aus der Kajüte heraus?“ entgegnete Coble. „Wenn wir dies im Sinne haben, so muß es bei Tage geschehen.“
Kurz nickte mit dem Kopfe.
„Ich will ihn bei der ersten Gelegenheit vom Stapel lassen“, bemerkte Jemmy Entenbein und fügte dann mit gedämpfter Stimme bei: „nur möchte ich zuerst wissen, ob er wirklich ein Hund ist, oder nicht.“
„Ein Hund ist ein Hund“, versetzte Jansen.
„Ja“, entgegnete einer von den Matrosen, „wir alle wissen, daß ein Hund ein Hund ist. Aber es fragt sich nun, ist dieser Hund ein Hund?“
Es trat eine Pause ein, welche Jemmy Entenbein mit Tasten auf seinen Fiedelsaiten ausfüllte.
Es stellte sich heraus, daß, obgleich alle Matrosen den Hund über Bord zu sehen wünschten, doch keiner die Tat auf sich nehmen wollte, nicht etwa aus Furcht vor Entdeckung, sondern weil viel Aberglauben unter ihnen herrschte. Sie waren der Meinung, es bringe Unglück, wenn man einen Hund oder überhaupt ein Tier über Bord werfe. Dazu kam noch, daß viele überzeugt waren, die Bestie sei ein Kobold aus der Hölle, den der Teufel Vanslyperken geliehen habe, und wenn man ihm ein Leides tue oder ihn umzubringen versuche, so hätten unausbleiblich die Täter, wenn nicht noch obendrein das Schiff und die ganze Mannschaft, die schrecklichsten Folgen zu gewärtigen. Sogar Kurz, Coble und Jansen konnten, trotz ihrer sonstigen Kühnheit und ihres Mitgefühls mit den Leiden des armen Smallbones, ihre eigenen Bedenken nicht überwinden, und mochten bei reiferer Überlegung nichts mit der Sache zu schaffen haben.
Obschon man sich viel von dem Gerüchte erzählt hatte, so konnte doch kein Mann an Bord aus eigener Wahrnehmung die Tatsachen bezeugen, welche mit dem ersten Erscheinen des Tieres zusammenhingen, denn die Mannschaft, welche damals den Kutter bedient hatte, war inzwischen abgelohnt worden.
„He, Bill Spurey“, sagte Coble, „du weißt mehr von der Sache, als irgend einer. Spinn’ uns daher das Garn und dann werden wir imstande sein, die Sache nüchterner zu besprechen.“
„Gut“, versetzte Spurey, „ihr sollt die Geschichte, soweit mein Gedächtnis reicht, Wort für Wort hören, wie ich sie vernommen habe. Ihr wißt, ich war nicht in dem Fahrzeug, als das Ding an Bord kam, aber Joe Geary war’s. Gut, es war eines Nachts, als wir über einem steifen Glase in der neuen Schenke dort zechten — dem Orangebogen, wie sie’s nennen, an dem Point von Portsmouth — und da wünschte ich etwas von meinem neuen Leutnant zu hören, um zu wissen, mit was für einer Art von Kunden ich zu tun haben sollte. Nachdem ich alles über ihn gehört, hatte ich wohl ein halbdutzendmal im Sinn, wieder abzuschieben, aber ich besann mich eines bessern. Ihr wißt, man darf nicht sonderlich heikel sein in Friedenszeiten, wenn alle großen Schiffe im Schlamm von Southampton und Cinque Port modern. Gut denn, ich kann mich noch recht gut an alles erinnern, was er mir sagte. Es war eine wilde Nacht mit einem garstigen Südwester und die Wellen warfen sich im Hafen zu Schaum auf, so daß sie von dem Winde durch die Straßen gefegt wurden und einander nachjagten, als spielten sie wie die Buben das Fangen. Es war ungefähr zwei Glockenzüge in der Mittelwache, und nach unserem fünften Glase erzählte Joe Geary folgendes:
Es war in einer dunkeln Winternacht, wir lagen just auf der Höhe von Texel. Wir hatten das Sturmtuch auf und fochten mit den Elementen um jeden Zoll Grund — das Schiff wurde von den Wellen so gepeitscht, daß der Lotmann an das Takelwerk gebunden werden mußte, damit er nicht weggewaschen werde. Da kam mit einemmale ein Windstoß, laut genug, um für die letzte Trompete gelten zu können, und die Wellen tobten heiserer als je. Der Schiffsmast ging dahin, obgleich er kaum mehr Segel trug, als ein Schnupftuch groß ist, das Fahrzeug rollte und stieß in den tiefen Trögen, wie ein armer Sünder in der Verzweiflung stirbt. Und dann war’s ein Wrack, mit nichts, um uns zu helfen, als Gott dem Allmächtigen. Alle Matrosen riefen Gott an und hatten auch alle Ursache dazu.
Nun geht aber die Rede, daß der Leutnant nicht wie ein Christ und Mensch nach dem gerufen habe, der ihn und die bedrohlichen Wasser schuf, obgleich der Tod damals in seiner ganzen Herrlichkeit prangte und die schäumenden Wogenkämme wie Federn über einem Leichenwagen aussahen. Dagegen weinte er wie ein Kind und fluchte dazu fürchterlich, ohne Unterlaß von seinem Gelde, von seinem lieben Gelde sprechend und sich keinen Strohhalm um seine noch kostbarere Seele kümmernd.
Und der Kutter wurde hinuntergetragen, jede Welle riß ihn mit furchtbarer Gewalt näher und näher dem Untergang„ als der Mann am Lot ausrief: Mark Drei, der Herr sei unsern Seelen gnädig! Die Mannschaft hörte dies und rief: Herr, rette uns, oder wir gehen zu Grunde. Aber dennoch dachten sie, daß ihr Stündlein gekommen sei. Einige weinten oder beteten, während sie sich an die Bollwerke des keiner Leitung gehorchenden Schiffes anklammerten, indes andere stumm dem Tode entgegensahen. Aber der Leutnant — er tat alles, er weinte und betete, fluchte und war stumm, wurde aber zuletzt ganz wütend, und als die Matrosen wieder riefen: Herr, hilf uns, Herr, rette uns! brüllte er hinaus: Will denn kein Teufel uns helfen, denn — —. Kaum waren diese Worte aus seinem Munde, als ein Blitzstrahl niederfuhr, der augenscheinlich das Schiff traf, aber ihm ebensowenig, als der darauf folgende Donnerschlag, Schaden tat. Eine blaue Flammenkugel setzte sich auf die Ritterköpfe und kam dann hüpfend und tanzend nach dem Hackebord, wo er allein stand, denn die Matrosen hatten ihn wegen seiner Gotteslästerungen verlassen. Einige sagen, man habe ihn wie in einer Unterhaltung sprechen hören, aber niemand weiß, was vorging. Wie dem sein mag, er kam plötzlich so mannhaft als nur möglich nach dem Vorderschiffe, und die Kreatur folgte ihm, den Kopf und den Schwanz ebenso gesenkt tragend, wie sie’s jetzt tut.
Und der Hund guckte auf, bellte tief, und sobald er gebellt hatte, schien der Wind einzuschlafen. Er bellte wieder, worauf Windstille eintrat. Bei seinem dritten Bellen legten sich die Wogen — er tätschelte den Hund auf den Kopf, und das Tier bellte dann ein paar Minuten ganz laut. Aber man denke sich nun unser Erstaunen und Entsetzen, denn statt in einer schweren Bö ohne Hoffnung auf Kabelslänge von den Texelsandbänken zu sein, sahen wir jetzt, mit klarem Himmel und glattem Wasser, die Forelandlichter nur zwei Meilen von unserem Kiele.“
Der Matrose endigte seine Legende — es trat nun für eine Weile Schweigen ein, welches zuerst durch Jansen mit den gedämpften Worten unterbrochen wurde: „Dann ist der Hund kein Hund.“
„Nein“, versetzte Coble, „er ist ein böser Geist, den der Teufel seinem in der Not befindlichen Jünger heraufgeschickt hat.“
„Ja“, sagte Kurz.
„Gut“, entgegnete Jemmy Entenbein, der für eine Weile aufgehört hatte, die Saiten seiner Fidel zu berühren, „aber ist es dann nicht die Aufgabe eines jeden guten Christen, das Vieh umzubringen?“
„Es ist kein sterbliches Tier, Jemmy.“
„Richtig. Das habe ich vergessen.“
„Der Hund ist ein Kind des Teufels“, bemerkte Jansen.
„Ja, und auch nach ihm getauft“, fuhr Coble fort. „Wer hat je gehört, daß irgend ein Christenvieh einen solchen höllischen Namen gehabt hätte?“
„Aber, was ist da anzufangen?“
„Je nun“, entgegnete Jemmy Entenbein, „mag’s nun ein Satanskobold sein oder nicht, jedenfalls hat ihn Smallbones heute mit seinen eigenen Waffen bekämpft.“
„Und ihn noch obendrein überwunden“, sagte Coble.
„Ja“, erklärte Kurz.
„Nun ist meine Meinung, daß sich Smallbones nicht vor ihm fürchtet“, fuhr Jemmy Entenbein fort, „mag er jetzt ein Teufel sein oder nicht, er wird ihn töten, wenn er kann.“
Читать дальше