Olympische Geschichten
F.A.Z.-eBook 60
Frankfurter Allgemeine Archiv
Herausgeber: Frankfurter Allgemeine Archiv / Evi Simeoni
Redaktion und Gestaltung: Birgitta Fella, Hans Peter Trötscher
Projektleitung: Olivera Kipcic
eBook-Produktion: rombach digitale manufaktur, Freiburg
Alle Rechte vorbehalten.
Rechteerwerb und Vermarktung: Content@faz.de© 2020 Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main
Titelbild: vat252/stock.adobe.com
ISBN: 978-3-89843-594-9
Zur Eröffnung: Das Vorwort Zur Eröffnung: Das Vorwort
Von Tokio bis Tokio Von Tokio bis Tokio Von Evi Simeoni Was wäre eine Sportredaktion ohne Olympische Spiele? Das war sehr lange Zeit nur eine rhetorische Frage. Bis der 24. März 2020 kam, an dem bekannt wurde, dass die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben sind. Plötzlich musste auch die Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung innehalten und sich selbst diese Frage ganz ernsthaft beantworten. Ja, was wäre sie dann? Ohne Olympische Spiele ist sie nur schwer vorstellbar. Vielen Leistungssportlern ginge damit ihr wichtigster Traum verloren, vielen Sportreportern trotz aller Kritik an Funktionären und Fehlentwicklungen ihre wichtigste Inspirationsquelle. Also beschlossen die erfahrenen Olympia-Reporter der Zeitung, zum ursprünglichen Termin ihre eigenen Spiele abzuhalten. Sie gingen in sich und holten Erfahrungen hervor, die teilweise jahrzehntelang in ihrem Gedächtnis geschlummert hatten. Und siehe da: Ein Highlight nach dem anderen erwachte zu neuem Leben, von Tokio 1964 bis zum verschobenen Tokio 2020. Die gröbsten Entzugserscheinungen wurden so gelindert, und, wie sich an der Resonanz zeigte, nicht nur bei den Reportern, sondern auch bei vielen Lesern. Denn das Feuer brennt. Und zwar immer. Im neuen Nationalstadion in Tokio hätten am 24. Juli 2020 rund 60000 Zuschauer die Eröffnungszeremonie der Sommerspiele der XXXII. Olympiade erleben können. Foto: picture alliance/AP Images
Dabei sein ist alles – Die Reporter Dabei sein ist alles – Die Reporter
Wo ist meine Story?
Tokio 1964
„Ich muss, muss, muss!“
Mexiko-City 1968
Der schwarze Anti-Rebell
München 1972
Leuchten und Dunkelheit
Montreal 1976
Unter Blitz und Donnergrollen
Moskau 1980
Im harten Griff der Politik
Los Angeles 1984
Im Fegefeuer der Besessenheit
Seoul 1988
Das gestohlene Gold
Barcelona 1992
Gesprungen, gerettet, gefeiert
Atlanta 1996
Die Würde des Verfalls
Sydney 2000
Für immer ein Rätsel
Athen 2004
Ein Bund für immer
Peking 2008
Blitz und Schatten
Am Anschlag
461 Kilo Kummer
London 2012
Die traurige Wahrheit
Eruption der Qual
Rio 2016
Die singenden Männer
Krieg im Pool
Dabei sein ist alles – Die Sportler
Dabei sein ist alles
Die Abschlussfeier: Ein Ausblick
Wir brauchen Olympia
Zur Eröffnung: Das Vorwort
Von Evi Simeoni
Was wäre eine Sportredaktion ohne Olympische Spiele? Das war sehr lange Zeit nur eine rhetorische Frage. Bis der 24. März 2020 kam, an dem bekannt wurde, dass die Olympischen Spiele in Tokio wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben sind. Plötzlich musste auch die Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung innehalten und sich selbst diese Frage ganz ernsthaft beantworten. Ja, was wäre sie dann? Ohne Olympische Spiele ist sie nur schwer vorstellbar. Vielen Leistungssportlern ginge damit ihr wichtigster Traum verloren, vielen Sportreportern trotz aller Kritik an Funktionären und Fehlentwicklungen ihre wichtigste Inspirationsquelle. Also beschlossen die erfahrenen Olympia-Reporter der Zeitung, zum ursprünglichen Termin ihre eigenen Spiele abzuhalten. Sie gingen in sich und holten Erfahrungen hervor, die teilweise jahrzehntelang in ihrem Gedächtnis geschlummert hatten. Und siehe da: Ein Highlight nach dem anderen erwachte zu neuem Leben, von Tokio 1964 bis zum verschobenen Tokio 2020. Die gröbsten Entzugserscheinungen wurden so gelindert, und, wie sich an der Resonanz zeigte, nicht nur bei den Reportern, sondern auch bei vielen Lesern. Denn das Feuer brennt. Und zwar immer.
Im neuen Nationalstadion in Tokio hätten am 24. Juli 2020 rund 60000 Zuschauer die Eröffnungszeremonie der Sommerspiele der XXXII. Olympiade erleben können. Foto: picture alliance/AP Images
Dabei sein ist alles – Die Reporter
Wo ist meine Story?
Dabei sein ist alles. Improvisieren aber auch. Der klassische Olympia-Reporter ist ein Flaneur, der unermüdlich dazulernt und ständig auf der Suche nach Orientierung ist.
Von Roland Zorn
Die Versatzstücke des großen Sportkinos Olympia sind an jedem Wettkampftag dieselben: Es geht um Siege, Ehre, Medaillenglanz in einer Arena, die aufgeladen ist mit Gefühlen, Pathos, persönlichem plus nationalem Ehrgeiz. Übrig bleiben am Ende der möglichst dramatischen Konkurrenz aber auch die heldenhaften Verlierer, an die sich das Publikum noch Jahre später erinnert. Und natürlich Tausende Athleten, die ihren persönlichen olympischen Moment hatten, der die öffentliche Aufmerksamkeit nicht einmal streifte.
Mittendrin in dem Tag für Tag ähnlichen Unterhaltungsprogramm zwischen den Stars, die ihre goldenen Momente bis zur Neige auskosten, und den Komparsen, die zur Gesamtkomposition Olympischer Spiele als Farbtupfer des großen Ganzen gehören, suchen schreibende Reporter nach ihrer Geschichte zwischen der Unmittelbarkeit des Erlebten und dem Stoff, der jenseits der global transportierten Fernsehbilderflut zur individuellen Nachverwertung taugt. Für sie geht es darum, aus evidenten Dramen Geschichten zu machen, welche günstigenfalls den Tag überdauern, und aus peripheren Begegnungen Skizzen, die den Geist dieser ganz besonderen Sommer- und Winterfeste spiegeln.
Sie sind, mal beschreibend, mal erklärend, mal einordnend, mal kommentierend, Mittler zwischen den Schauplätzen, an denen sich das Spektakel unmittelbar, mal laut, mal leise, programmatisch verdichtet, und den weit entfernten Orten, an denen Leser die olympischen Showacts nacherleben wollen. Für manchen olympischen Begleiter aber, für den das Dabeisein bei den Spielen alles ist, empfiehlt es sich trotzdem, möglichst behutsam und nicht über die Maßen kennerhaft mit den Erlebnissen umzugehen, die jeder der fünfzehn Wettkampftage in Hülle und Fülle bietet. Das Gros der für eine solche panathletische Show akkreditierten Autoren ist mit der Fülle der olympischen Sportarten nicht allzu vertraut. Das kann auch Momente hervorrufen, die einem zunächst peinlich sind, wenig später aber ziemlich komisch vorkommen.
So erging es mir bei den Olympischen Winterspielen 1992 in Albertville. Da gewann zu seiner eigenen Überraschung der Berliner Eisschnellläufer Olaf Zinke die Goldmedaille im 1000-Meter-Rennen. Pech und Glück zugleich für mich, dass ich an jenem 18. Februar als einziger F.A.Z.-Reporter im nahen Pressezentrum war und, perplex wie Zinke selbst, dessen Sieg am Bildschirm erlebte. Olaf Zinke? Wie sieht der bloß aus, dachte ich auf dem Weg zur Eisschnelllauf-Arena über einen Olympiasieger nach, den ich nicht auf dem Schirm hatte. Auf den Sprinter Uwe-Jens Mey, der drei Tage vorher den 500-Meter-Lauf erwartungsgemäß gewonnen hatte, war ich vorbereitet. Er war schon zu DDR-Zeiten ein Star seiner Szene wie auch die über 3000 und 5000 Meter fast unschlagbare Erfurterin Gunda Niemann, die sich in Albertville ihren Weg zum Doppelgold bahnte. Seit Jahren vertraut mit der internationalen Eiskunstlauf-Elite, hatte ich mich vor der Reise in die Savoyer Alpen mit der Vita dieser nun für ganz Deutschland startenden Koryphäen ihres Sports beschäftigt. Über das Leben und die Laufbahn des Olaf Zinke aber wusste ich nichts.
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