Trotz aller Bemühungen, es zu verhindern, verbreitete sich der Fäulnisgeruch aber immer schneller und trug dazu bei, die allgemeine Unzufriedenheit bei den Passagieren und der Mannschaft noch zu steigern. Dann gab es neue Komplikationen, als der Kapitän sich weigerte, den Raubtieren genügend Trinkwasser zukommen zu lassen. Er behauptete, der Vorrat für die Passagiere würde nicht ausreichen, falls sie noch länger auf der Untiefe festsitzen würden. Ob diese Behauptung gerechtfertigt war, konnte nicht festgestellt werden; man nahm jedoch allgemein an, dass er einfach ein Ventil für die Feindschaft gegen Peabody gesucht hatte. Zwischen Dondy und dem Besitzer der Tiere gab es wegen des Wassers hitzige Auseinandersetzungen. Sie wurden wenigstens teilweise eingeschränkt, als Mr. Bartow Peabodys Ansicht unterstützte. Da der Kapitän wusste, dass Mr. Bartow als Maler und Künstler ein einflussreicher, wohlhabender Mann war, dessen Wort gerade in wichtigen Kreisen sehr viel galt, gab er so weit nach, dass er die Wasserausgabe für die Tiere etwas vergrößerte. Trotzdem reichte auch das noch nicht aus, und die Reibungen dauerten an. Endlich wurden die verzweifelten Anstrengungen der Schiffsoffiziere und der Mannschaft, den Dampfer freizumachen, von Erfolg gekrönt. Zoll um Zoll und Fuß um Fuß wurde die ‚Pamela’ weiter zurückgezogen und glitt schließlich wieder in klares Wasser. Aber selbst jetzt konnte die Fahrt nicht sofort wieder aufgenommen werden, denn eine sorgfältige Untersuchung zeigte, dass die ‚Pamela‘ doch mehr gelitten hatte, als man glaubte; besonders der Bug war beschädigt worden, ein Teil der Metallverkleidung war weggerissen. Ausgedehnte Reparaturarbeiten erwiesen sich als nötig — und ein Teil davon sogar unter Wasser — ehe das Schiff seine Reise wieder fortsetzen konnte. Mehrere Passagiere bestürmten den Kapitän, er solle zur Reparatur die nächste Insel anlaufen, aber Kapitän Dondy weigerte sich hartnäckig.
„Wer befehligt das Schiff?“, fragte er die Abordnung der Passagiere, die auf ihn wartete. „Ich kenne die Anzeichen des Wetters und möchte Ihnen nur sagen, dass sich ein schwerer Sturm zusammenbraut. Ich muss jetzt weiter. Wenn ich einmal den Rat der Gentlemen brauche, werde ich darum bitten.“
Die Proteste blieben also ergebnislos. Der vielleicht heiterste unter den Passagieren war ein Mann namens Brasser, wahrscheinlich war er aber auch der verächtlichste. Obwohl er behauptete, ein Geschäftsmann zu sein, der sich von seinen Geschäften zurückgezogen hatte und jetzt von seinen Erträgnissen lebte, war er in Wirklichkeit ein Spieler, der sich vor allem auf seine Fingerfertigkeit verließ. Er war etwa vierzig Jahre alt und auf eine etwas derbe Art hübsch; immer zeigte er eine heitere Laune, die ihn ‚schnell zum Zentrum jeder Party’ machte. Seine herzhafte Art hatte ihn bei vielen Passagieren beliebt gemacht, die in seiner Gesellschaft eine Entspannung von der Eintönigkeit der Reise sahen. Anderen freilich, die schärfer beobachteten und beurteilten, lag nicht so viel an seiner Nähe. An Land wären sie ihm völlig ausgewichen. Auf einer Seereise war das aber schwierig; hier waren alle Reisenden eng zusammengedrängt, außerdem herrschte eine gewisse Kameradschaft, die den einzelnen daran hinderte, allzu kritisch zu werden.
An den Abenden wurde natürlich vor allem Karten gespielt. Da keine Frauen an Bord waren, auf die sich die Aufmerksamkeit der Männer lenken konnte, sammelte sich der größte Teil der Passagiere am Abend im Salon, um entweder selbst zu spielen oder dem Spiel zuzusehen. Zuerst war Brasser sehr vorsichtig; er verlor genauso häufig, wie er gewann. Allmählich fiel es doch auf, dass er weit mehr gewann, als er verloren hatte, und dass seine Karten besonders dann gut waren, wenn hohe Einsätze auf dem Tisch lagen. Man schrieb diesen Umstand zuerst der Laune des Glückes zu und hegte auch keinen Verdacht, bis Brasser eines Abends in einer ungewöhnlich langen Sitzung Lester Groop fast das ganze Geld abnahm. Andrew Bartow hatte an diesem Abend scharf beobachtet. Er war selbst ein geschickter Spieler, hatte aber nicht am Spiel teilgenommen. Eben war Brasser an der Reihe; er sollte geben. Als er es tat, schnellte Mr. Bartows Hand vor und packte ihn am Handgelenk.
„Geht nicht“, sagte er ruhig, „die Karten haben Sie unten vom Päckchen weggenommen.“
Blitzschnell sprang Brasser auf.
„Was?“, schrie er. „Wollen Sie mich einen Betrüger nennen?“ Er ballte die Faust und beugte sich drohend vor.
Im nächsten Augenblick aber wurde er schon beim Kragen gepackt, hochgerissen und heftig durchgeschüttelt.
Keuchend versuchte Brasser sich frei zu machen, aber der Griff, mit dem ihn Bomba hielt, war wie Stahl. Dann riss Bomba den Spieler herum, bis sie sich ins Auge sehen konnten. Bomba hob die Hand und ohrfeigte den Mann, ehe er ihn auf seinen Sitz zurückfallen ließ.
„Du — du —“ stotterte Brasser, dessen Gesicht sich vor Wut purpurn färbte.
„Sagen Sie es besser nicht“, warnte Mr. Bartow, „oder das, was Sie jetzt schon bekommen haben, ist nichts gegen das, was noch folgen würde.“
Ein Blick in Bombas funkelnde Augen überzeugte Brasser, dass es wohl besser war, sich bei dem Vorfall etwas zurückzuhalten. Er unterdrückte also die Flüche und Verwünschungen, die schon auf seinen Lippen zitterten.
„Es ist eine Schmach und eine Schande“, winselte er, wobei er sich an Mr. Bartow wandte, „mich des Betruges zu bezichtigen. Ich habe immer fair und offen gespielt."
„Sie haben eine Karte ins Spiel geschoben“, sagte Andrew Bartow, „das steht einwandfrei fest. Aber wir wollen jetzt nicht weiter darüber streiten. Nehmen Sie Ihren Anteil an dem Spielgeld zurück, und Mr. Groop tut das gleiche. Und dann mögen Sie den Sternen danken, dass Sie nicht an einem Ort sind, wo Männer ein sehr hartes Verfahren für Spieler haben, die Karten unten aus dem Päckchen ziehen.“
Brasser tat wie geheißen; dann schlich er sich weg. Er hatte die Karten zuerst sorgfältig eingesammelt. Sie waren sein persönliches Eigentum, und er ließ sie nie aus den Augen. Die Nacht war schon weit fortgeschritten; deshalb hatte es nur wenige Zuschauer des Vorfalls gegeben.
Lester Groop war in seinem Dank geradezu überschwänglich; er begleitete Mr. Bartow und Bomba in ihr Zimmer.
„Wie Sie mit dem Mann fertig geworden sind!“, sagte er und schaute Bomba ehrfurchtsvoll an. „Sie haben ihn ja herumgewirbelt, als ob er eine Feder sei. Und wenn er nun einen Revolver gezogen hätte?“
„Dann hätte ich ihn Brasser weggenommen“, antwortete der Junge schlicht.
„Aber eine Kugel kann sehr schnell sein.“
„Er hätte nie die Chance zum Ziehen gehabt“, sagte Bombas Vater. „Bomba wäre wie ein Falke über ihn hergefallen. Sehen Sie“, fuhr er fort, „wir beide hatten diesen Mann schon eine ganze Weile im Verdacht. Ich war der Meinung, es wäre gut, ihm die Betrügereien um der anderen Passagiere willen nachzuweisen. Das ist der Grund, warum ich eingegriffen habe.“
„Ich wollte, Sie hätten es schon früher getan“, antwortete Lester mit einem melancholischen Lächeln, „dann hätte ich nämlich eine Menge Geld gespart.“
„Sie haben viel an ihn verloren, nicht wahr?“
„Das kann man wohl sagen“, klagte Lester; „er hat mich praktisch ausgeraubt.“
„Er ist ein Schurke vom Scheitel bis zur Sohle; aber es ist nun einmal geschehen. Wenn ich Ihnen finanziell zeitweilig aushelfen kann, dann zögern Sie bitte nicht, sich an mich zu wenden.“
„Das ist wirklich gut von Ihnen“, erwiderte Lester dankbar, „aber da ja meine Passage bezahlt ist, komme ich schon irgendwie aus, und in London ist alles wieder in Ordnung. Ich habe einen Kreditbrief auf eine dortige Bank.“
Man hätte eigentlich annehmen können, dass Brasser sich nach seiner Bloßstellung so weit wie möglich von seinen Mitpassagieren zurückgezogen hätte, aber die Keckheit des Mannes war fast unglaublich. Nach ein oder zwei Tagen wanderte er schon wieder auf dem Schiff herum und nahm so munter wie immer am Leben der Passagiere teil. Viele Reisende ignorierten ihn freilich völlig, andere wieder duldeten ihn nur. Es gab aber immer noch einige, die seine moralischen Schwächen gern übersahen, weil seine leichte, unterhaltende Art und seine Munterkeit die Eintönigkeit der Reise etwas auflockerten.
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