In diesem Augenblick kam auf einer Treppe ein Mann mit besorgter Miene aus dem Schiffsinneren heraus und wandte sich an Bomba, der immer noch bei seinem Vater an der Reling stand.
„Gerade der, nach dem ich suche!“ rief er.
Bomba erkannte in ihm Peabody, den Besitzer der Raubtiere, die nach London befördert werden sollten.
„Ja?“, sagte Bomba freundlich und wartete.
„Weißt du, es handelt sich um den Elefanten“, fuhr der Mann fort; „hast du ihn gehört?“
Bombas Vater musste lachen.
„Man könnte ihn meilenweit hören", sagte er. „Was ist denn mit ihm los?“
„Er hat Zahnschmerzen“, antwortete Peabody.
„Dann kann man ihm auch das Gebrüll nicht übelnehmen“, sagte Mr. Bartow. „Können Sie denn für den armen Kerl gar nichts tun?“
„Das ist ja gerade der Kummer“, klagte Peabody. „Wenn ich in seine Nähe könnte, würde ich ihm vielleicht den Zahn ziehen können. Ich weiß genau, welcher es ist; ich habe schon einige Tage, ehe die Schmerzen einsetzten, bemerkt, dass er ziemlich schadhaft war. Ich habe auch die Zangen, um den Zahn zu ziehen“, fuhr er fort und zeigte ein gewaltiges Instrument, das er mit sich führte, „aber er ist vor Schmerzen so gereizt, dass ich es einfach nicht wage, in seine Nähe zu kommen.“
„Das ist aber sehr schlimm“, murmelte Mr. Bartow teilnehmend.
„Und deshalb habe ich gedacht“, fuhr Peabody etwas verlegen fort und wandte sich an Bomba, „dass du vielleicht die Güte hast, hier einen Versuch zu machen.“
„Dem tollen Elefanten den Zahn zu ziehen?“, warf Bombas Vater erstaunt ein. „Aber Mann, das ist doch lächerlich, ja das ist ungeheuerlich! Es könnte Bomba das Leben kosten.“
Bomba hatte im Augenblick noch nicht geantwortet.
„Das weiß ich ja“, fuhr Peabody etwas verwirrt fort, „es ist auch außerordentlich dreist von mir, überhaupt den Vorschlag zu machen, aber Bomba versteht es wundervoll, mit Tieren umzugehen. Ich habe es bemerkt —“ jetzt wandte er sich direkt an den Jungen, „als du die Tiere ansahst. Soll man es Hypnose nennen oder Magnetismus, jedenfalls besitzt du es. Du hast den Tieren irgendwie gefallen, denn du kannst bei ihnen Dinge tun, die einem anderen unmöglich wären. Ich dachte daher, deine Gabe könnte auch bei dem Elefanten helfen.“
„Ich will es versuchen“, erklärte Bomba. Er nahm dem Tierhändler die Zange ab und schickte sich an, ihm zu folgen.
„Aber Bomba —“ sagte Mr. Bartow, der sichtlich verwirrt war.
„Nur keine Angst, Vater, mir wird nichts geschehen“, erwiderte Bomba.
Dann winkte er Peabody, der begonnen hatte, wortreich zu danken.
Bei jedem Schritt den sie zurücklegten, wurde der Lärm lauter. In das Brüllen des Löwen und das Trompeten des Elefanten mischte sich das Fauchen von Leoparden, das Kreischen von Hyänen, das Zischen von Schlangen und das Schnattern der Affen; diese Laute verschmolzen zu einem großen Lärm.
Andrew Bartow war kurz entschlossen seinem Sohn gefolgt. Gleich darauf tauchten auch die drei getreuen dunkelhäutigen Freunde Bombas auf — Wafi, Tobo und Gibo. Sie hatten nahe genug gestanden, um das Gespräch zwischen den Bartows und Peabody mit anzuhören.
Das gequälte Geschöpf, ein riesiger Elefant mit gewaltigen Stoßzähnen, beobachtete mit einem bösartigen Glanz in den wilden Augen, wie sie herankamen. Dann schob er seinen Rüssel durch eine Öffnung zwischen den schweren Balken, die den Käfig bildeten, und schlug damit wütend nach Peabody, als dieser näher herantrat. Peabody wich erschrocken zurück. Bomba nahm sofort seinen Platz außerhalb der Reichweite des hin und her peitschenden Rüssel ein. Dann begann er leise und ruhig auf das vor Schmerz rasende Tier einzusprechen. Seine Worte wirkten wie ein Zauber; sofort, wenn auch ganz langsam, sank der Rüssel herab. Die wilden Augen verloren ihren Glanz. Immer noch sprach Bomba monoton und beruhigend, bis das Tier fast in einen hypnotischen Bann zu geraten schien. Der furchtlose Junge nutzte das sofort aus. Blitzschnell öffnete er die Tür des Elefantenkäfigs und trat ein. Er murmelte pausenlos weiter, ergriff den Rüssel und zog vorsichtig das gewaltige Maul auf. Peabody hatte ihm schon beschrieben, wo der schadhafte Zahn war. Jetzt sah er es selbst, setzte die Zange an und spannte seine Muskeln zu einem mächtigen Ruck.
Aber im gleichen Augenblick ertönte ein furchtbares Krachen, und das Schiff erbebte vom Bug bis zum Heck.
Der Stoß war so gewaltig, dass die meisten Zuschauer wie von einer Riesenfaust zu Boden geschleudert wurden. Anderen gelang es, ihr Gleichgewicht zu behaupten, indem sie sich verzweifelt an festen Stützen anhielten.
Niemand konnte genau sagen, was geschehen war. Die heiseren Schreie und die Rufe, die vom Deck her erklangen, ließen sie alle aber erkennen, dass es sich um eine Gefahr handelte — eine Gefahr, die sie alle bedrohte.
Während des Krachens spannte Bomba seine Muskeln an und zerrte den schmerzenden Zahn aus dem Maul des Elefanten. Bei seiner Anspannung hatte er so verkrümmt gestanden, dass der Stoß ihn einen vollkommenen Salto nach rückwärts schlagen ließ. Mit der Behendigkeit einer Katze landete er wieder auf seinen Füßen. Wenn er auf die Knie gestürzt wäre, wäre sein Schicksal besiegelt gewesen, denn der Schmerz beim Zahnziehen hatte den hypnotischen Bann gebrochen, der den Elefanten bisher ruhiggehalten hatte. Das toll gewordene Tier fuhr herum und suchte seinen ‚Feind’ zu finden und zu zerstampfen. Blitzschnell war Bomba aber schon durch die offene Tür gehuscht und hatte sie hinter sich zugeschlagen.
„Schnell!“ befahl er Tobo, als er weitereilte, um seinen Vater vom Boden aufzuheben. Andrew Bartow war durch den Stoß mit solcher Wucht zu Boden geschleudert worden, dass er kurze Zeit betäubt war.
„Schieb den Riegel vor und folge Bomba dann auf Deck.“
Der Schwarze sprang vor, um den Befehl auszuführen. Dann hob Bomba seinen Vater hoch und eilte, ihn auf seinen Armen tragend, den Laufgang hinauf.
Das Deck des Dampfers bot ein Bild wilder Verwirrung. Die Matrosen liefen auf die Befehle des Kapitäns hin und her. Einige Passagiere versuchten, den Matrosen auszuweichen, während andere in wilder Panik Zuflucht in ihren Kabinen gesucht hatten.
Im ersten Augenblick dachte Bomba an einen Zusammenstoß. Ein schneller Blick über die Meeresfläche zeigte ihm aber, dass kein anderes Schiff in Sichtweite war. Vorsichtig legte er seinen Vater auf einen Deckstuhl und massierte ihm Stirn und Handgelenke, bis Mr. Bartow die Augen aufschlug.
„Was ist geschehen?“, fragte Bartow, als er die Verwirrung ringsum bemerkte und aufstehen wollte.
„Du bist gefallen“, antwortete Bomba ruhig und schob seinen Vater sanft und vorsichtig wieder in den Liegestuhl zurück.
„O ja, ich erinnere mich, der Elefant“, sagte Andrew Bartow, „aber da war noch etwas anderes. Was sollen dieser Wirrwarr und die Aufregung bedeuten?“
„Das weiß ich noch nicht, aber ich werde es herausfinden“, antwortete Bomba. „Zuerst muss ich dich aber an einen sicheren Platz bringen.“
Behutsam geleitete er seinen Vater in ihre Kabine, gab Gibo, der besorgt herumstand, Weisungen, für den Kranken zu sorgen, und eilte dann hastig auf das Deck zurück.
Dort erfuhr er, dass das Schiff auf einer Untiefe festsaß, die in den Seekarten nicht eingezeichnet war. Die Mannschaft arbeitete verzweifelt, um das Schiff aus seiner gefährlichen Lage zu befreien. Bei dem Aufprall hatten sich einige Nieten gelockert. Mehrere Matrosen versuchten unter der Leitung des Schiffszimmermanns das Leck abzudichten, während andere die Pumpen besetzten, um das Wasser, das durch die Risse strömte, wieder aus dem Schiff zu entfernen. Andere Matrosen hatten Boote ins Wasser gelassen und Taue an dem Heck des Dampfers befestigt. Sie ruderten verzweifelt, um mit ihrer Muskelkraft die Arbeit der Maschinen zu unterstützen und das festsitzende Schiff flott zu bekommen.
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