Mit verkniffenem Gesicht kauerte Sentlinger eingeschüchtert und zusammengesunken in seinem Schreibtischsessel. Schwester Irmentrud setzte sich.
»Trude, so darfst du nicht über einen fremden Menschen reden«, stammelte er. »Er ist trotz allem ein Sohn der Kirche. Immerhin hat er ...«
»Ein Sohn der Kirche?«, schrie sie ihn an. »Ja Kruzifix nochmal! Bist du denn von allen Heiligen verlassen?« Sie spie ihre Worte aus und geißelte Sentlinger mit ihren Blicken. »Dieser Kerl ist ein Bastard des Teufels, er wurde mit einer thailändischen Hure gezeugt!« Sie war außer sich und schlug wieder und wieder so vehement mit dem Lineal auf den Schreibtisch, dass die Teetasse umfiel.
Sentlinger stand auf, seine Haltung aber blieb devot und gebückt. »Trude, was soll ich tun? Ich kann da gar nichts machen. Es ist sicherlich legal, dass dieser Mann die Häuser gekauft hat.«
»Ahh!«, schrie sie laut. »Hör auf, dich wie Nasenschleim zu benehmen. Du bist Staatssekretär! Du musst etwas gegen all das unternehmen können!« Sie schnaubte vor Wut.
»Es würde meine Karriere arg belasten, Trude!«, sagte er kleinlaut. »Ich … ich sitz momentan auf einem Schleudersitz.«
»Was ist los, Erwin?«, geiferte sie. »Hast du wieder Mist gebaut. Mit deinen … gottlosen finnischen Hurensöhnen?« Sie verzog verächtlich das Gesicht.
»Trude«, beschwor er sie. »Ich kann nicht.«
»Und sag nicht immer Trude zu mir!«, keifte sie. »Irmentrud, Irmentrud, Irmentrud! Wann kriegst du das endlich rein in deinen plumpen Schädel?«
»Ja, deinen richtigen Namen hast du ja noch nie leiden können«, keifte Sentlinger jetzt zurück, »aber Trude ist der Name deiner Kindheit, auf den du getauft wurdest. Vergiss das nicht, Schwester!«
Sie atmete schwer. Danach wurde sie schlagartig ruhig. Ihr verbissenes Gesicht wandelte sich in eine Miene der Verzweiflung. »Wie kann dieser bunte Vogel überhaupt wissen, dass sein Vater bei uns beerdigt ist?«, fragte sie niedergeschlagen.
Sentlinger genoss es jetzt, sie leiden zu sehen. »Vielleicht weiß er es gar nicht. Vielleicht hat Gottes Hand ihn zu euch geführt.«
Ihr Gesicht nahm wieder diese Strenge an, die jedoch nicht mehr diese Unbehaglichkeit in ihm auslöste. Sie stand auf und starrte ihn an. »Du bist unverbesserlich, Erwin. Eines Tages wird Gott dich für deine sündigen Gedanken bestrafen. So sicher, wie das Weihwasser heilig ist! Hüte deine Zunge und bade sie im Aspersorium.« Dabei machte sie ein Kreuzzeichen.
»Was weiß denn ich, das ist ein Zufall! Keine Ahnung!«, sagte er schroff.
Sie schritt zur Tür, drehte sich kurz um und sagte abschließend: »Erwin, du musst den katholischen Herrenorden einschalten!« Sie verschwand ohne ein weiteres Wort.
Nachdem Schwester Irmentrud sein Büro wieder verlassen hatte, atmete er erleichtert auf. Dann stützte er sein Kinn in die Hände und begann leise zu kichern. Sein Kichern steigerte sich in lautes Gackern. Wie unwissend war doch seine Schwester! Dieser Haufen von versteinerten Zicken in diesem Frauenkloster! Sie ahnte nicht im Geringsten, wer Nuh Poo Tubkim wirklich war! Und wie nahe Sentlinger ihm stand. Das durfte sie auf keinen Fall erfahren. Er lachte. Nuh Poo hatte es tatsächlich gewagt, nach Deutschland zu kommen, ohne ihn zu informieren. Sentlinger schüttelte grinsend den Kopf und amüsierte sich köstlich. Dieser Teufelsbraten!
Auf der anderen Seite beunruhigte ihn das alles sehr. Denn je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass er eventuelle Schwierigkeiten, die ihm dadurch erwachsen würden, kaum überschauen konnte. Seine Schwester hatte ihn klar zum Handeln aufgefordert. Und er wusste, das war so gut wie ein Befehl.
Nuh Poo Tubkim hatte in seiner Heimat eine Lücke geschlossen. Er hatte in Thailand eine Sekte gegründet, deren Jünger ausschließlich Katoeys waren. Und er war ihr Guru. Die Kombination aus seiner persönlichen Neigung, dem Geschäftssinn und seinem Charisma hatten ihn reich gemacht. Die Katoeys, wie man in Thailand Transsexuelle und Transvestiten nannte, lagen ihm zu Füßen. Seit jeher waren die Katoeys in Thailand zwar als dritte Geschlechtsform anerkannt, doch zunehmend waren sie wegen der westlich gesteuerten Sexindustrie in seinem Land in Bedrängnis geraten. Nuh Poo Tubkim aber hatte ihnen das gegeben, was die Weltreligionen ihnen beharrlich verweigerten, nämlich eine spirituelle Heimat.
Seine Sekte hatte Nuh Poo Tubkim aus Werten des Buddhismus einerseits und der Disziplin des Katholizismus andererseits erbaut. Die jeweilige Lehre über die Liebe hatte er zu seinen Gunsten umgedeutet. Das machte ihn so gut wie unangreifbar und äußerst erfolgreich. Jetzt saß Nuh Poo Tubkim in seinem neuen Haus auf der Fraueninsel und hielt Rat mit zehn seiner Katoeys, die um ihn herum auf dem Boden saßen.
»Wir brauchen also einen Ort in unserer Nähe, an dem wir das machen können«, sagte Guru Nuh Poo. »Ich plane eine große Bar mit Musik, schönen Getränken und außergewöhnlichen Speisen. Dort sollen sich alle wie zuhause fühlen. Es soll ein Ort sein, wohin unsere lieben deutschen und österreichischen Männer pilgern sollen. Sie können euch direkt hier in Deutschland verehren und sich von euch verwöhnen lassen. Wir holen noch mehr von uns hierher. Lauter liebe Katoeys.«
Ein Raunen ging durch den Raum, seine Jünger quiekten, freuten sich und klatschten in die Hände.
»Das wird wunderbar«, rief Nuh Poo und nickte begeistert mit dem Kopf. »Die Männer hier sind spendabel, fromm und lieben gern. Sie sind katholisch, so wie mein Vater es war. Und das heißt doch, dass sie das Lieben hier schon sehr früh lernen. Denn sie kommen zahlreich zu uns nach Thailand. Sie werden nun nicht mehr so weit zu reisen brauchen. Sie werden zu uns pilgern und teilhaben an unserem schönen Leben. Und Geld haben sie auch.« Nuh Poo sah jetzt zweien seiner Jünger besonders tief in die Augen. »Nun fehlt uns noch der richtige Ort«, sagte er zu den beiden.
Die zwei verneigten sich verschämt und geehrt zugleich. Alle wussten, dass sie in den Augen ihre Gurus etwas Besonderes waren. Thapakorn Kung und Boonipat Kosiyabong liebten sich ehrlich und innig. Seit sie sich über ihren Guru kennengelernt hatten, waren sie unzertrennlich. Sie stammten beide aus unterschiedlichen Provinzen. Thapakorn kam aus dem Osten an der Grenze zu Laos, Boonipat war im Norden in Lampang aufgewachsen. Als sie ihre Neigung entdeckten, wussten sie noch nichts voneinander. Schließlich kamen sie fast zur selben Zeit im Alter von etwa siebzehn Jahren nach Bangkok.
Sie gerieten schnell in die Prostitution und stürzten ab. Zwei sehr ähnliche Schicksale nahmen unabhängig voneinander ihren Lauf. Für wenig Geld sahen sich beide gezwungen, sich in einem billigen Bordell zahlungskräftigen Touristen hinzugeben. Italiener, Briten und Deutsche waren ihre Freier. Natürlich gab es auch Amerikaner, Franzosen und ein paar Österreicher.
Irgendwann hörten beide mit einem Abstand von einem halben Jahr von Guru Nuh Poo Tubkim, der sich um das Seelenheil der Katoeys kümmere. Sie gingen zu ihm, und Guru Nuh Poo schloss erst Thapakorn und später auch Boonipat in sein Herz.
Guru Nuh Poo hatte sie sogar auf eine Schule geschickt. Für sie war der Guru Retter, Vater und Gott zugleich. Und so ging es allen, die zu seinem engsten Kreis gehörten. Thapakorn war der Jüngste unter ihnen, weshalb er schnell von den anderen Jeab gerufen wurde, das Küken. Und Boonipat, der sich am liebsten frivol komisch ausdrückte und immer ein bisschen anzüglich wirkte, bekam den Rufnamen Muu, was so viel wie Schweinchen hieß.
Jetzt saßen Jeab und Muu mit verschränkten Beinen und in geblümten Sommerkleidchen vor ihrem Guru und hörten aufmerksam zu, was er ihnen zu sagen hatte.
Nuh Poo lächelte in die Runde. Direkt an Jeab und Muu gerichtet, sagte er: »Sucht nach einem richtigen Ort für unser Vorhaben. Es soll zwischen München und unserem Zuhause hier sein. Denn in München wohnen viele Männer, die uns besuchen möchten.« Nuh Poo sagte das sehr bedächtig. »Der Ort soll unserer würdig sein. Ich weiß, es muss diesen heiligen Ort geben. Er wartet auf uns und ist für uns vorbestimmt. Wir müssen ihn nur entdecken!«
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