Auch bei der Weltmeisterschaft 1966 in England lief es nicht besonders: Pelé wurde praktisch aus dem Turnier getreten, und Brasilien schied nach einem Sieg gegen Bulgarien (2:0) und Niederlagen gegen Ungarn (1:3) und Portugal (1:3) bereits in der Vorrunde aus.
1970 konnte Pelé diese Scharte auswetzen, denn in Mexiko zelebrierte nicht nur er, sondern die gesamte brasilianische Nationalmannschaft Fußball in einer Art und Weise, die zu einem seitdem nicht mehr erreichten Ideal wurde.
Der von der Seleção bei der WM 1970 gezeigte Stil gilt in Brasilien als Aushängeschild des „Futebol Arte“, der artistischen Fußballkunst und des schönen Spiels, für das man berühmt ist. Spieler wie Tostão, Rivelino, Jairzinho oder Paulo Cézar Caju stehen für die brasilianische Überlegenheit. Die Seleção gewann sämtliche sechs Turnierspiele und erkämpfte sich dabei ein Torverhältnis von 19:7. Unvergessen eine Szene aus dem Halbfinale, als Pelé den uruguayischen Torwart Mazurkiewicz austrickste. Beide stürmten auf einen langgeschlagenen Ball zu, als Pelé antäuschte, den Ball mitzunehmen, ihn tatsächlich aber ohne Berührung vorbeilaufen ließ. Mazurkiewicz rutschte ins Leere, und Pelé konnte das Leder freistehend vor dem leeren Tor annehmen. Der Winkel war allerdings zu spitz, um ein Tor zu erzielen. In Brasilien nennt man diesen Trick „das Kuhdribbling“.
Beim 4:1-Finalsieg gegen Italien erklommen die Spieler in Gelb und Grün den Olymp des Fußballs. Die heutigen Erzählungen suggerieren, dass sich einige Fußballgenies trafen, die leichtfüßig, instinktiv und ohne große Vorbereitung ihre Kreativität ausleben konnten. Der brasilianische Hüftschwung, den man im Blut haben muss und den man nicht trainieren kann, hatte sich gegen europäische Kraft und Wissenschaft durchgesetzt.
Betrachtet man diesen Diskurs, so überrascht es, dass der brasilianische Fußballverband wie schon bei den vorangegangenen Turnieren einen kompletten Trainerstab anheuerte, der einen detaillierten Vorbereitungsplan entwarf. Kernstück war eine langsame, etappenweise Gewöhnung der Spieler an die mexikanische Höhenluft. In dieser Planung war der Tag des Finales als Höhepunkt der Leistungsfähigkeit vorgesehen.
Nie spielten Brasilien und Pelé schöner als 1970.
Der Plan war 1969 von Professor Lamartine und Nationaltrainer Saldanha ausgearbeitet worden. Beide waren der Meinung, dass die Leistungsminderung in der Höhenluft größtenteils auf psychologische Faktoren zurückzuführen sei. Also ließ man die Spieler in Unkenntnis über die wahren Motive des Trainings. Gegen Ende des Jahres wurde Saldanha, der im Ruf stand, Kommunist zu sein, auf Geheiß der Militärregierung entlassen und Zagallo als neuer Trainer berufen. Laut Professor Lamartine wurde selbst Zagallo in Unkenntnis gelassen.
Interessanterweise veränderten sich die Berichte über die Ereignisse von 1970 im Laufe der Jahre. Dem Sportsoziologen Antonio Jorge Soares zufolge betonten brasilianische Tageszeitungen im Jahr 1970 den wissenschaftlichen Diskurs rund um die Nationalmannschaft. Nach seiner Analyse bezogen sich 1970 62 % der untersuchten Zeitungsartikel auf die wissenschaftliche Vorbereitung und nur 13 % auf die Fußballkunst. In rückblickenden Artikeln im Jahr 1998 hat sich dieses Verhältnis umgedreht: 79 % über Fußballkunst und 4 % über Wissenschaft. Im Jahr 2002 ist der Diskurs zum Thema Wissenschaft schließlich komplett verschwunden.
1974: Altherrenmannschaft mit lauem Auftritt
Pelé ist das bekannteste Gesicht dieser artistischen Mannschaft. 1970 hatte er mit seinem Verein Santos FC schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gab – selbst den Interkontinentalpokal (1962 gegen Benfica Lissabon und 1963 gegen den AC Mailand). 1971 verabschiedete sich Pelé aus der Nationalmannschaft und konnte seinen Kollegen bei der WM 1974 in Deutschland nicht mehr helfen. In der Zwischenrunde verlor man mit 0:2 gegen Holland und zog schließlich auch im Spiel um den dritten Platz gegen Polen mit 0:1 den Kürzeren. In Brasilien gilt diese Seleção als eine Altherrenmannschaft, die einen eher lauen Auftritt hatte.
Pelé hingegen ließ in den Jahren von 1975 bis 1977 seine aktive Laufbahn in den USA bei Cosmos New York ausklingen. Das mag, sportlich gesehen, nicht mehr die größte Herausforderung gewesen sein, aber es war der entscheidende Schritt zu seiner gesellschaftlichen Anerkennung. Der arme, dunkelhäutige Junge aus der Dritten Welt lernte Englisch und zog in die USA, also in die Erste Welt, wo er sich durchsetzte. Pelé erlebte sein persönliches Aschenputtelmärchen. Bis heute wohnt er in New York, wo er regelmäßig Schirmherrschaften für soziale Projekte und Kampagnen, zum Beispiel der UNESCO, übernimmt. Pelé wurde vielfach ausgezeichnet. So ist er „Lord des Britischen Empires“ und „König des Fußballs“. Von 1995 bis 1998 war er brasilianischer Sportminister. Er verkörpert die brasilianische Version des Traums „vom Tellerwäscher zum Millionär“.
1978: Vorzeitiges Aus unter dubiosen Umständen
Sowohl Garrincha als auch Pelé standen für den Gegensatz von brasilianischer Fußballkunst und europäischem Kraftfußball. Mit der WM 1978 in Argentinien kam zu dieser Kategorisierung noch eine innerlateinamerikanische Standortbestimmung. Der südliche Nachbar von Brasilien hatte bis dato keine nennenswerten Erfolge bei Weltmeisterschaften errungen. Als die Argentinier 1978 als Favorit ins Turnier gingen, wurden sie von den Brasilianern mit verabscheuungswürdigen Charakterisierungen bedacht. Demnach seien sie ungezogen, unfreundlich und gewalttätig.
Brasilien dominiert den südamerikanischen Kontinent schon durch seine Flächenausdehnung wirtschaftlich, politisch, kulturell und auch sportlich. Das einzige Land, das diesen Status gefährden könnte, ist Argentinien. So verwundert es kaum, dass der Nachbar zum wichtigsten Gegner auf dem Fußballplatz wurde. Das Derby der beiden Nationalmannschaften wird „Superclassico“ genannt und zieht die Massen in seinen Bann.
Argentinien litt 1978 bereits seit zwei Jahren unter einer ähnlichen Militärdiktatur wie Brasilien seit 1964. Die Regierungsjunta wollte das Weltturnier für ihre Zwecke nutzen und investierte deshalb nicht nur in die Stadien und die Infrastruktur, sondern auch in die Nationalmannschaft. Für Brasilianer stand schon vor dem Anpfiff fest, dass die WM „gekauft“ war. Was sollte man auch anderes von diesen in brasilianischen Augen häufig ungepflegten und langhaarigen Argentiniern erwarten? Die Debatte erhielt eine zusätzliche Dramatik, als beide Mannschaften in der Zwischenrunde aufeinandertrafen. Der Superclassico endete zwar torlos unentschieden, doch die Spannung erreichte ihren Höhepunkt, als Brasilien sein Abschlussspiel gegen Polen mit 3:1 gewann. Damit musste Gastgeber Argentinien in derselben Nacht gegen Peru mit mindestens vier Toren Unterschied gewinnen, um ins Finale einzuziehen.
Es wurde ein 6:0-Schützenfest zugunsten Argentiniens, das sämtliche brasilianischen Vorurteile erhärtete. Zum Hauptverdächtigen wurde der in Argentinien geborene Peruaner Quiroga. Er habe, so die Meinung in der brasilianischen Öffentlichkeit, die Schmiergeldverhandlungen mit der argentinischen Militärregierung organisiert. Brasilien schied unbesiegt, nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses aus. Im Spiel um den dritten Platz errang man noch den Trostpreis mit einem 2:1 über Italien. So konnte man erhobenen Hauptes aus Argentinien nach Hause fahren und sich als moralischer Sieger fühlen.
1982: Die größte Katastrophe seit 1950
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