Auf lokaler Ebene hatten wir an eine Solar-Warmluftheizung für die Gebirgsregionen gedacht, wo es sehr kalt werden kann und wo die Leute oft isoliert und abgeschnitten vom Stromnetz leben«, erinnert sich Mehdi. 2016 arbeitete er an einem zweiten Solardestillator: »Für dieses neue Modell habe ich schwarzen Ferrozement verwendet. Das ist klassischer Zement mit einem Kohlepigment. Auch hier ist die Idee, ein Material zu benutzen, das überall und ohne komplexe Formverfahren verfügbar ist, sodass die Gemeinschaften, die es benötigen, es auch selbst herstellen können.« »Der Mann, der nirgends ohne seinen Hund hingeht«, wie Corentin ihn nennt, ist leidenschaftlicher »Low-Techer«, aber ohne Sponsoren muss er sich auf einträgliche Arbeiten konzentrieren, um seine Forschung zu finanzieren. Seit 2017 ist Mehdi aus Frankreich zurück, um ein Verfahren zur Erzeugung von Solarwärme zu entwickeln und damit Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu erreichen – ein ehrgeiziges Projekt, aber er hofft, dass er sich auf diesem Weg langfristig wieder seinen Easy-Tech-Lösungen widmen kann, die allen zugänglich sind. 
BEGEGNUNG MIT KAOUTAR ABBAHADDOU
DER WASSERFILTER FÜR DIE BEDÜRFTIGSTEN
Kaoutar Abbahaddou, die 25-jährige Ingenieurin aus Rabat, hat vor fünf Jahren das Projekt Vernet Access Water ins Leben gerufen. Es sucht Lösungen, die den Zugang zu Trinkwasser für die Bedürftigsten in ländlichen Regionen sicherstellen sollen. »In Marokko definiert man seine Herkunft nach der des Vaters, und mein Vater stammt aus der Sahara. Ich selbst bin zwar in Rabat geboren, aber dennoch eine Nomadin. Von Rabat bin ich nach Casablanca gegangen und dann durch meine Arbeit noch weiter herumgekommen: Tanger, Abidjan … ich bin immer in Bewegung«, lächelt die Jungunternehmerin. Kaoutar erinnert sich an diesen Tag kurz nach Beginn ihres Studiums an der Mohammedia-Ingenieurschule in Rabat –, einer der renommiertesten des Landes, an dem sich alle Studenten im Hof einfanden – in Reih und Glied und in Uniform. »Wodurch unterscheide ich mich? Welchen Auftrag habe ich, Kaoutar, hier?« Das waren die Fragen, die sich ihr hier stellten.
Um diese existenziellen Fragen beantworten zu können und ihren Weg zu finden, engagierte sich Kaoutar in zahlreichen außerschulischen und wohltätigen Aktivitäten – vom Recyceln von Plastiktüten bis zur Entwicklung von Solarkochern. Was die junge Frau interessiert, ist herauszufinden, wie Feldforschung in eine tatsächliche Unternehmensgründung münden kann. Sie wendet sich also folgerichtig dem sozialen Unternehmertum zu, das sie selbst als ein Geschäft definiert, das »auf eine soziale und umweltbezogene Problematik eingeht«, während es eine gute Rentabilität sicherstellt. »Was für mich wichtig ist, ist die Nachhaltigkeit. Wir praktizieren weder den totalen Kapitalismus noch Wohltätigkeit. Die Menschen brauchen langfristig bessere Lebenschancen, keine kurzfristige Problembehebung. Und wenn die Rendite gut ist, lassen sich durch ein zukunftsfähiges Unternehmen die meisten Menschen erreichen.« Seit sie 21 Jahre alt ist, geht sie zusammen mit anderen Studierenden daher ein großes Problem an: den Zugang zu Trinkwasser für die Bedürftigsten. »Die Lösungen, die von großen Unternehmen angeboten werden, wie die Solarentsalzung, wenden sich an einen Markt, wo der Zugang zu Trinkwasser letztlich sichergestellt ist. Aber für die Menschen in den entlegensten Regionen hat niemand eine gangbare Alternative«, erklärt sie.
FEHLENDER ZUGANG ZU TRINKWASSER ist immer noch Realität für 667 Millionen Menschen. Alle 19 Sekunden stirbt ein Kind als Folge einer Erkrankung durch verunreinigtes Wasser. Mit ihrem Start-up AWIS (African Water Innovative Solutions) hat sich Kaoutar der Erforschung und Entwicklung von Lösungen zur Wasserreinigung verschrieben, die dann der größtmöglichen Zahl von Menschen zur Verfügung stehen sollen. Für den Filterverschluss, den sie hier erwähnt und der für 5 € verkauft wird, werden weder Chemikalien noch Energieressourcen benötigt. Er passt auf 5-Liter-Flaschen, die in den entlegenen Gebieten ohne direkten Zugang zu einer Wasserquelle leicht zu transportieren sind. Er kann bis zu 1.500 Liter filtern und liefert Trinkwasser ohne Risiko.
Kaoutar möchte diesen Gemeinschaften eine kostengünstige Lösung bieten, die zudem nicht in ihren Lebensstil eingreift. Ihr Unternehmen brachte also eines seiner ersten Produkte heraus: den Keramikfilter, dessen Ausgangsstoffe für die Fertigung vor Ort vorhanden sind. Das Unternehmen beschäftigt Frauen für die Gestaltung und den Verkauf des Filters bei Landbewohnern. Das Konzept bewährte sich und wurde bis nach Burkina Faso exportiert. Aber schließlich wurde es trotzdem zu schwierig, die Produktqualität zu garantieren: »Wir hatten schnell ein Problem mit der Einhaltung von Verfahren und daher der Hygieneanforderungen – und mit Produktbruch, denn Ton bricht leicht!« Die junge Ingenieurin beschloss, ein anderes Produkt einzuführen, das derzeit noch in der Entwicklung steckt: einen Filterstopfen, der in Verbindung mit Aktivkohle Wasser reinigen und trinkbar machen kann. »Das ist zwar eher kein lokales Produkt, denn die Bauteile kommen aus China, aber es berücksichtigt die Gewohnheiten der Menschen hier in Marokko. Wir verkaufen einen Stopfen, der auf 5-Liter-Flaschen aufgesetzt werden kann, denn mit solchen Behältern wird hier das Wasser vom Brunnen geholt«, so Kaoutar, die hofft, dass diese Technologie schließlich völlig an die Bedürfnisse der Zielgruppe angepasst sein wird und dass die Produktion groß genug sein wird, damit alle sich seinen Verkaufspreis leisten können. 
LOW-TECH-PROJEKT IN ARBEIT
»Dies ist das erste System, das ich auf der Fahrt mit der nomade des mers entdeckt habe. Ich sollte viele Prototypen testen, von denen der letzte schließlich die beste Lösung bot. Hier wird ein Stück Stoff in Meerwasser getränkt und zwischen zwei Rahmen geklemmt, die mit durchsichtigen Planen bespannt sind. Dank der Sonne und der beiden Reflektoren verdunstet das Wasser aus dem Stoff und schlägt sich an den Planen nieder, während das Salz im Tuch gefangen bleibt. Das entsalzte Wasser wird über einen Schlauch in einem Behälter aufgefangen.«
Corentin
Schwierigkeit:mittel
Zeitaufwand:5 Stunden
Für diese Low-Tech-Lösung mit einer Fläche von 1 m 2braucht man:
•insgesamt 20 m Holzlatten (44 x 22 mm)
•Holzschrauben
•3 m 2reißfeste, transparente Plastikplane
•2 m 2dunkler Baumwollstoff
•50 cm Kunststoffröhrchen für Wasserabfluss (Durchmesser 5–6 mm)
•1 Fahrradschlauch
•Neoprenkleber
•2 Flaschen zu je 5 oder 6 l
•2 Rettungsdecken oder anderes reflektierendes Material
•Scharniere
•Schnur
•4 m Schlauch für die Zufuhr von Meerwasser (Durchmesser 5–6 mm)
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