1 ...7 8 9 11 12 13 ...27 „Du, das wird schon noch, Übung macht die Meisterin. Aber ich hab da auch meine geheime Theorie. Na ja, so mittelgeheim. Schon die Urmenschen werden doch als Jäger und Sammler beschrieben, gell? Da geht man ganz automatisch davon aus, dass eben die Männer jagen und die Frauen sammeln. Im Grunde stimmt das ja auch. Aber meine Meinung dazu ist – und die gründet auf jahrzehntelangen Fallstudien – dass sich die Jobs mit der Zeit ändern. Bis sie dreißig, vierzig sind, machen alle Männer einen auf Jäger. Irgendwann ist ihnen das mit den Säbelzahntigern und den Faustkeilen zu anstrengend und sie bleiben zuhause, suchen noch ein paar Blaubeeren oder so was und kümmern sich um ihre Kinder. Oder die Bälger, die sie dafür halten.“
„Ja, und was ist jetzt das bahnbrechend Neue an deiner Theorie?“
Freddy lachte. „Die Rolle von uns Mädels! Frauen sind auch Jäger, und zwar die besseren. Weil wir uns nicht draußen die Köpfe vom Mammut einschlagen lassen, sondern uns zuhause am Lagerfeuer hübsch machen, bis die Männer zurückkommen. Dann schnappen wir uns die stärksten, lassen uns von denen ein paar Kinder machen und von den alten, ehemaligen Jägern versorgen. Genial, oder? Wir jagen keine Mammuts, wir jagen Jäger. Ich verrate dir jetzt einen Trick, meine liebe Icki: Wir sind zwar in Wirklichkeit die Jäger, aber das dürfen die Kerle nie erfahren. Die geschickte Frau legt kein Netz aus, sie legt sich ins Netz! Ins Internet, meine ich. Ich krieg’ meine Fickerles auch schon lange nicht mehr aus der echten Welt. Du solltest dir wirklich auch mal ein Profil anlegen, ist superpraktisch, ich hab dir da auch schon was installiert…“
Für eine Weile hörte ich ihr gar nicht mehr zu. Das hatte sie mir doch schon mal erzählt. Bei Technikkram schalte ich schnell ab. Nur Freddys Theorie hing mir nach. Bei jedem Mann, der ein- oder ausstieg, fragte ich mich, ob er wohl auch ein Jäger war, den man jagen sollte. Mit dem Smartphone. Und ob ich das wollte.
„Kennst du eigentlich die Silberbüchse?“, riss mich Freddy aus den Gedanken.
„Das ist das Gewehr vom Winnetou. Also vom echten Winnetou, dem von Karl May. Der haut immer, wenn er einen Schoschonen oder so was erlegt hat, einen Nagel in seine Knarre. Deshalb ist das die Silberbüchse. So was brauchst du unbedingt auch, aber in Bezug auf Männer. Damit du weißt, wo du stehst. Für jeden Fick einen Nagel!“
Ich nickte nur mit gesenktem Kopf und hoffte, Freddy würde endlich aufhören, die halbe Trambahn mit dem F-Wort zu unterhalten. Sämtliche Leute im Umkreis von zehn Metern drehten sich schon interessiert zu uns um.
Freddy kramte ihr Smartphone heraus und zog es aus der dunkelroten Lederhülle, in der es sonst immer verborgen war. Die Rückseite des Geräts funkelte vor klaren Glitzersteinchen im Diamantschliff. Es war eine ziemliche Menge Steinchen. Erinnerte etwas an die Milchstraße.
„Ich zum Beispiel hab da ein ganz lustiges Belohnungssystem mit Straßsteinchen und Sonnenbrillen entwickelt. Also ich meine, eigentlich ist ja das Ficken selbst schon eine Belohnung, sollte es zumindest sein, hehe. Aber mit meinem System behalte ich immer den groben Überblick. Über meine Erfolge sozusagen. Für einen mittelmäßigen Fick mit einem mittelmäßigen Typen kleb’ ich mir einen kleinen Swarowski-Kristall auf mein Telefon, für einen anständigen Fick mit einem anständigen Kerl kleb’ ich mir einen großen drauf, und für einen Spitzenfick mit einem Spitzentyp kauf’ ich mir eine neue Sonnenbrille!“
Mittlerweile hatten alle Leute im gesamten Waggon ihre Gespräche eingestellt, was Freddy nicht dazu veranlasste, ihre Lautstärke zu senken. Wer wie sie mit solchen Möpsen herumlief, war wohl schon optisch genug durchsexualisiert, um sich noch mit Schamgefühl herumzuschlagen. Ich wurde trotzdem immer noch röter.
Ungerührt fuhr sie fort. „Und du weißt ja, wie viele Sonnenbrillen ich habe. Mich motiviert so was halt. Damit ich noch lieber bei der Stange bleibe, höhöhö. Aber dir läuft schon auch noch was Passendes über den Weg. Ja ja, denn wer vögeln will, der muss säen!“, schloss Freddy ihren Vortrag und nickte freundlich in die Runde, bevor sie ausstieg und mich alleine ließ.
Freie Bahn also für mich und die schöne weite digitale Welt der Schwanzfotos. Nachdem ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen hatte, nahm ich erst einmal ein langes Bad mit so viel Schaum, dass er überschwappte. Max hätte das gehasst! Er war immer schon, das muss man einfach so sagen, ein Warmduscher gewesen. Und ich hatte mich des lieben Friedens wegen angepasst, obwohl ich in meinem vorherigen Leben eine Art Sumpfkröte gewesen sein muss. Die Badewanne ist doch die schönste Erfindung der Menschheit! Und zwischen Badern und Duschern – nein, da herrscht einfach keine Harmonie. Vielleicht war auch das einer der grundlegenden Fehler in unserem Beziehungssystem gewesen.
Nach dem Baden verzog ich mich mit einer großen Tasse Kakao ins Bett. Doch diesmal war ich nicht alleine. Meine neue Errungenschaft, das Smartphone, leistete mir Gesellschaft. Freddy und der nette Verkäufer hatten es mir dankenswerterweise schon ausgepackt, zusammengesetzt und eingerichtet. Bevor ich mich in die Badewanne gesetzt habe, hatte ich es sorgfältig in seine hübsche kleine Aufladestation gestellt, und jetzt wartete es mit grün leuchtender Akku-Anzeige auf mich und war bereit für all die Dating-Abenteuer, die wir hoffentlich zusammen erleben würden.
Seufzend starrte ich auf den großen, hoch auflösenden Bildschirm in meiner Hand. Noch im Laden hatte Freddy eine ganze Weile daran herumgewischt und getippt, um mir allerhand Apps zu installieren. Diese sagenhaften Apps, von denen ich ja schon viel gehört hatte, bräuchte ich angeblich ganz dringend. Ein zögerlicher Wisch, und da waren sie schon: Dutzende kleine Bildchen, gleichmäßig angeordnet. Das meiste war für mich völlig unerklärlich und sinnfrei, und mir sank das Herz ein wenig in die Schlafanzughose. Spontan erkannte ich nur das Telefon-Symbol und den Brief, der die SMS-Funktion symbolisierte. Der Rest sah aus wie ein merkwürdig formatiertes Kinderbuch. Wie sollte ich mich in diesem Wust aus bunten Blasen und winzigen Details jemals zurechtfinden? Freddy hatte mir zwar eine kurze Zusammenfassung über die Funktionsweise eines Smartphones gegeben, aber besonders viel gemerkt hatte ich mir nicht. Der Verkäufer hatte mir ungefähr fünf Mal erklärt, dass ich bestimmt keine Bedienungsanleitung bräuchte, weil so eine Dingsbums-Oberfläche mit Dingsbums-Betriebssystem sowieso selbsterklärend sei.
Wie ich von Freddy gelernt hatte, hießen die einzelnen kleinen Bildchen Icons . Eins dieser Icons immerhin fand ich besonders hübsch: Ein schlichter Stern, der in der Mitte eine schwarze Fläche in der Form eines Herzens freiließ. Mir gefiel, dass das Herz einfach nur schwarz und eigentlich gar nicht da war. Es ergab sich nur aus dem darum herum tanzenden Stern. Grafisch sehr reduziert, ziemlich unaufdringlich. Fast schon elegant. In Kleinbuchstaben stand darunter das Wort luvjah . Ah, das musste diese Datinghilfe sein, von der Freddy mir ständig vorgelabert hatte. Neugierig tippte ich mit der Fingerspitze darauf.
Ein Fenster öffnete sich, in dem ich zur Eingabe meiner Kreditkartenummer aufgefordert wurde. Erschrocken schloss ich das Menü wieder. Zu viele Geschichten aus meiner Schulzeit waren mir noch in Erinnerung, in denen sich Siebtklässler mit Klingelton-Abos in fünfstelliger Höhe verschuldet hatten. Wenn Freddy wirklich glaubte, dass mein nächster Traummann ausgerechnet in den endlosen Weiten des Internets auf mich wartete, dann sollte sie mir dabei helfen. Sie war schließlich die Expertin, die mich zu diesem Experiment überreden wollte.
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