„Aber ich hab’ keine Zeit! Ich muss fort!“
„Ja — da geh’n Sie halt schon!“
„Na — Gott sei Dank . . .“
„Und wenn Sie keinen Menschen hier kennen, dann schauen Sie, dass Ihre Freunde hier Sie nicht wieder ohne Ausweis auf den Bänken ’rumsitzen lassen!“
Der Hauptmann Kettrich stand draussen, auf der Strasse, im Freien. Selber frei. Das Nachtdunkel blendete ihn wie andere das Licht. Er fühlte sich schwindlig vor Erschöpfung. Ihm gegenüber drehte sich langsam vor dem Sternenhimmel die mächtige Gebäudemasse der Augustinerkirche. Die gedämpften Lichtkreise der Laternen auf dem Bürgersteig schaukelten leise. Der Boden schwankte wie von einem Erdbeben. Die Ermattung . . . Er zwang sie nieder. Befahl seinem Willen. Herrgott — wo befand er sich doch eigentlich? Richtig — in München! Die Freunde in München! . . . Die Freunde in Gefahr . . .
Jetzt war die Schwächeanwandlung überwunden. Er kannte sich in München aus. Er suchte rasch die Richtung: dort hinunter! Er eilte, zuweilen stolpernd, unsicher, wie ein Seefahrer, der eben Land betreten, nach der Nymphenburger Strasse.
„Wo ist der Hans?“ Im schwach erleuchteten Treppenhaus stand er dem Papa Mühlberger gegenüber, der eben mit seinem Dackl auf dem abendlichen Weg mach dem Löwenbräu-Keller war. Der alte Herr stand eine Stufe über ihm. Er holte mit Münchener Ruhe die Pfeife unter dem weissen Schnurrbart heraus.
„Der Hans? Ja mei’ . . . San’s leicht ein Freund von ihm?“
„Ja . . . ja . . .“
„Nachher kommen’s zu spät! Der Hans ist schon vor einer guten Weil’ auf den Bahnhof!“
„Er will weg . . .?“
„Pscht — ja! . . . Ich hab’ eben oben telephonieren müss’n! Ich soll ihn in sein’m Geschäft entschuldigen, er wär’ krank! Aber er macht a Reis’. . .“
„Wohin?“
„Er sagt: Nach Mannheim! Zu am Sportfest! Aber i glaub’, er geht weiter — ’nüber in die Pfalz! I gönn es ihm, dass er ’mal aussi kimmt! Wissen’s: Der Bub is gar so still und brav . . . Schneid hat er z’weni! . . . Dös muss er noch lernen!“
„Fährt er allein?“
„Ah na! . . . A halbes Dutzend Spezi san’s — wann net mehr . . . Sie . . . Wann’s a zu seinen Freunderln gehören, na springen’s! Am End’ erwischen’s den Zug noch!“
Der Hauptmann Kettrich stürmte durch die Strassen. Er war atemlos. Aber jede Müdigkeit war jetzt geschwunden. Dazu war jetzt keine Zeit. Es war wie beim Angriff draussen im Feld. Die Spannung des Augenblicks trug einen. Die Nervenkraft flackerte wie Strohfeuer noch einmal auf.
Er lief über den Platz vor dem Hauptbahnhof. Stand in der wimmelnden Vorhalle. Presste sich in die grosse Abfahrtshalle vor den Bahnsteigschranken. Eingekeilt im tausendköpfigen Menfchengewühl des Sonntagabends und des Oktoberfestes zugleich. Bunt aus der Menge leuchtend alle Volkstrachten Bayerns. Die grossen Hauben der Dachauerinnen — breite schwäbische Hüte —, goldgestickte flache Hüte mit langen, schwarzen Bändern aus dem Chiemgau, seltsame hohe Kegel aus weltfernen Tälern an der Salzburger Grenze, Adlerflaum und Gamsbart — Juhu — ein Gejodel — ein Gepfeife — ein Gejuchze — ein Gedränge um die Sperren. Fäuste unter die Nasen der atemlosen Beamten: „Sie! Mir woll’n a noch mit!“
Da drüben stand noch der Zug nach Augsburg und weiter nach dem Westen — nach Mannheim . . . an den Rhein . . . endlos lang . . . die Lokomotive nicht mehr sichtbar aussen in der Nacht — da stand er — Bündel braungebrannter, lachender, bierseliger Köpfe aus allen Fenstern — die Gänge vollgepfropft mit Oktoberfestgästen, Menschen auf den Trittbrettern, Menschen in Massen vor den Wagen — schreiende, fuchtelnde, schiebende Knäuel von Menschen an den Nadelöhren der Durchlässe.
Mit den Ellbogen in das Gewühl! Durch! Zur Sperre! Da fiel es dem Hauptmann Kettrich jählings ein: Ich hab’ ja keine Bahnsteigkarte! Sich rasch eine holen? Vielleicht war noch Zeit . . . Ein zweiter, erkältender Schrecken: Ich hab’ ja nicht den lumpigsten Geldschein bei mir . . .
Unter dem roten Farbenfleck der Mütze draussen auf dem Bahnsteig trillerte es durchdringend. Ein Arm hob sich. „Abfahren!“ Ein Wutgeschrei der Nachzügler draussen. „Halt! . . . Halt!“
„Ihr derft’s net ohne Karten eini!“
„. . . bald’s doch abfahren! I muss mit!“
Es tobte um die Holzwannen der Knipser. Draussen schrillte es aus der Nacht vor der Lokomotive zurück. „Abfahren!“ gellten die Rufe längs des Zuges. Die Wagentüren krachten. „Himmelherrgottsakra!“ brüllte ein Riesenkerl aus dem Gebirge und schwang sich mit einem Satz über die Brüstung. Es krabbelte und kletterte im Nu dutzendfach hinter ihm, neben ihm her und hob die kreischenden und strampelnden Frauenzimmer herüber. Det Hauptmann Kettrich machte es wie die anderen. Er stand schon innen auf dem Bahnsteig. Er kämpfte sich durch. Schaute der Reihe nach in die letzten Wagen. Vorwärts — nur vorwärts! Man kam kaum vorwärts. Die Mauern der Zurükbleibenden waren viele Mann tief. Die Wagen ruckten — bewegten sich — rollten. Juchhu! . . . Gejohle aus den Fenstern. Katzenmusik auf dem Bahnsteig. Der Zug glitt aus der Halle. Da vorn . . . da ganz in der Ferne . . . Walter Kettrich schrie auf: „Hans! . . . Hans!“ . . . Das war Hans Mühlbergers kühnes Gesicht mit dem blonden Schopf, das aus einem der ersten Wagen guckte — zurücklachte und nickte — nicht ihm, ihn konnte der Hans in dem kribbelnden Ameisenhaufen vor dem Zug nicht sehen — seine Stimme in dem Getöse unter der Glaswölbung nicht hören — nein: Es galt einem jungen Mädchen, das da, am äussersten Ende des Bahnsteigs stand und mit dem Taschentuch wehte.
Umher schimpfte und fluchte es. Rufe von Beamten gossen Öl auf die Wogen: „Seid’s stad! Es geht ein Nachzug!“ „Wie weit?“ — „Bis Neu-Ulm!“ Der Hauptmann Kettrich überlegte. Was half das? Die anderen — die vor ihm — die fuhren über Ulm hinaus weiter ins Verderben. Und woher Geld für eine Fahrkarte? . . . Und nun fühlte er — in dem Rückschlag der Enttäuschung — seine Knie wanken. Spürte ganz deutlich, in dem Geschiebe und Gestosse, der dicken Luft und dem Gezeter um ihn: Lange halte ich mich nicht mehr aufrecht . . . mit allem Willen nicht . . .
Das junge Mädchen, das dem Hans Mühlberger nachgewinkt hatte, kam zurück. Sie bahnte sich mühsam einen Weg nach dem Ausgang. Ein vierzehnjähriger Münchener Bub ging neben ihr. Sie trug das Taschentuch noch in der Hand. Inniges Abschiedsglück — eine wilde, leidenschaftliche Begeisterung — leuchteten auf ihrem blassen, runden Kindergesicht nach. Ihre dunklen Augen schauten betroffen auf den totenbleichen, bartlosen Unbekannten, der achtlos die Bauern, die ihm im Weg standen, beiseite schob, vor sie trat, kaum, in der Erregung, den Hut lüftete, — heiser frug:
„Wo fährt um Gottes willen der Mühlberger hin?“
Almuth Römer zauderte mit der Antwort. Statt ihrer erwiderte der Peperl keck:
„Mei’ Bruder? Dös werd’n wir Ihne gerad’ auf die Nas’ binden!“
Der Fremde beugte sich nieder und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Das pausbäckige Gesicht des Kleinen wurde, bei den Geheimworten, tief achtungsvoll. Er nahm sein Hütel vom Haupt.
„Nach Mannheim san’s, Herr!“ flüsterte er. „Alle z’samm . . . Aber da bleiben’s net . . . So viel weiss i scho’!“
„Wer hat das angeordnet?“
„Ja — mei’ Bruder — der Hans! Aber bei Leib net von sich aus. Den hat aner vom Sportplatz g’holt — so a Rechter mit G’nagelten und Lederbux — und nach einer guten Stund’ war der Hans wieder da und hat mich und noch a paar in der Stadt ’rumgeschickt — es möcht’ ganz heilig und gewiss a jeder zu dem Zug nach Mannheim am Bahnhof sein!“
„Dadurch hab’ ich es erfahren!“ sagte Almuth Römer. „Ich war auf dem Sportplatz!“
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