Jedenfalls fürs Erste.
Trotz allem, was sie angerichtet hatte, wurde Mack dennoch nicht fristlos gefeuert. Bis zu diesem Zeitpunkt war ihre Arbeit mehr als mustergültig gewesen – bis zu der Cabras-Story und dem Vorfall in Brasilien, der offiziell nie stattgefunden hatte. Jeder in der Geschichtsabteilung des Magazins kannte sie als fleißige Mitarbeiterin, als jemanden, zu dem die Neuangestellten aufschauten. Deshalb wurde Mack nicht entlassen, sondern für vier Wochen ohne Bezahlung suspendiert. Außerdem landete der Zwischenfall in ihrer Firmenpersonalakte.
Fortan würde sie für alle Zeiten auf dem Schleudersitz sitzen.
Noch ein einziger weiterer Patzer und ich bin raus.
Vor ihrem geistigen Auge ließ sie einen Teil der Videokonferenz Revue passieren.
»Tut mir leid«, sagte Mack. »Ich schätze, ich habe immer noch daran zu knabbern, was passiert ist. Gut möglich, dass ich zu vorschnell war und zu früh zurückgekommen bin. Ich bin einfach in Panik geraten und habe eine Dummheit gemacht.«
Die Frau, die auf der anderen Seite des Computermonitors saß, wusste von Macks herzzerreißendem Verlust. Julia Hodges hatte jahrelang mit Mack und auch mit ihrem unlängst verstorbenen Vater zusammengearbeitet, der ebenfalls lange als Autor für NatGeo tätig gewesen war.
Peter Moore hatte über dreißig Jahre lang für das Magazin geschrieben und wurde angeheuert, nur wenige Tage, nachdem Julia, die gegenwärtige Chefredakteurin, an Bord gekommen war. Die beiden dienstältesten Mitarbeiter des Unternehmens standen einander sehr nahe und arbeiteten auch einige Zeit draußen an der Front zusammen, bis Julia schließlich in die Redaktion versetzt wurde. Julia war der einzige Grund dafür, warum Mack trotz allem noch immer ihre Stelle hatte.
Vor fünf Jahren war bei Macks Vater eine frühe Form der Demenz diagnostiziert worden, und da er das Schlimmste fürchtete, war er unverzüglich mit ihr zusammengezogen. Sechs Monate später reckte das Schlimmste sein hässliches Haupt, als er ihre Adresse vergaß, die Adresse des Hauses, das sich seit Jahrzehnten im Familienbesitz befand. Dann, anderthalb Jahre darauf, konnte er sich schon nicht mehr an den Namen seiner verstorbenen Frau erinnern. Catherine, Macks Mom, war eines Nachts friedlich eingeschlafen, kaum ein Jahr vor der Diagnose ihres Vaters. Ein dritter Ausbruch von Leukämie war einfach zu viel für ihren ohnehin schon geschwächten Körper gewesen.
Mack schwor, sich bis zum Tag seines Todes um ihren Vater zu kümmern.
Dieser Tag lag mittlerweile etwas über einen Monat zurück. Eines Abends hatte er ziemlich neben sich gestanden und war in den strömenden Regen hinausgelaufen. Es dauerte nicht lange, bis er sich verirrte und stundenlang draußen in der Sintflut blieb. Die ganze Zeit, seit seinem Verschwinden, war Mack auf der Suche nach ihm kreuz und quer durch die Stadt gefahren. Schließlich fand sie ihn, durchweicht bis auf die Knochen, im Rinnstein vor dem Lieblingsrestaurant ihrer Mutter. Die Lungenentzündung, die er sich dabei einfing, machte ihm schwer zu schaffen, und er sollte sich nie wieder davon erholen.
»Mack«, sagte Julia, bevor sie den Anruf beendete, »was ich dir jetzt sage, sage ich dir als Freundin. Als dein Boss werde ich dich nicht anlügen, indem ich dir weismache, dass es keinerlei Vorbehalte gebe, dich wieder da raus an die Front zu schicken.« Macks Augen wurden groß. »Doch ich habe das Gefühl, dass ich es Peter und dir schulde, dir einen Blick auf die Sachen zu gewähren, an denen er zuletzt gearbeitet hat. Vielleicht hilft dir das irgendwie, die Sache für dich abzuschließen und mit deinem Leben weiterzumachen.«
»Wovon redest du da eigentlich?«, fragte Mack unsicher. Sie wusste nichts von irgendwelchen unvollendeten Artikeln, die ihr Dad bei seinem Tod zurückgelassen hatte.
»Dein Vater hat an etwas gearbeitet – an etwas, von dem er sich nicht sicher war, ob ich bereit sein würde, es zu veröffentlichen.« Julias Blick wurde ernst. »Allerdings machen in dem betreffenden Gebiet unlängst gewisse Gerüchte die Runde, denen man vielleicht auf den Grund gehen sollte.«
»Was für Gerüchte?«, fragte Mack und beugte sich vor. Nachdem sie beinahe gefeuert worden war, hatte ihre Blase bereits ein wildes Tänzchen aufgeführt. Jetzt tanzte sie Tango.
»Gerüchte über Vulkane und Raubtiere.«
»Wie bitte?«
Julia lächelte. »Peter war dabei, Nachforschungen über die jüngste sprunghafte Zunahme seismischer Aktivitäten auf Madagaskar und über die Auswirkungen anzustellen, die sich dadurch auf das umliegende Ökosystem ergeben. Zum ersten Mal kam er mit der Story vor sieben Jahren zu mir, als die Insel von diesem Monsterbeben heimgesucht wurde, erinnerst du dich daran? Die Nachrichten damals waren voll davon.« Julia dehnte ihren Hals. »Wie auch immer, Peter traf Vorbereitungen, selbst dorthin zu reisen …« Ihre Stimme wurde sanfter. »Eigentlich wollte er dich mitnehmen und dir bei dieser Gelegenheit von seiner Pensionierung berichten.«
Mack lehnte sich verblüfft zurück.
»Tut mir leid, dass ich dir das nicht schon früher erzählt habe, Mackenzie, ehrlich. Aber als dein Vater uns dann so plötzlich und viel zu früh genommen wurde … und angesichts des Umstands, wie schnell danach alles ging, konnte ich …«
Mack rannen Tränen aus den Augen. Sie wischte sie fort und lächelte. »Du hast nichts falsch gemacht, Julia. Danke, dass du es mir jetzt gesagt hast.« Weitere Tränen kamen, doch ihr Lächeln blieb. »Ich würde alles dafür geben, die Chance zu haben, Dads Werk zu vollenden.«
Julia erwiderte ihr Lächeln, was die ohnehin schon tiefen Krähenfüße rings um ihre Augen noch stärker zutage treten ließ. »Gut. Dann triff die nötigen Reisevorkehrungen. Leider kann ich dir für diesen Auftrag kein großes Team zur Seite stellen. Nach allem, was passiert ist …« Ihre Augen verengten sich. »Ich meine, angesichts deiner beiden jüngsten Abenteuer kann ich nicht zu meinen eigenen Vorgesetzten gehen und irgendetwas Extravagantes für dich rausholen.«
Mack verspürte den Drang, Julia zu erzählen, was sich wirklich am Amazonas ereignet hatte, doch sie wusste, dass sie keinem von ihnen damit einen Gefallen getan hätte. Die Leute, die ihre Firma in dieser Angelegenheit zum Schweigen gebracht hatten, hatten verdammt tiefe Taschen und sogar noch bessere Verbindungen. Nein, fürs Erste würde Mack sich an den Plan halten. Das bedeutete allerdings nicht, dass sie sich in nächster Zukunft nicht noch einmal mit der Sache beschäftigen würde.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, nein, ich verstehe schon. Ich werde mich dorthin begeben und schauen, wen ich vor Ort anheuern kann. Kriege ich wenigstens meine üblichen Spesen?«
Julia nickte. »Deine Ausgaben sind gedeckt – jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Du weißt ja, wie die Sache läuft.«
Mack lächelte. »Klar. Keine nächtelangen Partys, keine harten Drogen.«
Das entlockte Julia ein Lachen. Dann schlich sich so etwas wie Aufgeregtheit in ihr Gebaren. »Oh, da fällt mir noch etwas ein … und das hat nichts mit dem zu tun, was du gerade über Alkohol und Drogen gesagt hast. In den Arbeitsunterlagen deines Vaters fand sich eine Notiz, in der es darum ging, einen bestimmten Mann aufzusuchen, einen Kerl namens …« Sie blätterte einige Papiere durch. »Ähm, ah, hier. Sein Name ist Ian Hunt. Offenbar hat er einige ziemlich abgedrehte Geschichten auf Lager und schwört Stein und Bein, den – und ich zitiere − Teufel von Madagaskar mit eigenen Augen gesehen zu haben. Das soll zwar schon vor ein paar Jahren gewesen sein, etwa zur Zeit des großen Erdbebens, aber vielleicht ist das ein guter Ansatzpunkt.«
Der Rest des Gesprächs konzentrierte sich darauf, womit sie es Macks Dad zufolge zu tun hatten und von wem man womöglich sonst noch irgendwelche nützlichen Informationen bekam. Es gab da einen Einheimischen mit verwandtschaftlichen Banden zu der Inselnation, der jedoch als unzuverlässig galt. Doch die ganze Geschichte war ohnehin ein Schuss ins Blaue, und falls überhaupt irgendjemand das Puzzle zusammensetzen konnte, dann war Mack zuversichtlich, dass sie die richtige Frau für diesen Job war.
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