Trotzdem hat‘s nicht gereicht, um mich zu erledigen.
Das war seine Reaktion auf seine wundersame Genesung gewesen. Hinterher meinte er, der Sensenmann hätte ihn zwar schon gepackt gehabt, konnte ihn aber nicht festhalten. Und das war die Wahrheit. Anschließend hatte Ian keine Angst mehr vor dem Tod, ja, manchmal glaubte er sogar, stärker zu sein als selbiger. Er weigerte sich, seine Frau zu verlassen, indem er starb, und als er in die Heimat zurückkam, hängte er den Militärdienst an den Nagel, um mit ihr zusammen sein zu können. Die Navy war unwillig gewesen, ihn gehen zu lassen, aber als Ian sich zur Ruhe setzte, gab es nichts, was sie dagegen tun konnte.
Als er unvermittelt etwas Ungewöhnliches registrierte, blieb er abrupt stehen. Plötzlich begann der Boden unter seinen Füßen zu zittern. Anfangs war das Beben schwach, wurde jedoch rasch so stark, dass es ihn von den Beinen riss. Noch niemals zuvor war er herumgeschleudert worden wie in diesem Moment, wie ein Paar Socken im Wäschetrockner. Nicht einmal während seiner Dienstzeit.
Der Boden um ihn herum sprang auf und bekam Risse. Erdplatten hoben sich und sackten wieder nach unten, als würden überall um ihn herum Mörsergranaten explodieren. Der Lärm war ohrenbetäubend, und er musste die Augen schließen, um zu verhindern, dass er sich übergeben musste. Gerade, als er glaubte, ohnmächtig zu werden, hörte das Beben auf. Dennoch konnte Ian, der immer noch ein schwaches Vibrieren unter sich fühlte, im ersten Moment bloß daliegen und versuchen, wieder zu Atem zu kommen.
Soweit er wusste, galt der Andringitra-Nationalpark als geologisch stabil. Obwohl kleinere Beben in dieser Region keine Seltenheit waren, lagen die letzten nennenswerten tektonischen Vorkommnisse bereits eine ganze Weile zurück.
Stabil – am Arsch!
Stöhnend rappelte er sich vom felsigen Boden auf, als er ein huschendes Geräusch vernahm, das vom Fuße des Pic Boby zu kommen schien, dem höchsten Gipfel des Gebirgszugs. Eigentlich lag dort ihr morgiges Ziel. Ihr Plan bestand darin, den Pic Boby zu erklimmen und dabei nach etwaigen Höhleneingängen Ausschau zu halten, falls es welche gab. Und dank des Vulkangesteins erwartete sie eine ziemliche Sucherei.
Jetzt nicht mehr.
Zweifellos hatte das Erdbeben unzählige Höhleneingänge zum Einsturz gebracht – doch andererseits waren im Zuge dessen möglicherweise ja auch ganz neue freigelegt worden. So oder so, selbst am helllichten Tage mussten sie größte Vorsicht walten lassen, wenn sie sich auf diesem Terrain bewegten.
Wieder ertönte dieses huschende Geräusch.
Ian richtete seine Schrotflinte in die Richtung, aus der die Laute kamen, und pirschte so verstohlen vorwärts wie ein Löwe auf der Jagd. Er setzte seine Schritte leise und langsam. Er musste achtsam sein, jetzt mehr denn je. Nach drei Schritten frischte die Brise um ihn herum ein wenig auf, was gut war, um die Geräusche seines eigenen Vorrückens zu vertuschen.
Gleichzeitig jedoch übertönte der Wind das seltsame Huschen.
Ian hielt inne, als er ein weiteres Geräusch im Nordwesten hörte.
Er wandte sich in diese Richtung und ging weiter, bevor er das tat, wovon Abigail ihm ausdrücklich abgeraten hatte: Da er keine Taschenlampe bei sich trug, die diese Bezeichnung verdiente, ließ er sich vom Schein des Sternenhimmels den Weg weisen. Hier oben auf dem Berg, wo es nirgends künstliches Licht gab, brach die Dunkelheit ungeheuer schnell herein. Von dieser Höhe aus war der Himmel klar und wunderschön. Der Boby-Gipfel ragte gute 2.600 Meter empor. Das Gelände, in dem er sich gerade befand, lag ungefähr 600 Meter über der Ebene.
»Wo steckst du?«, murmelte er, ohne es selbst so recht zu bemerken. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er führte ständig Selbstgespräche. Auch Abigail redete mit sich selbst. Es war immer ziemlich lustig, wenn sie einander dabei ertappten und sich fragend anschauten.
Dieses Mal ertönten in seiner Nähe zwei unterschiedliche Husch-Geräusche. Er wirbelte herum, schaute hinter sich – und stolperte über einen aus der Erde ragenden Stein, der ihn mit einem überraschten Keuchen zu Boden fallen ließ.
Abigail schaltete ihre Taschenlampe ein und schüttelte mit einem amüsierten Lächeln den Kopf, während sie auf ihn herabblickte. Sie entspannte sich ein wenig, hob den Schirm ihrer George-Washington-University-Baseballkappe und stieß ein langes Seufzen aus. Offensichtlich hatte er sich nicht nur selbst, sondern auch sie erschreckt.
»Im Ernst jetzt, Ian?« Sie stemmt eine Hand in ihre Hüfte. »Ich werde aus dem Schlaf gerissen und mache mir fast in meine verfluchten Hosen, weil ich glaube, die Welt um mich herum stürzt ein, und von dir ist weit und breit nichts zu sehen!«
Er reckte eine Hand in die Höhe, in dem Wissen, dass sie ihm jeden Moment die ihre hinhalten würde. Was sie auch tat. Sie packte seine Hand und half ihm auf die Füße. Er zuckte zusammen, als er einige Steinchen aus seinen Handflächen pflückte.
»Ich bin übrigens okay, nur so nebenbei bemerkt.«
Er schaute sich um und überprüfte die Umgebung. Dann kehrte sein Blick zu ihr zurück. »Ich glaube, ich habe etwas gehört. Klang wie Klauen auf Fels.«
Abigails Miene hellte sich auf. »Wirklich?«
Ian zuckte die Schultern. »Keine Ahnung, was genau das war. Möglich, dass es bloß ´ne Ratte oder so was war. Ich wollte mich nur vergewissern, dass es nichts gibt, worüber man sich Sorgen machen muss, während wir hier die Nacht verbringen.«
Sie nickte.
Die Geräusche wurden lauter, umringten sie.
»Ähm, Ian …«
»Pssst!«, zischte er mit der Waffe im Anschlag. »Bleib hinter mir.« Sie tat wie geheißen, packte den Gürtel an seinem Rücken und ging hinter ihm her.
»Pass auf unsere Ärsche auf, okay?«
Er machte einen Schritt und blieb stehen.
»Ich könnte hier vorn ein bisschen Licht gebrauchen.«
Abigail hob die Taschenlampe über seine Schulter, um mit einer zittrigen Hand den Boden vor ihm zu erhellen. Vorsichtig näherte er sich dem Geräusch, während er den Knauf der Schrotflinte fester gegen seine Schulter drückte. Er hielt die Waffe ganz ruhig in den Händen und atmete langsam und bedächtig. Für ihn war das hier das reinste Kinderspiel, und er hatte schon seit einer ganzen Weile keinen Grund mehr gehabt, Soldat zu spielen.
Der Atem seiner Frau hingegen klang um einiges gequälter.
Sie schrie auf, als Ian einen Schuss abfeuerte. Er hatte einen Schatten erspäht, der schnurgerade und verdammt schnell auf sie zukam. Was immer das war, kreischte schmerzerfüllt und verschwand geschwind in der Nacht.
»Abby … was … zum … Teufel … war … das?«
»Ich … keine Ahnung«, gestand sie verängstigt. »Ich bin mir nicht …«
Zwei schrille Kreischlaute verkündeten die Attacke von zwei weiteren dieser Dinger, eines von jeder Seite. Ian wirbelte nach links und pumpte zwei Schrotsalven in die sich rasend schnell bewegende Gestalt, ehe er dasselbe auch bei dem anderen Angreifer versuchte, wobei er jedoch über die Füße seiner Frau stolperte. Sie hielt noch immer seinen Gürtel umklammert und wurde zu Boden gerissen, als er sich umdrehte.
Ian landete ebenfalls unsanft auf seinem Hintern und schlug sich den Hinterkopf an etwas Hartem, Schartigem an. Der plateauartige Berg war mit kleinen Granithügel übersät, und als Ian hinstürzte, hatte er offensichtlich mit einem davon Bekanntschaft gemacht.
Benommen streckte er die Hand nach seiner panischen Frau aus, doch gerade, als er ihre Finger berührte, fuhr eine gewaltige Klaue seitlich über seinen Schädel. Dass es ihm nicht das ganze Gesicht wegriss, hatte er Abigail zu verdanken, die seine Hand losgelassen hatte, sodass er unversehens nach hinten kippte, fort von den rasiermesserscharfen Krallen.
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