»Und falls wir doch in eine Schießerei geraten«, stichelte sie, während sie ihn mit dem Ellbogen anstieß, »ist keiner deiner Kumpels von zuhause da, um dir aus der Patsche zu helfen.«
Ian ließ seinen Bizeps spielen, was Abigail ein Lachen entlockte. »Seit wann brauche ich Hilfe von irgendwem?« Dann wurden seine Augen groß und er fügte hastig hinzu: »Abgesehen von dir, meine ich?«
Wieder ließ sie ihn ihren Ellbogen spüren. »Gerade noch mal gutgegangen, Amigo.« Sie fröstelte in seinen Armen. »Verdammt nochmal, Ian, warum habe ich keine Jacke mitgenommen?«
»Weil du mich dabei hast, um dich warmzuhalten.« Er grinste. »Abgesehen davon bist du manchmal ein bisschen flatterhaft.«
»Ha, ha …«
Sie legte ihren Kopf an seinen Hals, und gemeinsam saßen sie da und schauten zu, wie die Sonne hinter dem Horizont versank. Einen friedvolleren Ausblick konnte man sich nicht wünschen. Er vermochte sich nicht zu erinnern, wann sie das letzte Mal einfach zusammen gewesen und sich schweigend einen Sonnenuntergang angesehen hatten. Sie führten ein bewegtes Leben, und wie die meisten anderen Menschen hatten auch sie bisweilen Probleme, immer alles unter einen Hut zu bringen.
»Denkst du wirklich, wir sind hier richtig?«
Abigail antwortete nicht.
Er war schon drauf und dran, seine Frage zu wiederholen, doch dann entschloss er sich stattdessen, den Mund zu halten und zu lauschen. Das Einzige, was er außer der sanften Brise vernahm, war das schwere, ruhige Atmen seiner Frau. Sie war eingenickt. Er ließ sie behutsam zu Boden gleiten und stand auf, um ihr seinen zusammengerollten Schlafsack sanft als Kissen unter den Kopf zu schieben. Er atmete tief ein, seufzte und genoss die angenehme, erfrischend kühle Luft.
Es roch nach Natur.
Und er liebte diesen Geruch.
Nach dreizehn Jahren im Dienst der Marine der Vereinigten Staaten hatte Ian abgedankt und war mit seiner Frau, Dr. Abigail Hunt, nach Australien übergesiedelt. Später hatte es sie irgendwie nach Südafrika verschlagen, wo sie jetzt lebten. Abigail war auf ein sehr kontroverses Forschungsgebiet spezialisiert und hatte unter der renommierten Dr. Catherine Forster an der George-Washington-Universität in Washington, D. C. promoviert.
Anfangs war das Studium der Evolution von Dinosauriern zu Vögeln Gegenstand hitziger Debatten gewesen. Doch im Laufe der Jahre, als zusehends mehr Informationen zutage traten, begann das Ganze nach und nach immer mehr Sinn zu ergeben, auch wenn Ian zugegebenermaßen einige Mühe gehabt hatte, sich mit der Materie anzufreunden.
Wie so viele Angehörige ihres Fachgebiets hatten auch Abigail und ihre Mentorin Dr. Forster ursprünglich angenommen, dass sich die Dinosaurier aus der Paraves -Gruppe schlussendlich zu Vögeln weiterentwickelt hatten und davongeflogen waren. Bei diesem Gedanken fühlte sich Ian stets an die Ansprache von Dr. Alan Grant am Anfang von Jurassic Park erinnert, als er einer Schar Besucher eben diese Theorie erläuterte.
Ian gefiel besonders die Szene, in der Grant diesem ungezogenen Gör mit seiner versteinerten Raptorklaue einen Schrecken einjagte. Allerdings musste Ian, nachdem er sämtliche Filme der Jurassic -Reihe ein dutzend Mal oder noch öfter gesehen hatte, zugeben, dass nicht wenige der Dinosaurier, die man dort sah, gewisse Ähnlichkeit mit Truthähnen hatten.
Genau wie der Fettsack Dr. Grant gegenüber behauptet.
Bei ihrer allerersten Verabredung erzählte Abigail ihm von ihren Forschungen und legte dabei dieselbe Passion und Leidenschaft an den Tag, die sie auch heute noch für ihre Arbeit zeigte. Seine erste Reaktion hatte darin bestanden, sie auszulachen, genau wie jene Ausgrabungsstätten-Gäste zu Beginn des Kinofilms.
Gleichwohl, fünfzehn Jahre Ehe hatten ihn gezwungenermaßen – und eingangs gänzlich gegen seinen Willen – ebenfalls zu einem Experten auf diesem Gebiet gemacht. Tagaus, tagein konfrontierte sie ihn mit ihren Hypothesen, um zu sehen, was er davon hielt, woraufhin er dann stets mit der ihm eigenen Bodenständigkeit seine Sicht der Dinge zum Besten gab. Ian war ein stinknormaler Bursche mit einer stinknormalen Denkweise.
Das war auch der Grund dafür, warum Ian das Geschwafel eines senilen alten Narren aus einem der Dörfer, die sich an den Fuß dieses Gebirgsmassivs auf Madagaskar schmiegten, als genau das ansah – als bloßes Geschwafel. Doch nachdem sie einige gründlichere Nachforschungen angestellt und einige Gespräche mit sehr weiter Ferne geführt hatten, stellte Abigail die Theorie auf, dass es diese Mischform beider Tierarten – einen Hybriden aus Vogel und Dinosaurier − tatsächlich gab und dass sie irgendwo im Andringitra-Gebirge lebte.
Der schrullige Kauz erklärte, er hätte vor sechs Monaten eine Reihe merkwürdiger, kreischender Rufe gehört, unmittelbar nach einer Reihe schwacher Erdbeben. Der Mann trieb sich regelmäßig auf dem Berg herum, auf der Suche nach Wertsachen, die Wanderer verloren hatten. Dann kam Yakko – ja, der alte Knacker hieß wirklich wie die Figur aus der Trickfilmserie Animaniacs – und durchkämmte die vielen Felsspalten nach Dingen, die sich verkaufen und zu Geld machen ließen.
Er meinte, das Geräusch klinge nach einem riesigen Vogel mit Hass in der Kehle.
Was zur Hölle das auch immer bedeuten mag.
Ian stützte die Schrotflinte auf seine Schulter. Er war zuversichtlich, dass es ihm gelingen würde, ein solches Geschöpf zu erlegen – sofern es wahrhaftig existierte. Und er hoffte, dass es das tat. Nicht so sehr für sich selbst, sondern vor allem für Abigail. Dies hier war ihr Lebenswerk, und er wünschte ihr nur das Beste. Sie arbeitete derzeit für das MuseuMAfricA im Newtown, einem Bezirk von Johannesburg, in Südafrika, und sie hoffte, dass diese Entdeckung ihr eine Anstellung als neue Kuratorin des Museums einbringen würde.
Das war ihr Traumberuf, seit sie ein Mädchen war.
Ians Traumjob indes fand ein jähes Ende, als er im Mittleren Osten im Kampf gegen den Terror angeschossen wurde. Zwar überlebte er, doch dem Tod so knapp entronnen zu sein, brachte ihn letztlich dazu, den Dienst zu quittieren und zu seiner superscharfen Braut von Ehefrau nach Hause zurückzukehren. Wie bei manch anderem in ihrem Leben auch, brauchte er eine Weile, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Anfangs beschwerte er sich alle naselang. Mittlerweile jedoch war er ihr inoffizieller Forschungsassistent und, was um einiges wichtiger war, ihr persönlicher Sicherheitschef.
Sein neuer Job bestand darin, dafür zu sorgen, dass seiner superscharfen Braut nichts zustieß.
Sie bereisten zusammen die Welt und im Laufe der Jahre hatte es sie an einige gefährliche Orte verschlagen. Zum Glück gehörte Madagaskar nicht dazu, obwohl es auch hier, wie in allen anderen Ländern – besonders in einigen afrikanischen −, ein paar ziemlich riskante Ecken gab.
Ian umklammerte seine Schrotflinte fester. Er mochte solche Situationen; da konnte er zeigen, wer er war, was in ihm steckte. Als ehemaliger Navy SEAL kam Ian bestens mit allen möglichen Not- und Zwangslagen zurecht. Er schreckte vor nichts zurück und verlor niemals die Nerven. In der Vergangenheit musste er einige schwere Gefechte überstehen und erwies sich dabei als verdammt guter Soldat.
Dann bekam er drei Kugeln in die Brust – und das war‘s dann. Das Groteske dabei war, dass das Ganze nicht bei einem feindlichen Angriff passierte. Nein, einer der Typen aus seiner Einheit war durchgedreht und hatte versucht, Ian umzubringen, und alle anderen, die sich in diesem Moment in der Nähe befanden. Ian hatte sich auf den Verrückten gestürzt und mit seinem Eingreifen unzählige Menschenleben gerettet. Sie nannten ihn einen Helden, und dementsprechend wurde er von seinen Vorgesetzten auch geehrt und ausgezeichnet. Doch seine Verletzungen – zwei Projektile hatten seine linke Lunge durchschlagen – waren so schwerwiegend, dass er von seinen Kameraden wiederbelebt werden musste.
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