Ich stecke meine Ohrhörer wieder ein und lehne den Kopf ans Fenster. Meine Lider sind schwer und brennen, weil ich zu wenig geschlafen habe, und es schadet sicher nicht, sie ein Weilchen zu schließen.
Es ist dunkel, und ich bekomme keine Luft. Ich will mich bewegen, doch vergeblich. Ein Gewicht lastet auf meiner Brust und drückt mich zu Boden. Ich muss schreien, doch als ich den Mund öffne, geschieht gar nichts .
Ruckartig werde ich wach, peinlich berührt.
Wie lange habe ich wohl geschlafen? Habe ich etwa geschnarcht oder meine Haltestelle verpasst?
Ich wische über die beschlagene Scheibe, bis ich hindurchsehen kann.
Bäume. Große Häuser mit langen Auffahrten und teuren Autos. Also bin ich fast da.
Der nächste Song ist von Tokyo Girl. Ich finde ihn super, aber im Moment möchte ich lieber nicht an heute Abend denken, also fasse ich in die Tasche und drücke auf die Handytaste, mit der der Track übersprungen wird.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken, als ich mich an einen Traumfetzen erinnere: an das Gefühl, nicht atmen zu können. Grauenhaft.
Haus Ulmenblick, Heim für Lebenserfahrene (nicht der offizielle Name) liegt auf einer Hügelkuppe mit Aussicht auf die Stadt, als würde es sie beherrschen. Früher war das tatsächlich so, als Hardacre nur aus versprengten Bauernhöfen im Tal und kleinen Häuschen bestand und der Gutsbesitzer mit seiner Familie in Haus Ulmenblick residierte. Am Empfang hängt ein Porträt von ihm, vor dem ich mich wahrhaftig fürchte. Mit den Koteletten und seinem Rüschenhemd wirkt er wie der Teufel in Person, und sein Blick strahlt die Warnung aus: Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!
Ein dumpfes Geräusch, jemand flucht. Als ich aufschaue, dreht sich die Harry-Potter-Leserin auf ihrem Platz um. Unsere Blicke treffen sich, und sie entschuldigt sich mit einem kleinlauten Lächeln. «Ich habe meinen Ring fallenlassen. Siehst du ihn vielleicht? Ich glaube, er ist unter deinen Sitz gerollt.»
Ich schaue in die trüben Schatten an meinen Füßen, ohne den Ring zu entdecken.
«Moment.»
Ich rutsche herunter, gehe im Gang in die Hocke und leuchte mit dem Handy in das Dickicht aus Schuhen und Taschen. Als wir um eine Kurve biegen, rollt etwas hinter einer weggeworfenen Chipstüte hervor und trudelt Richtung Rückbank.
Ich verfolge den Ring im Krebsgang und schnappe ihn mir, bevor das Ding wieder außer Sicht rollt. «Hab ihn!»
Ich bin immer noch in der Hocke, da macht der Bus plötzlich einen Satz nach vorn und schlingert so heftig, dass ich umfalle.
Nach einem lauten Knall explodiert plötzlich eine Scheibe, und Glassplitter fliegen durch die Luft. Ein dicker Ast schlägt ein Fenster ein, er windet seine Zweige wie hölzerne Fangarme durch den Bus und krallt sich in die Decke. Wehende Blätter, knackendes Holz und Staub wirbeln durch die Luft.
Schließlich kommt der Bus mit einem Ruck zum Stehen und schwankt auf seinen Rädern.
Jemand flucht. Ich wahrscheinlich.
Nach einem Augenblick vollkommener Stille ruft der Fahrer von unten und will wissen, ob jemand verletzt ist. Ich höre die Panik in seiner Stimme, als er mit donnernden Schritten die Treppe hocheilt. Er sagt etwas über ein Motorrad – er musste ausscheren, um auszuweichen, ist dabei auf den Bürgersteig geraten und gegen einen Baum gefahren.
Auf einmal merke ich, dass die anderen Fahrgäste mich anstarren.
«Dein Platz», sagt die Harry-Potter-Frau und streckt einen zitternden Finger aus.
Ich drehe den Kopf dorthin, wo ich eben noch gesessen habe.
Die Fensterscheibe ist zerstört, und ein Ast, dicker als mein Arm, hat sich in den Sitz gebohrt, und zwar mit so viel Wucht, dass er den grünen Bezug, die Kunststoffpolsterung und den Holzrahmen satt durchstoßen hat und auf der anderen Seite hervorsticht.
Hätte ich noch dort gesessen, wäre ich ebenfalls aufgespießt worden.
5WO BIN ICH NUR MIT MEINEN GEDANKEN?
Ich starre wie gebannt auf das Loch im Sitz, das der Ast gerissen hat. Er hätte genau mein Herz getroffen, das gerade auf und ab hüpft wie ein Shih Tzu auf dem Trampolin.
Um ein Haar wäre ich gestorben.
Aus irgendeinem Grund schockiert mich das nicht so, wie man meinen könnte. Erneut blitzt ein Bild auf: das meiner Leiche auf einer Bahre in einer Leichenhalle … Ich spüre in meiner Kehle, dass sich mein Frühstück wieder auf den Weg nach oben macht – wie Ratten, die aus einem überlaufenden Abflussrohr fliehen.
«Geht’s? Alles in Ordnung?» Der Busfahrer ist blass, und die Hand, die er mir auf die Schulter gelegt hat, zittert.
Ich nicke, obwohl es mir schlecht geht und nichts in Ordnung ist.
Der Fahrer teilt uns mit, dass ein neuer Bus geschickt wird und der Krankenwagen unterwegs ist. Er möchte, dass ich auf die Sanitäter warte, aber ich will nur noch hier weg – fort von meinem ramponierten Sitzplatz. Ich starre auf die Polsterung, die aus dem Loch quillt, auf das gesplitterte Holz und den zerfetzten Stoff. Wenn ich noch dort säße, würde es auch aus mir herausquellen …
«Ich muss zur Arbeit!», platze ich heraus, taumle die Stufen hinunter und halte mich am Geländer fest, weil meine Beine wie Wackelpudding sind.
Die Türen sind offen, und draußen auf dem Bürgersteig stehen Fahrgäste und Passanten, die den Unfall beobachtet haben und helfen oder vielleicht auch nur Fotos machen wollen.
Ich dränge mich hindurch und zwinge meine Beine, mich aufrecht zu halten und so lange weiterzugehen, bis ich die Unfallstelle hinter mir gelassen habe.
Beinahe wäre ich gestorben, aber es macht mich auch fertig, dass ich wusste , es würde irgendetwas Schlimmes passieren. Das war mir schon beim Aufwachen klar.
Soll ich das vielleicht lieber mal erklären?
Einen klassischen Horrorfilm hat ja wohl jeder schon gesehen. Und diese Szene ist auch bekannt: Mitten in der Nacht bleibt ein Auto auf einer einsamen Straße liegen. Ein paar Freunde steigen aus und gehen zum nächstgelegenen unheimlichen Häuschen, um Hilfe zu holen. Während sie darauf zugehen, sagt einer von ihnen: Äh, Leute, ich habe ein schlechtes Gefühl . Die anderen fallen über ihn (oder sie) her, weil er oder sie Angst hat, aber man weiß schon, dass sie am Ende des Films alle tot sein werden.
Tja, dieser Typ beziehungsweise dieses Mädchen bin ich. Die Szene spielt sich in Dauerschleife in meinem Kopf ab und tauscht immer wieder die Location aus, je nachdem, was ich gerade machen will. Es fühlt sich wie ein eingebauter Sabotage-Mechanismus an. Sobald ich etwas vorhabe, macht mich meine bösartige Fantasie verrückt, bis ich von einer nahenden Katastrophe derart überzeugt bin, dass ich eine Panikattacke bekomme und nicht mehr in der Lage bin, das Haus zu verlassen.
Der heutige Morgen war eine Warnung – die Kopfschmerzen, die Übelkeit … Auf die Art und Weise hat mein Körper mir geraten, wieder ins Bett zu gehen und mich unter der Decke zu verstecken.
Nur weil ich Tash so dringend sehen wollte, habe ich nicht darauf geachtet. Und das kommt dabei heraus.
Erst am Tor von Haus Ulmenblick fällt mir auf, dass ich immer noch den Ring der Harry-Potter-Leserin umklammere. Ich hatte ihn mir vorher gar nicht angesehen, doch jetzt erkenne ich, wie hässlich er ist. Der eingefasste Stein besteht aus einem grüngesichtigen Wasserspeier, der die Zunge rausstreckt. Wie kann man nur so etwas tragen?
Doch wenn die Frau ihn nicht aus Versehen fallen gelassen hätte …
Wenn ich nicht am Boden herumgekrochen wäre, um ihn zu suchen …
Wäre ich jetzt tot.
Mit einem Mal ist dieser abscheuliche Ring das schönste Ding auf der ganzen Welt.
Ich sollte ihn zurückgeben, das wäre das Mindeste. Wenn ich das nächste Mal in der Stadt bin, gebe ich ihn am Busbahnhof ab. Bis dahin muss ich ihn sicher aufbewahren.
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