Zurückgezogen in den noch dunklen Höhlen des Geheimen Tals dösten die Leoparden in den Tag hinein, bis sie in der Nacht wieder auf Jagd gingen. Draußen in der Ebene ließ sich ein Rudel Löwen schwerfällig auf einer Anhöhe nieder, und mit vollen Bäuchen warteten die Tiere darauf, dass die Sonne ihnen die gelbbraunen Flanken wärmte. Martine war auf Jemmy, weil sie so hoch oben saß, vollkommen sicher – vorausgesetzt, sie fiel nicht hinunter –, aber für Ben, der auf seinem Pony ritt, sah die Sache ganz anders aus. Sie hielten sich bewusst von jener Region des Reservats fern, die Gwyn Thomas die «Fleischfresserecke» nannte, damit sie nicht versehentlich zum Frühstück verspeist wurden.
Das Beste an der morgendlichen Wildtierparade waren die Vogelgesänge. Mehr als dreißig Vogelarten begrüßten den neuen Tag mit einem Morgenständchen. Tendai hatte Martine beigebracht, wie sie einige von ihnen erkennen konnte. Am leichtesten war das beim Weißbrauenrötel, von dem die ersten erlesenen Melodien des Morgens gegen Viertel vor fünf ertönten, aber ihre Lieblinge waren die gurrenden Tauben und die Drossel mit ihrem hohen, reinen Lied. Der Fliegenschnäpper, die Grasmücken, die Bülbüls und die Brillenvögel waren die Hintergrundsänger eines Chors, in dem die Tenöre – die Turakos und Trogons, die melodischen Würger und die pfeifenden Kuckucke – die Stars waren.
Während Martine ihnen zuhörte, stellte sie sich vor, sie alle lieferten die Begleitmusik für ihr Rennen gegen Ben, besonders weil Jemmy begann, mit den Hufen zu scharren, voller Begierde, dem Pony hinterherzulaufen. Das ungleiche Paar hatte sich schon bei der ersten Begegnung angefreundet.
«Jemmy, ich zähle auf dich, dass du alles gibst», rief Martine ihrer Giraffe zu. «Ich hasse nichts so sehr wie Spülen. Auf gar keinen Fall will ich da feststecken und die nächsten beiden Wochen den Abwasch machen.»
Die Giraffe reagierte mit derartigem Eifer, dass Martine ihr die Arme um den Hals schlingen musste, um nicht hinunterzufallen.
Als Jemmy den felsigen Abhang erreichte, wurde er langsamer und bewegte sich ungelenk. Seine langen, schlaksigen Beine tasteten zaghaft nach dem nächsten festen Stand. Martine lehnte sich zurück, um ihr Gewicht von seinen Schultern zu nehmen, und klammerte sich mit den Beinen fest. Genau wie sie vorhergesagt hatte, hatte Ben längst die tiefer gelegene Ebene erreicht. Shiloh wurde rasch schneller, und eine blasse Staubwolke stieg hinter den fliegenden Hufen der Stute auf.
Martine konnte es kaum erwarten, ihr hinterherzujagen, aber sie wagte es nicht, Jemmy anzutreiben. Ein einziger Fehltritt hätte katastrophale Folgen haben können. Als sie die Ebene erreicht hatten, waren Ben und das Pony nur noch ein unscharfer Fleck in der Ferne.
Jemmy war genauso scharf darauf, sie einzuholen, wie Martine. Sie brauchte kaum seine Flanken zu berühren, da schoss er los und beschleunigte von null auf fünfzig Stundenkilometer, so schnell, dass es Martine den Atem verschlug. Sie kauerte sich nach vorn wie ein Jockey und versuchte, nicht an die harte Erde zu denken, die sehr tief unter ihr nur so vorbeiflog.
Giraffen haben lediglich zwei Gangarten – Schritt und Galopp –, und Jemmys Galopp kam Martine jedenfalls so schnell vor, als säße sie auf einem Rennpferd. Seine Riesenschritte verschlangen die Entfernung zwischen ihr und Ben. Es wurde immer schneller. Der Wind pfiff Martine um die Ohren. Es war, als ritte sie Pegasus, das geflügelte Pferd aus der griechischen Sage. Sie rauschte an einer Büffelherde vorbei. Zebras stoben auseinander. Springböcke veranstalteten gewaltige Sprünge wie in Zeitlupe.
Ein so intensives Freiheitsgefühl durchströmte Martine, dass sie sich ganz schwindelig fühlte. Es war noch gar nicht so lange her, da hatte sie sich nicht vorstellen können, jemals wieder glücklich zu sein. Am Silvesterabend vor genau einem Jahr und einem Tag – an einem Tag, der grausamerweise zugleich ihr Geburtstag war – waren ihre Mutter und ihr Vater beim Brand ihres Hauses ums Leben gekommen. In den darauffolgenden Monaten war der Schmerz in Martines Herz so qualvoll gewesen, dass sie sich oft wünschte, sie wäre ebenfalls gestorben. Es hatte auch nicht wirklich geholfen, an das Östliche Kap von Südafrika zu einer Großmutter ziehen zu müssen, von der sie noch nie gehört hatte.
Anfangs war Martine so einsam gewesen, dass sie sich jeden Abend in den Schlaf geweint hatte. Alles, was ihr Halt bot, waren ihre Erinnerungen gewesen.
Jemmy zu finden und auf ihm reiten zu lernen hatte ihr das Leben gerettet. Eigentlich hatten sie sich gegenseitig gerettet, denn später hatte Martine die weiße Giraffe den Händen von Wilderern entrissen.
Aber nicht bloß Jemmy und die Freundschaft mit Ben hatten Martine geholfen. Auch die Zeit und die Sonne hatten dazu beigetragen, dass die Wunden heilten, ebenso eine Reihe von kleinen Wundern, wie zum Beispiel die Musik von Take Flight, ihrer Lieblingsband. Leadsänger Jayden Lucas hatte seinen Vater verloren, als er ein kleiner Junge war, und wann immer Martine ihn Song for Dad singen hörte, fühlte sie sich von ihm verstanden.
Ebenso wichtig war ihr Verhältnis zu der Mutter ihrer Mutter. Zuerst war sie kalt und streng gewesen – hauptsächlich, weil sie selbst so trauerte –, doch letztendlich hatte sich Gwyn Thomas zu der liebevollsten Großmutter entwickelt, die man sich nur wünschen konnte.
Noch solch ein Lebensretter war Grace, Tendais Tante, eine traditionelle Zulu-Heilerin, die man als Sangoma bezeichnete. Kurz nach Martines Ankunft in Afrika hatte Grace sie darüber aufgeklärt, dass sie, Martine, eine besondere Gabe besitze. Diese Gabe hatte bereits in Martines Schicksal eingegriffen, und sie würde es in naher Zukunft weiter tun. Es war eine wunderbare Gabe, aber sie verlangte auch einen hohen Preis. Im Laufe des vergangenen Jahres hatte sie Martine und Ben, der sie bei jedem Abenteuer begleitete, Freude und Schrecken gleichermaßen gebracht.
Als Martine jetzt über die prächtige Ebene Sawubonas raste, war sie so glücklich wie noch nie zuvor. Es würde immer eine leere Stelle in ihrem Herzen geben, dort, wo ihre Eltern gewesen waren, aber der Schmerz wurde mit jedem Tag weniger. Und mit jedem Tag wurde Martine stärker.
«Los, Jemmy», drängte sie und griff fester in seine Mähne, «du kannst doch noch schneller.»
Die Giraffe donnerte über die Ebene, und ihr weiß glänzendes Fell mit den Zimtflecken leuchtete in der Landschaft auf. Allmählich holten sie Ben und Shiloh ein. Bald waren sie so nah, dass sie die knatternden Hufschläge des Ponys hören konnten. Das Wasserloch kam in Sicht. Vor ihnen gabelte sich der Weg.
Zu spät fiel es Martine ein, Ben daran zu erinnern, dass er links durch die Bäume reiten musste. Ein hoher Zaun direkt hinter dem Wasserloch war alles, was sie vom tadellos gepflegten Vorgarten ihrer Großmutter trennte.
«Ben, nein …!»
Es war zu spät. Er war rechts abgebogen.
Martine musste sich im Bruchteil einer Sekunde entscheiden: das Rennen abzubrechen und wochenlang den Abwasch zu machen oder sich den Zorn ihrer Großmutter einzuhandeln. Sie entschloss sich, es darauf ankommen zu lassen.
Mit einem leichten Druck ihres linken Beins sorgte sie dafür, dass die Giraffe dem Basotho-Pony hinterherstürzte. Mit ein paar wenigen Sprüngen hatte Jemmy Shiloh überholt.
Martine grinste Ben über die Schulter an. Als sie wieder nach vorn sah, war die gelbe Steineibe so nah, dass sie schon die Furchen in ihrer Rinde sehen konnte. Der Sieg war ihr nicht mehr zu nehmen.
Sie blickte in die Richtung des Hauses und hätte beinahe einen Herzanfall erlitten. War das Tendai da im Schatten des Mangobaums? Was, wenn er es ihrer Großmutter sagte? Die nächsten zehn Jahre würde sie Jemmy nicht mehr reiten dürfen. Aber als sie noch einmal hinsah, war niemand da.
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