Eines Tages blickte ich in den Spiegel. Ich fühlte mich furchtbar und brauchte wieder Meth, und da traf es mich wie der sprichwörtliche Blitz: Ich erkannte, dass dies nun mein Leben war, meine Realität. Alles, was ich tat, tat ich nur, um Drogen zu bekommen. Ich tat es nicht aus Liebe oder für meine Eltern oder für mich selbst. Nein, ich tat es nur für das Meth.
Doch ich sah keinen Ausweg. Ich wusste, dass das echt ätzend war, doch andererseits wusste ich auch, dass ich eben genau so war. Es war meine Zukunft. Ich wusste nicht, wie ich das ändern sollte. Und dann nahm ich wieder etwas, um high zu werden.
An jenem Tag, oder vielleicht war es auch der Tag danach, rief mich ein Freund an. Ich ging ans Telefon und verabredete mich mit ihm, um ihm ein paar Drogen zu verkaufen.
Später fand ich heraus, dass er am Vortag verhaftet worden war und die Polizei Speed bei ihm gefunden hatte. Sie hatten ihn nach seinen regelmäßigen Dealern gefragt, denn sie waren hinter den „großen Fischen“ her. Also sagte er ihnen, dass er die Drogen von uns bekommen hätte.
Doch unser guter Freund hatte sie damals weder von mir noch von Jason bekommen, auch wenn wir ihn gelegentlich mit ein wenig Meth versorgten. In jenem Fall hatte er sie allerdings von einem anderen Dealer gekauft, einem Typen, der in der Kette weit über uns stand. Doch den wollte er nicht an die Polizei ausliefern, denn wer weiß, was ihm dann vielleicht zugestoßen wäre. Vielleicht hätte der Typ unseren Freund und uns einfach kaltgemacht.
Als unser Freund mich anrief, hörten die Cops am anderen Ende der Leitung mit und instruierten ihn, was er mir sagen sollte. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass das wirklich so funktioniert. Allerdings war ich davor auch noch nie verhaftet worden.
Zwei Tage später, ich stand gerade mit jemandem von Jasons Familie in der Küche und wärmte etwas zu essen auf, hörte ich lautes Klopfen an der Eingangstür.
„Polizei! Aufmachen!”
Verdammter Mist .
„Wer von euch ist Catra? Wer ist Jason?“, riefen die Polizisten, als sie sich ihren Weg ins Haus bahnten.
Alle mussten sich auf den Boden legen. Jasons Eltern, sein Bruder und dessen Freundin blickten zu mir.
Ich sagte, ich sei Catra.
Dann durchsuchte die Polizei das Haus. Sie fragten uns, ob wir irgendwelche Waffen hätten und wo unsere Drogen wären.
Während die Polizei durch das Haus stürmte, fragten Jasons Eltern, was hier eigentlich los sei.
Als die Cops schließlich bemerkten, dass wir doch nicht die Großdealer waren, wie sie vermutet hatten, beruhigte sich die Lage etwas. Wir kooperierten und zeigten ihnen, wo wir unser Meth aufbewahrten und dass wir keine illegalen Waffen besaßen. Als sie dann auch mitbekamen, dass Jasons Eltern nichts mit der ganzen Sache zu tun hatten, brachen sie die Durchsuchung kurz darauf ab.
Dann setzte mich einer der Polizisten auf einen Stuhl und erklärte, dass Jason und ich ins Gefängnis wandern würden.
Der Polizist, der mich zum Wagen brachte, war sehr nett. Er sah, dass ich Angst hatte, denn ich war ganz hektisch, weinte und zitterte am ganzen Leib. Er setzte mich auf die Rückbank des Einsatzwagens und begann, mit mir zu reden.
„Wieso bist du überhaupt mit diesem Typen zusammen?“, fragte er.
Ich konnte keine Antwort darauf finden.
„Du siehst nicht gerade so aus, als wärst du ein schlechter Mensch. Du warst auch noch nie in gröberen Schwierigkeiten. Warum also?“
Wieder fand ich keine Antwort. Doch ich wusste, es war, weil ich mein High brauchte.
Der Polizist sagte, dass alles in Ordnung kommen würde und ich wahrscheinlich gleich am nächsten Tag auf Bewährung wieder freikäme und er sich darum kümmern würde, dass ich meine eigene Zelle bekäme. Aber er sagte auch, dass ich ins Gefängnis müsse.
Wir fuhren los und kamen schließlich in Downtown San José an, wo wir in Handschellen in ein Vernehmungszimmer gebracht wurden.
Auf der Polizeistation übernahm Jason die Verantwortung für alles, und man trennte uns. Er blieb dort, und ich wurde in ein Frauengefängnis überstellt.
Der erste Ort, an den man mich brachte, erinnerte mich an ein Wartezimmer oder einen Flughafenterminal. Überall lagen Hochglanzmagazine herum, und es gab sogar einen kleinen Fernseher. Doch ich hatte furchtbare Angst. Der einzige Grund, warum ich noch durchhielt, war die Gewissheit, dass ich wahrscheinlich schnell wieder hier rauskommen würde und dass ich, wenn ich für ein paar Stunden in Haft bleiben sollte, eine Zelle für mich allein hätte.
In dem Warteraum befanden sich auch noch andere Frauen, und wir begannen, uns zu unterhalten. Ein paar davon sahen so aus, als gehörten sie hierher, doch die meisten taten dies nicht. Eine Frau fiel mir besonders auf. Sie war schon älter und sah aus, als wäre sie bereits Großmutter. Die arme Frau hatte nur einen Streit mit ihrem Mann gehabt, doch als die Polizisten auftauchten, bemerkten sie Kratzspuren an ihm und verhafteten die Frau wegen häuslicher Gewalt.
Es dauerte nicht lange, dann wurde ich von den Vollzugsbeamtinnen in ein Hinterzimmer gebracht, wo sie eine komplette Leibesvisitation an mir vornahmen und mir dann einen Overall gaben, in dem ich wie eine übergroße orange Karotte aussah.
Ich war damals so dünn und zart, dass mir die Kleider wortwörtlich vom Körper fielen.
Dann erklärte mir eine der Beamtinnen, dass ich die Nacht hier verbringen würde.
„Moment“, sagte ich. „Einer eurer Kollegen hat mir gesagt, dass ich gar nicht hier sein sollte. Ich sollte gar nicht hier sein. Ich gehöre hier nicht her!“
Die Wachebeamtinnen lachten, und dann brachten sie mich in den Haupttrakt des Gefängnisses.
„Leute, ich gehöre hier wirklich nicht her.“
Ich wiederholte diesen Satz vielleicht 20-mal, doch als sie mich zusammen mit all den anderen Frauen in die Zelle brachten, kam es mir in den Sinn, dass ich vielleicht doch hierhergehörte. Langsam erkannte ich, dass das hier alles real war, und nun fürchtete ich mich wirklich.
Ich gehe ins Gefängnis, und ich werde die ganze Nacht unter diesen Kriminellen verbringen. Dabei bin ich gar keine Kriminelle , dachte ich zumindest.
Natürlich war ich kriminell. Selbst wenn ich glaubte, dass ich niemanden anderen verletzt hatte, mit dem, was ich tat, so war es dennoch eine strafbare Handlung. Abgesehen davon hatte ich andere Menschen verletzt. Ich hatte sogar jene Leute verletzt, die mir am nächsten standen, doch ich bekam es nicht mit, da ich nur mit meiner Sucht beschäftigt war.
Man händigte mir eine Zahnbürste, einen Kamm und eine Wolldecke aus. Ich hasste es, wie sich die Decke anfühlte. Sie kratzte, und dann war da noch etwas. Irgendwie fühlte sie sich ekelig an und gebraucht und sehr, sehr verstörend. Später, immer wenn ich nach einem langen Rennen ins Ziel kam und vor Kälte oder Unterkühlung zitterte und man mir eine dieser Wolldecken um die Schultern legte, schrie ich die Person an, sie wegzutun.
In der Zelle hing ein Spiegel aus rostfreiem Stahl, und ich konnte mich darin zusammen mit dieser furchtbaren Decke und dem orangen Overall sehen. Da fragte ich mich, was mich der Polizist zuvor schon gefragt hatte.
Was tue ich hier?
Das bin nicht ich , dachte ich. Ich war kein schlechter Mensch, das hatte auch der Polizist gemeint. Und ich wollte nicht länger hier sein . Etwas musste sich ändern.
Am nächsten Morgen, nach einer schlaflosen, angsterfüllten Nacht zusammen mit all den anderen Kriminellen, saß ich nun mit diesen Frauen beim Frühstück, stocherte an einem ekeligen Sandwich und etwas Obst und Orangensaft herum. Eine der Frauen fragte mich, ob sie mein Sandwich haben könnte, und ich gab es ihr. Dann sagte ich ihnen, dass ich heute sowieso wieder rauskommen würde.
„Oh, nein, du kommst hier nicht raus“, sagte eine von ihnen. „Sie entlassen nie jemanden am Samstag. Vor Montag bekommst du keine Anhörung.“
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