Irgendwann war der Flug dann doch vorbei, und die Maschine landete spätnachmittags Ortszeit in New York. Wir brachten die umständliche Einreiseprozedur gehorsam hinter uns - und zwar als Touristen. Für den eigentlichen Zweck unserer Reise hätten wir nicht so schnell eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Mr. Ira Blacker, ein fetter Manager, nahm uns in der Halle des Kennedy Airports in Empfang und fuhr uns mit einer schwarzen langen Limousine und ebenfalls langem, schwarzem Chauffeur in die Stadt. Alles, was ich auf der Fahrt in die City wahrnehmen konnte, war groß und ebenfalls sehr lang. Und hoch. Es war schon dämmrig draußen, und die Highways waren dicht gefüllt mit vor Chrom strotzenden Straßenkreuzern mit langen, potenzerigierten Kühlerhauben dieser 70er Jahre. Entsprechend lang dauerte die Fahrt in die City. Ohne mein Glas mit Eiswasser wurde das schmerzhafte Pochen in meinem Daumen wieder schlimm. Ich quälte mich schließlich seit gut zwölf Stunden damit herum. Blacker versprach, er werde sich sofort um einen Arzt kümmern, sobald wir im Hotel wären. Das ›Goreham‹ in der 55. Straße war für Karl, Emil und mich gebucht. Ralf und Florian wohnten ganz in der Nähe im feineren ›Mayflower‹ am Central Park West. Nachdem Karl und ich unser komfortables Zimmer gemütlich gemacht hatte, nahmen wir erst einmal unsere neue Umgebung in Augenschein. Der Liftboy, der unsere Koffer nach oben gebracht und uns das Zimmer aufgeschlossen hatte, schaltete sogleich überall das Licht und die Gebläse ein, die ich sofort hinter ihm wieder ausschaltete. Es war ja kalt um diese Jahreszeit, und für den Serviceman gehörte es wohl zu seiner Pflicht, alles einzuschalten, was den Komfort des Zimmers demonstrieren konnte. Ich blickte aus dem geöffneten Schiebefenster in die Tiefe der Straßenschlucht. Wir befanden uns immerhin im 27. Stockwerk. Da konnte man die Menschen und Autos unten nur als kleine, bewegliche Punkte erkennen. Eine Klangwolke aus Straßenlärm und Polizeisirenen, die ich bisher nur aus amerikanischen Krimis kannte, drang in unseren Raum. Hier war all dies real und ich empfand es wirklich ziemlich amerikanisch. Der Blick über New York am Abend und über die umliegenden Gebäude mit ihren altmodischen hölzernen Wassertanks und riesigen Neonreklamen auf den Dächern gefiel mir gut, obwohl ich das alles gar nicht so schrecklich modern fand. Es war nur so aufregend anders als bei uns, und die Stadt sprudelte trotz der abendlichen Stunde vor Energie und Licht. Der Boy wollte uns einfach nicht verlassen. Er stand da mit erwartungsvollem Blick im Zimmer herum, bis wir ihm ein paar Dollar Trinkgeld gaben. Für uns sah ein grüner Schein wie der andere aus, weshalb wir ihm vermutlich eine ziemlich fürstliche Summe überreichten. Jedenfalls bedankte sich der junge Mann überschwenglich und las uns vortrefflicherweise in den kommenden Tagen jeden Wunsch von den Augen ab.
Bald darauf klopften auch schon unsere Kollegen bei uns an. Angesichts der vielen Riegel und Schlösser der Türe unserer Suite, erahnte ich, dass es wohl nicht die sicherste Gegend war, in der man uns untergebracht hatte. Ralf stellte uns Henry Israel vor, einen Mitarbeiter von Ira Blacker, der in den nächsten Wochen unser Tourmanager sein sollte. Der gutaussehende Mann mit schwarzem Dreitagebart und funkelnd schwarzen Augen, fuhr sofort mit mir zu einem Hospital, wo es nächtlichen Notdienst gab, um meinen Daumen versorgen zu lassen. Im Krankenhaus angekommen, fiel mir sofort die Unordnung dort auf. Es war ziemlich anders als in einer deutschen Klinik. Vielleicht war es aber auch nur eine simple Notstation für ausgeflippte Fälle. Ich muss gestehen, dass ich nicht viel Vertrauen zu den Leuten dort hatte. Ein Arzt bat mich und Henry Israel nach kurzer Wartezeit in sein Behandlungszimmer. Er sah sich meinen maträtierten Daumen genau an und wunderte sich, dass ich dessen Verwundung so lange hatte aushalten können. Ich schilderte ihm meine Ungeschicklichkeit mit meinem Auto in Deutschland und die Behandlung mit Eis während des Fluges und er war sichtlich erfreut über den cleveren Rat der Stewardess. ›Ein schlimmer Bluterguß unter dem Daumennagel‹, so lautete seine Diagnose, nachdem er durch eine Röntgenaufnahme festgestellt hatte, dass kein Bruch vorlag. Der Schmerz kam vom Druck des angestauten Blutes, das sich wegen des begrenzenden Daumennagels nicht ausbreiten konnte. Der Arzt nahm eine gewöhnliche Büroklammer, bog sie auseinander und erhitzte ein Ende über einem Bunsenbrenner bis zur Rotglut. Dann schmolz er mit dem heißen Drahtende ein kleines Loch in meinen Daumennagel. Das gestaute Blut lief sofort heraus, worauf der Druck in meinem Finger augenblicklich nachließ. Ich hätte den Mediziner umarmen können. Wie clever, wie schmerzlos, wie schnell hatte der Mann mir geholfen! Ich dachte noch, wenn ich nur gewusst hätte, wie, hätte ich das in der Flugzeugtoilette vielleicht sogar selbst machen können. Jedenfalls war ich gewaltig erleichtert. Ein kleiner Verband noch um den Sorgenträger, und mit dem Taxi und Mr. Israel ging es wieder zurück ins ›Goreham‹. Jetzt endlich konnte auch ich unseren Aufenthalt genießen und mich auf die ausgedehnte Reise freuen.
Am nächsten Vormittag sahen wir zusammen amerikanisches Fernsehen. Eine Life-Übertragung aus Rom. Der Papst hatte gerade sein ›Urbi et Orbi‹ verkündet, denn es war ja Ostern, da entdeckte ich auf einem anderen Kanal eine halbstündige US-Soup - völliger Blödsinn - wie es sie in Deutschland noch nicht gab. Eine der beliebtesten, wie mir später gesagt wurde, war in Amerika eine Dritte-Reich-Serie mit der vollkommenen Verarschung der Nazi-Soldateska. Ich fand das erst mal miese, weil mir unsere beschissene politische Vergangenheit zu Hause denn doch zu ernst war, als dass man hier seine Späßchen darüber machen sollte. Aber auf diesen zackig lauten ›sälbsverrrrstänndlich - jawollll - auf, nieder, auf, nieder - strammmmsteh‘n - zu Befähl Herr Majorrr‹-Befehlstondrill, mit dem die Amerikaner uns Deutsche verbinden, bin ich doch ganz schön abgefahren, das muss ich gestehen. Ich brauchte halt meine Zeit, um den verarschenden Witz daran zu empfinden - als Deutscher eben. Und dann ständig Commercials, also Werbespots als Unterbrechung. Auch das gabs bei uns erst viele Jahre später.
Am nächsten Vormittag wurden wir abgeholt und fuhren zum gemeinsamen Frühstück ins ›Rumpelmayr‹, einem der renommiertesten Cafés in New York, direkt am Central Park gelegen. Dort bekam man den besten Cheesecake, den kremigsten Bienenstich und den frischesten Macedoniasalat, den ich je gegessen hatte. Ich mochte dieses Café sehr und habe, wenn wir später in der Stadt waren, keine Gelegenheit ausgelassen, um dort zu frühstücken. Mir fiel auf, dass sie sogar die Orangen- und Grapefruitstücke im Obstsalat enthäutet und entkernt hatten. Echt komfortabel für den Genießer!
Zwei Tage hatten wir, um uns an die neue Zeit und das noch kalte Klima zu gewöhnen. So probten wir nachmittags ein wenig in einem angemieteten Rehearsalstudio (Proberaum), wo Ralf von einem Fernsehteam interviewt wurde, das Wind von unserer Anwesenheit bekommen hatte. Noch ‘ne andere Band probte da, Greenslade, die ständig von Ralf abgewimmelt wurden, wenn sie ihn mal sprechen wollten. Ich fand das ganz schön arrogant. Mein Englisch war damals noch ziemlich schlecht, und deshalb wagte ich nicht, sie zu fragen, was sie wollten, aber wahrscheinlich war es nur ein Autogramm. Greenslade wurde jedenfalls für die erste Zeit unser ›Opening Act‹, unser ›Support‹. Bei uns heißt das schlicht Vorgruppe.
Am einem weiteren Nachmittag ließen wir uns vom berühmten New Yorker Starfotografen Maurice Seymour ablichten. Dieses Schwarzweißfoto wurde drei Jahre später unser Plattencover für die deutsche Ausgabe von Trans Europa Express. Bei einem Empfang in Florians Musikverlag ›Famous Music‹, in einem der vielen Wolkenkratzer in Brooklyn, gab es eine kleine Party. Man beäugte uns wie Außerirdische. Am großen Konferenztisch saß eine Mitarbeiterin, die mir sofort auffiel. Eine äußerst aparte junge Frau, die indianisch wirkte mit ihren schwarzen langen Haaren, dem scharf geschnittenem Gesicht, den mandelförmigen Augen und der getönten Haut. Sie sandte intensive Blicke in meine Richtung. Anscheinend war ich ihr sympathisch. Später wurde sie mir als Anne vorgestellt, die rechte Hand des Chefs. Anne plante für den nächsten Tag ein Picknick im Freien, das ich mit der alten Super-8-Kamera von Bell & Howell filmte, die mir mein Vater auf die Reise mitgegeben hatte. Ein paar Decken, ein paar Tüten mit Sandwiches, Kuchen, Kaffee und Donuts waren schnell organisiert, und wir spielten Frisbee im noch kahlen, aber sonnigen Central Park. Wir machten nur Blödsinn an diesem kalten Apriltag und Anne gefiel mir immer besser. Ich hatte noch nie eine so hübsche Frau gesehen. Ihre Schönheit machte mich vollkommen verrückt und unsicher, und das schritt rapide voran. Bald dachte ich nur noch an sie. Sie hatte mir immer wieder Blicke zugeworfen, die absolut unmissverständlich waren. Auf eine Gelegenheit für mehr musste ich aber noch warten.
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