«Eine Stimme ertönte darauf mitten aus dem vom Himmel herabkommenden Feuer […], indem die Flamme sich zu artikulierenden Lauten wandelte, die den Hörenden vertraut waren, wobei das Gesprochene so deutlich klang, dass man es eher zu sehen als zu hören glaubte.»16
Auch wenn bei den Augenzeugen des von Lukas gestalteten Sprachenwunders in der Pfingsterzählung an Jüdinnen und Juden aus der Diaspora gedacht ist, so klingt in den verschiedenen Sprachen, von denen hier die Rede ist, bereits die Ausbreitung der Christusbotschaft «bis an die Enden der Erde» (Apg 1,8) an, wie es die Apostelgeschichte im Anschluss erzählen und dabei auf Schritt und Tritt deutlich machen wird, wie sehr dieser Weg von eben dieser Geistkraft bewirkt und begleitet wird.
1.5.3
Christusgläubige Gemeinden in Jerusalem
Aus den Traditionen, die Lukas in seiner Apostelgeschichte verarbeitet hat, lassen sich einige bemerkenswerte Aspekte aus dem Leben der ersten Jesusgemeinschaft in Jerusalem gewinnen, sowohl was das Gemeindeleben angeht als auch was ihre Aktivitäten im Kontext der Stadt Jerusalem betrifft. So gehen die Texte wie selbstverständlich davon aus, dass sich |27| die Zwölf und die anderen Mitglieder der Gemeinde im Jerusalemer Tempel aufhalten. Bereits das Lukasevangelium hatte damit geendet, dass die Jüngerinnen und Jünger, nachdem der Auferstandene in der Nähe von Betanien unweit von Jerusalem von ihnen geschieden war, nach Jerusalem und speziell in den Tempel zurückkehrten:
«Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verliess er sie und wurde zum Himmel emporgehoben; sie aber fielen vor ihm nieder. Dann kehrten sie in grosser Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.» (Lk 24,50–53)
Ähnlich geht auch die Apostelgeschichte von Anfang an davon aus, dass sich die Jesusanhängerschaft regelmässig im Tempel aufhält (Apg 2,46 u. ö.). Explizit wird erwähnt, dass man sich «zum Gebet» in den Tempel begibt (Apg 3,1; 21, 26 ff.), dass die Apostel auf dem Tempelareal verkündigten (Apg 3,11–26; 5,20 f.42 u. ö.) und Heilungen vollbrachten (Apg 3,2–10). Das Tempelareal ist aber auch Ort von Konflikten mit jüdischen Behörden (Apg 4). Einerseits ist in diesem Erzählzug ein spezifisch lukanisches Darstellungsinteresse zu beobachten, der dem Tempel in seinen Schriften insgesamt eine besondere Bedeutung zuweist.17 Anderseits sind darin auch historische Erinnerungen enthalten. Ob sich die Jesusgruppe auch mit eigenen Opfern am Tempelkult beteiligte, ist den Texten nicht eindeutig zu entnehmen; doch könnte die kleine Szene in Apg 21,26, die selbstverständlich davon ausgeht, dass für Paulus und seine Begleiter nach der vorgeschriebenen Reinigung Opfer dargebracht werden, auf eine solche anfängliche Opferpraxis der Jerusalemer Jesusgemeinschaft hindeuten.18
Zunehmende Bedeutung als Versammlungsorte der entstehenden Gemeinschaften gewannen private Häuser, in denen man sich zum «Gebet» (Apg 1,14 u. ö.) sowie zum «Brotbrechen» traf (Apg 2,42 u. ö.). Gemeinsame Mähler gehörten von Anfang an zur Praxis in der Jesusnachfolge und |28| bildeten den Ausgangspunkt auf dem Weg zur Herausbildung der spezifischen urchristlichen Gottesdienstpraxis.19
Die von Lukas so betonte Gemeinschaft und die gemeinsamen Mähler haben auch einen konkreten sozialen Hintergrund: Die ersten Jesusanhängerinnen und -anhänger entstammten nicht den wohlhabenden Schichten, sondern gehörten zu den relativ und absolut Armen.20 Paulus spricht in Röm 15,26 explizit von den «Bettelarmen» (ptochoi) in der Gemeinde von Jerusalem, denen sein umfangreiches Kollektenprojekt zugutekommen sollte.21 In einem solchen Kontext sind gemeinschaftliche Mähler von kaum zu überschätzender lebenspraktischer Bedeutung, ganz ähnlich wie dies bereits in der ersten Jesusbewegung der Fall gewesen war. In jenen Mählern Jesu, die ihm die Beschimpfung als «Fresser und Weinsäufer» (Lk 7,34) eingebracht hatten, war die Wirklichkeit des Reiches Gottes konkret zu erleben, und zwar sowohl was die Fülle der für alle zur Verfügung stehenden Speisen betraf als auch im Blick auf die alle menschengemachten Grenzen überschreitende Gemeinschaft.
Das Überleben und Zusammenleben der Jerusalemer Jesusgemeinschaft wurde nach dem Bild, das die Apostelgeschichte zeichnet, ganz konkret durch Gütergemeinschaft ermöglicht (Apg 2,45; 4,32–37). Gewiss entwirft Lukas dadurch ein idealisierendes Bild von den Anfängen der Jerusalemer Gemeinde. Nicht zuletzt zeigen gerade die positive Hervorhebung von vorbildhaften Einzelfiguren wie Barnabas (Apg 4,36 f.) auf der einen Seite sowie Negativerzählungen wie diejenige über den Betrug von Hananias und Sapphira (Apg 5,1–11) auf der anderen, dass es wohl nicht immer so ideal zugegangen ist. Dennoch: Historisch gesehen lässt gerade das Beispiel des Barnabas, der als ein aus der Diaspora zugewanderter Jude charakterisiert wird, auf einen innergemeindlichen Güteraustausch schliessen, bei dem wohlhabendere Gemeindemitglieder vornehmlich aus der Diaspora die |29| ärmeren aus Galiläa stammenden Jesusnachfolger sowie Witwen und andere Mittellose materiell unterstützten.22
Wenn Lukas also von der Gütergemeinschaft der Jerusalemer Jesusgemeinschaft spricht, greift er damit zwar auch jüdische und griechische Sozialutopien auf und stellt seiner Leserschaft ein idealisiertes Bild der Anfänge vorbildhaft vor Augen, um sie zu einer ähnlichen Praxis zu motivieren. Doch können wir seiner idealisierenden Darstellung durchaus einen historischen Kern entnehmen, wonach «das gemeinsame Leben der Ekklesia nicht nur durch religiösen, sondern auch durch einen gewissen ökonomischen Austausch bestimmt war.»23
1.5.4
Leitungsstrukturen und Führungsfiguren
1.5.4.1
Der Zwölferkreis
Nach dem Bild der Apostelgeschichte liegt der Ursprung der Jerusalemer Jesusgemeinschaft beim Zwölferkreis, der durch Frauen, Brüder bzw. Geschwister Jesu sowie die Mutter Jesu ergänzt wird. Die Gruppe derer, die sich nach der Aufnahme Jesu in den Himmel im «Obergemach» versammelte, wird folgendermassen beschrieben:
«Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus. Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.» (Apg 1,13 f.)
Manches spricht dafür, dass der Zwölferkreis nach seiner Rückkehr nach Jerusalem24 dort zunächst eine führende Funktion in der entstehenden Jesusgemeinschaft eingenommen hat. Allerdings wird eine wirkliche Leitungsfunktion des Zwölferkreises nur in Apg 6,2 vorausgesetzt: Hier treten die |30| Zwölf als diejenigen auf, die aufgrund der Konflikte bei der Versorgung von Witwen die gesamte Jüngerschaft einberufen, um nach einer Lösung zu suchen. Ansonsten scheinen sie eher eine symbolische Bedeutung gehabt zu haben, indem sie die Hoffnung auf die Wiederherstellung des Zwölfstämmevolkes verkörperten.25
Für die Darstellung des Lukas ist es von grosser Bedeutung, dass der Zwölferkreis nach dem Ausscheiden des Judas durch eine Nachwahl wieder vervollständigt wird (Apg 1,15–26); denn dieser Zwölferkreis garantiert für ihn die Kontinuität von der Zeit des Lebens Jesu über den Bruch des Karfreitags hinweg bis in die Zeit der beginnenden Kirche. Dies zeigt besonders deutlich die Erzählung über die Wahl des Matthias in den Zwölferkreis; denn als Aufnahmebedingung für das nachzuwählende Mitglied dieses Kreises wird die Präsenz während der gesamten Zeit des Wirkens Jesu bis hin zu seiner Aufnahme in den Himmel gefordert. Als besondere Aufgabe wird das Bezeugen der Auferstehung Jesu genannt:
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