Gillian McCain - Please Kill Me

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Dieses Buch erzählt die ereignisreiche Geschichte des amerikanischen Punk. Da die Verfasser ausschließlich
Aussagen von Zeitzeugen verwendet haben, liest sich das Buch beinahe wie ein Roman.
In chronologischer Reihenfolge fügt sich nahtlos Zitat an Zitat, als säßen die Interviewten in einer großen Runde beisammen, um sich mit dem Erzählen abzuwechseln. Der Leser taucht ein in die
verrückte Welt des Rock'n'Roll, mit all ihren Freuden und auch Schattenseiten. Denn life's meist a bitch.
Was die Musikrebellen wollten, war Authentizität, keine Märchenstunde. Die Berichte, Anekdoten und Erinnerungen von Leuten wie Wayne Kramer, Patti Smith, Jim Carroll und Dee Dee Ramone bilden ein schillerndes Kaleidoskop, jenen Teil amerikanischer Musikgeschichte betreffend, der in den Sechzigern seinen Anfang nahm, als Velvet Underground in Warhols Factory-Umfeld erste Konzerterfahrungen sammelten.
Ebenso ausführlich wird über MC5 aus Detroit und deren «Kleiner-Bruder-Band» Iggy & The Stooges berichtet. Es folgen Stories über die Toy Dolls, Ramones, Blondie etc., und natürlich darf der legendäre CBGB-Club nicht unerwähnt bleiben. «Please Kill Me» ist ein amüsantes und informatives Lesevergnügen, das zudem wieder enorm Lust macht, seine alten Platten aufzulegen.

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John Sinclair: Wir haben darauf bestanden, dass wir 1968 beim Festival of Life während der Democratic Convention in Chicago auftreten konnten. Wir waren diese erfolgshungrige Band aus Detroit – wir wollten bekannt werden, wir woll­ten Aufmerksamkeit, wir wollten einen Schallplattenvertrag, um es auf den Punkt zu bringen.

Gleichzeitig wollten wir aber dazugehören, weil sich all das absolut mit unserer eigenen Weltsicht deckte. Um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, sagten wir uns: Wenn wir dort auftreten, können wir Teil des Festival of Life sein und treffen sogar möglicherweise noch irgendwelche Journalisten, die über uns schreiben. Vielleicht wird ja sogar Norman Mailer auf uns aufmerksam!

Wayne Kramer: Ungefähr eine Stunde vor unserem Auftritt kamen ein paar Typen auf uns zu und boten uns Haschischplätzchen an: „Esst aber bitte nur eines, sie sind nämlich sehr stark.“ Deshalb aßen wir natürlich jeder nur eines, aber irgendwann haben wir uns alle vier oder fünf von diesen Dingern geteilt: „O ja, lass mich auch noch mal abbeißen, ich merke nämlich überhaupt nichts, merkst du was? Nein, überhaupt nichts. Ich brauch noch mehr.“

Als es dann Zeit für unseren Auftritt war, merkte ich plötzlich, wie mir das Zeug einfuhr. Ich war total stoned. Ich glaube, wir spielten gerade unseren Song „Starship“ und waren mitten in dieser Spacemusik drin und redeten über den Krieg und den menschlichen Rasenmäher und so weiter, und auf einmal ratter­ten die Chicagoer Polizeihubschrauber über unseren Köpfen.

Sie kamen immer tiefer, direkt auf uns zu, und das Geräusch der Hub­schrauber passte perfekt zu meinem Gitarrenspiel – ja, Mann, das war wirk­lich perfekt, waaaaahhhhh!

Im Publikum gab es jede Menge Agents provocateurs von der Polizei, und die fingen plötzlich an, Schlägereien anzuzetteln und die Leute rumzuschubsen – Typen in diesen Armyjacken mit kahl rasierten Schädeln und Sonnenbrillen. Das sorgte sofort für schlechte Vibes. Und diese ganze Aktion machte für mich absolut Sinn.

Stoned, wie ich war, machte es für mich absolut Sinn. Das passte perfekt ins Bild.

Dennis Thompson: Als ich all diese Bullen sah, ging mir nur ein einziger Gedanke durch den Kopf: Herr im Himmel, wenn das hier die Revolution sein soll, sind wir aber verloren. Ich dachte, das war’s jetzt wohl. Ich schaute über meine Schulter und sah keinen einzigen Bus von den anderen Bands.„Hey, John Sinclair, wo sind denn all die anderen?“

Das war wie Custer und die Indianer – „Wo ist die Kavallerie?“ Es war keiner da! Ich dachte, außer uns wären noch andere Bands hier! Wo ist Janis Joplin? Sie sollte doch auch hier sein, sie wollte uns doch das Bier mitbringen … Au, Scheiße!

Es müssen an die vier­oder fünftausend Kids gewesen sein, die da im Lin­coln­Park rumsaßen. Wir haben ungefähr fünf oder sechs Songs gespielt, und plötzlich kam berittene Polizei mit Schlagstöcken in den Park gestürmt. Der gesamte Park war von Polizisten umstellt. Im wahrsten Sinn des Worts umstellt – mit Helikoptern und allem, was dazugehört.

John Sinclair: Abbie Hoffman stieg auf die Bühne, schnappte sich das Mikro­fon und stimmte eine Art Rapgesang an über „die Schweine“ und „die Belage­rung Chicagos“.

Ich sagte: „Nein, meine Lieben, das verheißt nichts Gutes“, und irgendwie versuchte ich den anderen zu signalisieren:„Lasst uns verdammt noch mal zuse­hen, dass wir hier wegkommen.“

Die Roadies begannen fieberhaft, alles einzupacken, alles, außer dem Mikro­fon, das Abbie benutzte. Schließlich sagten sie: „Also, Abbie, tut uns leid, aber es geht leider nicht anders … wir sollten ganz schnell von hier verschwinden.“

Wayne Kramer: Wir sind mit unserem Transporter einfach direkt an die Bühne gefahren und haben die ganze Scheiße hineingeschmissen. Ich war total bekifft und wusste, dass in der Minute, in der wir zu spielen aufhören würden, die Kra­walle losgehen würden. Das hatten wir bereits mehr als einmal beobachten kön­nen – wir wussten, dass die Menge jetzt nichts mehr hätte, worauf sie sich hätte fokussieren können, sobald wir aufhören würden zu spielen, und dass im Hand­umdrehen die Krawalle losgehen würden. Und so war es dann auch.

John Sinclair: Ich drehte mich um und sah, wie dieses Heer von Polizisten auf das Publikum losstürmte. Wir sind mit unserem Transporter quer über die Wiese gefahren und haben uns nicht um irgendwelche Wege gekümmert, weil wir einfach nur so schnell wie möglich zum Ausgang wollten.

Dort stand der Wagen der Gruppe Up, die aus Ann Arbor angereist war, und wir sagten ihnen, dass sie so schnell wie möglich wieder umkehren müssten.

Wir konnten zum Glück entkommen, hahaha. Wir sind schnurstracks nachhause gefahren. Aber danach gehörten wir irgendwie dazu.

Aber trotzdem war ich immer froh, dass wir aus Chicago flüchten konnten und unsere Instrumente heil geblieben sind, weil wir ja schließlich weiterhin Musik machen mussten – wir hatten ja nicht vor, in den nächstbesten Flieger zu steigen, um im nächsten College für fünftausend Dollar eine Rede zu halten, sondern wir fuhren zurück nach Michigan, um für zweihundert Dollar in irgendwelchen Teenieclubs aufzutreten.

Dennis Thompson: Chicago hätte eigentlich ein Ort der Solidarität sein sollen, verdammt noch mal. So was schimpft sich also Alternativkultur? Das kann ja wohl nicht sein. Wo waren denn all die anderen Bands?

Außer uns hat sich dort niemand blicken lassen. Das war’s, was mich am meisten angekotzt hat. Mir war klar, dass die Revolution in diesem Augenblick vorüber war – ich schaute über meine Schulter, und keine Sau war da! Wir waren diejenigen, die an den Galgen geliefert werden würden. Ich sagte: „Das war’s denn wohl. Es gibt keine Revolution. Die existiert nicht. Das ist alles Blöd­sinn. Die Bewegung ist tot.“

Danny Fields: Am ersten Herbstwochenende 1968 habe ich mich auf den Weg gemacht, um die Jungs von MC5 zu treffen. Sie haben mich am Flughafen abge­holt, und dann sind wir zu ihnen nachhause gefahren. Ich war einfach nur ver­blüfft. So etwas hatte ich vorher noch nicht erlebt. John Sinclair, der Manager von MC5, sprühte vor Charme, Energie und Intellekt. Und dann sein Aussehen und seine Statur – er war einer der beeindruckendsten Menschen, die mir je begegnet sind. Und dann dieses Haus!

Wayne Kramer: Kurz bevor die Krawalle in Chicago losgingen, sind wir 1967 wegen der Rassenunruhen in Detroit nach Ann Arbor umgezogen. Es war wirk­lich beängstigend. Ich lebte in einer Wohnung an der Ecke Second und Alexan­drine, und die ersten Morde passierten direkt in der Nachbarschaft. Die gingen allesamt auf das Konto der Polizei. Die Bullen sind einfach durchgedreht und haben eine Woche in der Gegend rumgeballert – und dabei vierzig oder fünf­zig Leute abgeknallt.

Danach war die Scheiße ziemlich am Kochen. Ein paar unserer Freundin­nen wurden vergewaltigt, und uns wurden ein paarmal unsere Instrumente geklaut. Immer wenn wir in unseren Übungsraum gegangen sind, war die Tür bereits aufgebrochen, und es waren drei Gitarren weniger da. Also sind wir in zwei Studentenwohnheime in Ann Arbor gezogen.

Danny Fields: In diesen Studentenwohnheimen ging es zu wie in einer Wikin­gerkommune. In jedem Haus gab es ungefähr einhundert Schlafzimmer, und jedes dieser Schlafzimmer war von seinen Bewohnern auf fast schon psyche­delische Art ausgestattet worden. Matratzen auf dem Fußboden, indische Tücher von den Decken, eben der typische Sechzigerjahre­Scheiß. Der Keller war gerammelt voll mit Druckerpressen, es gab Designstudios, Workshops und Dunkelkammern. Eine Menge Propagandaplakate wurde unten in der Drucke ­rei hergestellt. Und überall lagen rote Bücher herum. Mao­Bibeln, wohin das Auge sah. Ohne Mao­Bibel warst du nur ein halber Mensch. Es gab sie in allen Größen. und sie waren überall im Haus verstreut.

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