»Mrs. Jamieson hat mich soeben verlassen und teilte mir im Verlauf unserer Unterhaltung mit, dass sie gestern einen Besuch von dem ehemaligen Freunde ihres verehrungswürdigen Gatten, Lord Mauleverer, erhalten habe. Sie werden nicht leicht erraten, was Seine Lordschaft in den Bereich unserer kleinen Stadt führte. Er kam, um Hauptmann Brown zu besuchen, mit dem Seine Lordschaft, wie es scheint, in den afrikanischen Kriegen bekannt geworden war und der den Vorzug gehabt hatte, eine große Gefahr vom Haupte Seiner Lordschaft abzuwenden, fern am Kap der Guten Hoffnung, das seinen Namen zu Unrecht trägt. Sie wissen, wie sehr es unserer Freundin, Mrs. Jamieson, an harmloser Neugier mangelt, und werden daher nicht überrascht sein, dass sie mir nichts Näheres über die fragliche Gefahr mitteilen konnte. Ich muss gestehen, dass ich besorgt darum war, wie Hauptmann Brown einen so hochgestellten Gast in seinem beschränkten Haushalt aufnehmen könne, und es beruhigte mich, als ich hörte, dass Seine Lordschaft sich zur Ruhe und zu hoffentlich erquickendem Schlummer in den Gasthof ›Zum Engel‹ zurückzog, aber die Brown’schen Mahlzeiten während der zwei Tage teilte, an denen er Cranford durch seine erhabene Gegenwart beehrte. Mrs. Johnson, die Frau unseres Metzgers, teilte mir mit, dass Miss Jessie eine Lammkeule gekauft, aber von irgendeiner weiteren Vorbereitung zum Empfang eines so hochgestellten Besuches konnte ich nichts in Erfahrung bringen. Vielleicht bewirteten sie ihn mit ›Der Speise der Vernunft und dem Trank der Seele‹; und wir, die wir uns über Hauptmann Browns traurigen Mangel an Verständnis für die reinen, unverfälschten Quellen der englischen Sprache einig sind, können ihm gratulieren, dass ihm die Gelegenheit geboten wurde, seinen Geschmack durch die Unterhaltung mit einem eleganten und hochgebildeten Mitglied der britischen Aristokratie zu verbessern. Aber wer ist ganz frei von menschlichen Schwächen?«
Miss Pole und Miss Matty schrieben mir mit gleicher Post. Eine so große Neuigkeit wie Lord Mauleveres Besuch ließen sich die Cranforder Briefeschreiberinnen nicht entgehen, sondern nutzten die Gelegenheit weidlich aus. Miss Matty entschuldigte sich, dass sie zugleich mit ihrer Schwester schreibe, die so viel besser verstände, die Cranford zuteil gewordene Ehre zu schildern; aber trotz etwas mangelhafter Orthographie gab mir Miss Mattys Bericht den besten Eindruck von der Aufregung, die durch den Besuch des Lords hervorgerufen worden war; denn mit Ausnahme der Leute im »Engel«, der Familie Brown, Mrs. Jamiesons und eines kleinen Jungen, auf den Seine Lordschaft losgewettert hatte, weil er einen schmutzigen Reifen gegen seine aristokratischen Beine getrieben, konnte ich von niemandem hören, mit dem sich Seine Lordschaft unterhalten hätte.
Mein nächster Besuch in Cranford fand im Sommer statt. Es waren weder Geburten noch Todesfälle, noch Heiraten vorgefallen, seit ich zuletzt dort war. Jeder wohnte noch in demselben Hause und trug noch ziemlich dieselben gutgeschonten altmodischen Kleider. Das größte Ereignis war, dass Miss Jenkyns sich einen neuen Teppich für den Salon angeschafft hatte. Wie viel Arbeit machte es aber Miss Matty und mir, die Sonnenstrahlen zu verscheuchen, die nachmittags durch das Fenster, vor dem keine Rollladen waren, gerade auf den Teppich fielen! Wir breiteten Zeitungsblätter auf die Stellen aus und setzten uns mit Buch oder Handarbeit dazu; aber siehe, nach einer Viertelstunde war die Sonne weitergerückt und brannte auf eine neue Stelle, worauf wir wieder niederknieten, um die Zeitungen weiterzuschieben. Den ganzen Vormittag eines Tages, an dem Miss Jenkyns eine Gesellschaft gab, waren wir eifrig damit beschäftigt, nach ihren Angaben Stücke Papier auszuschneiden und zusammenzuheften, um kleine Fußwege nach den einzelnen für die Gäste bereitgestellten Stühlen zu bilden, damit ihre Schuhe nicht den Teppich beschmutzten oder verdarben. Legt man in London jemals für jeden Gast einen Papierweg?
Hauptmann Brown und Miss Jenkyns waren nicht sehr freundlich miteinander. Der literarische Streit, dessen Anfang ich miterlebt hatte, war ein wunder Punkt, dessen leiseste Berührung sie erregte. Es war die einzige Meinungsverschiedenheit, die sie je gehabt, aber sie genügte. Miss Jenkyns konnte es nicht lassen, auf Hauptmann Brown einzureden, und wenn er auch nicht darauf antwortete, so trommelte er doch mit den Fingern, was sie als Nichtachtung Dr. Johnsons übel nahm. Er übertrieb es ein wenig mit seiner Vorliebe für die Schriften von Boz; schritt ganz vertieft in sie durch die Straßen, so dass er einmal beinahe Miss Jenkyns umgerannt hätte; und obgleich er sich ernst und aufrichtig entschuldigte und schließlich ja nichts weiter getan hatte, als sie und sich selbst zu erschrecken, gestand sie mir doch, dass es ihr lieber gewesen wäre, er hätte sie umgestoßen, wenn er nur etwas literarisch Höherstehendes lesen wollte. Der arme wackere Hauptmann! Er sah älter und sorgenvoller aus, und seine Sachen waren sehr abgetragen. Aber er schien ebenso frisch und heiter zu sein wie sonst, solange man ihn nicht nach dem Befinden seiner Tochter fragte.
»Sie leidet sehr viel und wird noch mehr leiden müssen; wir tun, was wir können, um ihre Schmerzen zu lindern – nun, wie Gott will.« Bei diesen Worten nahm er seinen Hut ab. Ich erfuhr durch Miss Matty, dass wirklich alles geschehen war, was man nur tun konnte. Man hatte einen in der ganzen Gegend berühmten Arzt kommen lassen, und alle seine Vorschriften wurden ohne Rücksicht auf die Kosten befolgt. Miss Matty war überzeugt, dass Vater und Schwester sich vieles versagten, um es der Kranken angenehmer zu machen, aber sie sprachen nie darüber; und was Miss Jessie betraf! – »Ich halte sie für einen wahren Engel«, sagte Miss Matty ganz gerührt. »Es ist zu schön, zu sehen, wie sie Miss Browns schlechte Laune erträgt und was für ein heiteres Gesicht sie macht, nachdem sie die ganze Nacht aufgewesen und beinahe immerzu ausgeschimpft worden ist. Und doch sieht sie, wenn der Hauptmann zum Frühstück kommt, so nett und ordentlich aus, als ob sie die ganze Nacht im Bett der Königin geschlafen hätte. Meine Liebe, Sie würden nicht über ihre steifen Löckchen oder ihre rosa Schleifen lachen, wenn Sie sie so sehen könnten, wie ich sie gesehen habe.« Ich konnte nichts tun, als lebhafte Reue zu empfinden und Miss Jessie beim nächsten Wiedersehen doppelt achtungsvoll zu begrüßen. Sie sah blass und elend aus, und ihre Lippen zuckten, als ob sie sich sehr schwach fühlte, während wir von ihrer Schwester sprachen. Aber sie heiterte sich auf und unterdrückte die Tränen, die in ihren hübschen Augen schimmerten, als sie sagte: »Man kann gar nicht genug die Güte und Freundlichkeit in Cranford rühmen! Ich glaube, es kommt nicht vor, dass jemand einmal ein besseres Mittagessen als gewöhnlich hat, ohne dass meiner Schwester ein Schüsselchen vom Besten davon geschickt würde. Die ärmeren Leute bringen uns sogar ihr erstes Gemüse für sie. Dabei reden sie kurz und grob, als ob sie sich dessen schämten; aber es geht mir oft zu Herzen, wenn ich ihre Fürsorglichkeit sehe.«
Jetzt kamen die Tränen reichlich geflossen, aber nach ein paar Minuten schalt sie sich schon deshalb aus, und als sie fortging, war sie wieder die alte fröhliche Miss Jessie.
»Aber warum tut dieser Lord Mauleverer denn nicht etwas für den Mann, der ihm das Leben gerettet hat?«, fragte ich.
»Ja, sehen Sie, ohne Veranlassung spricht Hauptmann Brown nie von seiner Armut; er stolziert so vergnügt und glücklich wie ein Prinz mit Seiner Lordschaft umher; und da sie nie durch Entschuldigungen auf ihr Essen aufmerksam machten und Miss Brown sich in dieser Zeit besser fühlte und alles einen heiteren Anstrich hatte, so glaube ich, dass Seine Lordschaft gar nicht ahnte, wie viel Sorge im Hintergrunde schlummerte. Im Winter schickte er ihnen häufig Wildbret, aber jetzt ist er ins Ausland gereist.«
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