Neben David Bowie und Marc Bolan hatte noch eine Reihe anderer Künstler in Morrisseys Teenagerjahren großen Einfluss auf ihn, etwa Mott The Hoople. Als er im Mai 2006 im Opernhaus von Manchester auftrat, verkündete er, dass er Mott The Hoople dort im November 1973 gesehen hatte. Damals im Vorprogramm: Queen.
„Ich habe Bolan und Mott The Hoople 1972 zum ersten Mal gesehen“, erzählte mir Morrissey. (Mott waren im Februar 1972 auch in der Free Trade Hall in Manchester aufgetreten.) „Außerdem noch Bowie vor Aladdin Sane. Diesem Album konnte ich nicht mehr so viel abgewinnen. Es gibt aber auch schon ein paar Stücke auf Ziggy Stardust, ohne die ich ganz gut leben kann. ‚Starman‘ gefiel mir noch ganz gut, und dann natürlich die älteren Sachen. Die drei Alben vor Ziggy Stardust fand ich jedoch wesentlich ansprechender.“
Am meisten aber begeisterte sich Morrissey für die schrillen, tuntigen New York Dolls (deren Management für kurze Zeit der Sex-Pistols-Macher Malcolm McLaren übernahm). Er wurde sogar Präsident des britischen Fanclubs der Gruppe, die im November 1972 eigentlich im Hard Rock Café in Manchester hätte auftreten sollen, wenn nicht der Schlagzeuger Billy Murcia völlig unerwartet im Alter von 21 Jahren verstorben wäre. Somit hatte Morrissey zunächst keine Gelegenheit, seine neuen Helden zu bewundern. „Im Jahre 1973 waren die Dolls totale Außenseiter“, erinnerte er sich später.
Obwohl er einmal betonte, er habe „sie stets als absolut männliche Gruppe betrachtet und nie auch nur im Entferntesten für effeminiert gehalten“, so beschrieb sein 1981 erschienenes Buch The New York Dolls die Band doch als „transsexuelle Junkies … heruntergekommene Halbstarke, die als bisexuelle Psychopathen posierten … Dass sie wie verhärmte Huren aus einem B-Movie der Fünfziger wirkten, tat aber nichts zur Sache. Nichts konnte einen von dieser Musik ablenken.“ In einer Dokumentation aus dem Jahre 2006 über Arthur „Killer“ Kane, den damals frisch ausgestiegenen Bassisten der Dolls, beschrieb er das Aussehen der Band mit den Worten „männliche Prostituierte“.
Wenn Billy Fury eine tragische Figur unter den Solokünstlern war, dann gab es bei den Bands kaum jemanden, den es härter traf als die New York Dolls. Johnny Thunders und Jerry Nolan, die ausstiegen, um gemeinsam mit Richard Hell die Heartbreakers zu gründen, starben ebenfalls relativ jung. Anfang 1983 spielten die Smiths im Rafters Club in Manchester im Vorprogramm von Richard Hell.
„Die New York Dolls waren mein persönliches ‚Heartbreak Hotel‘, in dem Sinne, dass sie für mich so wichtig waren wie Elvis Presley für die gesamte Sprache des Rock’n’Roll“, erklärte Morrissey später. „Die New York Dolls waren die beste Band, die Amerika jemals hervorgebracht hatte, doch in Amerika wurden sie damals gehasst. Sie waren eine frühe Version der Sex Pistols, und wenn Amerika und die amerikanische Musikindustrie 1972 und 1973 schlau genug gewesen wäre, hätten die New York Dolls sehr viel verändern können. Die Musikpresse besitzt die besondere Fähigkeit, etwas erst dann zu erkennen, wenn es längst vorbei ist. Sie sind nie da, wenn es wirklich interessant wird. Sie interessierten sich nie für Patti Smith. Sie interessierten sich auch nie für die Ramones, als diese unglaubliche Platten machten. Ebensowenig interessierten sie sich für die New York Dolls. Für Mötley Crüe, ja, aber nicht für die New York Dolls.“ 14
Zu den treibenden Kräften hinter Morrisseys eigener Karriere gehörte stets der missionarische Eifer, andere von der Wichtigkeit seiner persönlichen musikalischen Vorlieben zu überzeugen. Als sich der Erfolg einstellte, förderte er großzügig neue Talente von Phranc, Easterhouse und James bis hin zu den Killers, den Ordinary Boys und Kristeen Young. Er kann und will die wichtigsten Einflüsse auf seine eigene Musik nicht vergessen und bemühte sich, ihre Namen am Leben zu erhalten. Dies gilt besonders für die New York Dolls, die er 2004 eigens für das von ihm geleitete Meltdown Festival in der Londoner Royal Festival Hall wieder zusammenbrachte. Auf seiner Tournee im selben Sommer spielte die Band im Vorprogramm. In einer E-Mail, die er mir im Juli 2004 aus Chicago schickte, brachte er seine große Trauer über den Tod von Killer Kane zum Ausdruck.
Morrissey hat stets die Bedeutung seines eklektischen Musikgeschmacks betont: „Wenn ich einfach nur ein begeisterter Fan der Stooges oder der Dolls wäre … würde ich wahrscheinlich bei The Alarm Bass spielen. Das tue ich aber nicht, weil mir auch Buffy Sainte-Marie ganz gut gefällt.“ In seiner Jugend jedoch spielten die Dolls eine übergeordnete Rolle. Sie veränderten sogar die gesamte britische Musiklandschaft, indem sie den langsamen Tod des Prog-Rock beschleunigten und einen ersten Vorgeschmack auf den Punk gaben. Morrisseys Interesse galt bald Amerika und der New Yorker New Wave-Szene, die um den Club CBGB entstand und der Künstler wie die Ramones, Blondie und insbesondere Patti Smith angehörten.
Wie die New York Dolls kann auch die Rolle von Patti Smith in Morrisseys künstlerischer Entwicklung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihr außergewöhnliches Album Horses war einer der wichtigsten gemeinsamen Nenner mit Johnny Marr. Die gemeinsame Verehrung ihrer Arbeit führte schließlich zur Wahl des Bandnamens The Smiths. Songs wie „Piss Factory“ und „Radio Ethiopia“ hinterließen gewaltigen Eindruck bei Morrissey, und ihre enge Verbindung zu Leuten wie Allen Ginsberg und Robert Mapplethorpe machte sie zu einer schillernden Gestalt der New Yorker Szene.
„Ich reiste nach Birmingham, um sie zu sehen – eine absolut faszinierende Frau“, erinnerte sich Morrissey 2003. „In der Drogerie Boots in Macclesfield kaufte ich ihr Album Horses, es war eine Importplatte. Da muss wohl ein ziemlich seltsamer Typ in der Einkaufsabteilung gesessen haben. Tagelang hörte ich mir das Album immer wieder an – ich war gerade sechzehn Jahre alt und vollkommen hin und weg davon.“
Morrissey coverte später Pattis „Redondo Beach“ und trat ein weiteres Mal in Smiths Fußstapfen, als er Leben und Arbeit von Pier Paolo Pasolini Tribut zollte. Mapplethorpe fotografierte Patti Smith einmal vor einem Bildnis Pasolinis, auf das jemand geschrieben hatte „Pasolini est vie (Pasolini ist Leben)“. In „You Have Killed Me“ erwies Morrissey mit dem Satz „Pasolini is me (Pasolini bin ich)“ dem ermordeten Regisseur des Films Accatone die Ehre. Auf seiner Tournee zu „Ringleader Of The Tormentors“ im Jahre 2006 verwendete er ein fast wie ein Heiligenbild anmutendes Foto von Pasolini als Bühnenhintergrund.
Patti Smith gehörte noch einem anderen Dunstkreis an, der Morrissey faszinierte: Andy Warhols Factory, welche die Kunstszene New Yorks in den Sechzigern und Siebzigern beherrschte. Interessanterweise hieß einer der engsten Mitarbeiter Warhols ebenfalls Morrissey – Paul. Im Hinblick auf Morrisseys 1993 veröffentlichtes Soloalbum Beethoven Was Deaf bleibt an dieser Stelle noch anzumerken, dass Paul Morrissey bei einem Film mit dem Titel Beethoven’s Nephew Regie führte, in welchem der taube Komponist als unsympathischer Onkel dargestellt wurde. In einem anderen Film von Paul Morrissey, Women In Revolt, trat die transsexualle Candy Darling auf (Cover-Star der Smiths-Single „Sheila Take A Bow“).
Die brodelnde Musikszene New Yorks, die der britischen Punkbewegung fast zwei Jahre voraus war, hatte auch Malcolm McLaren, den künftigen Manager der Sex Pistols, angezogen, der von dort viele Eindrücke mit nach London nahm. Besonders beeindruckt hatte ihn Richard Hell von Television, der erste „Punk“, der seine Überzeugung mit stacheligem Irokesenschnitt, zerrissenem T-Shirt und leerem Gesichtsausdruck nach außen trug. McLaren versuchte, ihn dazu zu überreden, nach London umzuziehen. Als ihm dies nicht gelang, drückte er den Pistols 1975 denselben Look auf. Unter den mutigen Besuchern des Sex-Pistols-Konzerts in der Lesser Free Trade Hall in Manchester am 4. Juni 1976 war auch Morrissey. (Später traten dort auch die Smiths auf – am 13. März 1984, gemeinsam mit Sandie Shaw, und am 30. Oktober 1986.)
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