Riley fing mit seiner Kamera auch die Realität der echten Coronation Street ein, mit den raufenden Kindern armer Familien, den Schornsteinfegern und ausgemergelten Männern, den schnatternden Hausfrauen mit Lockenwicklern, der „Frau mit einem Klumpfuß, Hodge Lane, 1966“, der Wäsche in den Hinterhöfen, den engen Gassen, bissigen Hunden und eisernen Brücken …
Dem Verschwinden dieser Stadtlandschaft mag man, insbesondere während des wirtschaftlichen Aufschwungs und einer anlaufenden PR-Kampagne zur Aufwertung bestimmter Stadtbezirke von Manchester, kaum nachtrauern. Und doch lebt sie in Morrisseys Erinnerung, seinen Texten („all diese Menschen, all diese Leben“), seinen Songtiteln und seiner Bildsprache weiter.
Ich glaube jedoch nicht, dass er diese Erinnerung nur bewahrt, um die wirtschaftliche Depression zu verherrlichen oder bewusst irgendeine Fantasievorstellung von der guten alten Zeit heraufzubeschwören. Ich glaube, er hält ein Bild hoch und sagt: „So war es, so erinnere ich mich daran, vielleicht sollten wir diese Welt nicht vergessen, aus der einige von uns stammen.“
Dies ist abermals mehr Realismus als Pessimismus. Das alte Salford wurde abgerissen, was wohl im Großen und Ganzen das Beste war, doch vielleicht sagt Morrissey, dass dabei etwas verloren ging; bestimmte Teile von Manchester sehen zunehmend aus wie amerikanische Handelsplätze. Auf vielen von Rileys Fotografien sind Kinder und alte Menschen auf den Straßen von Salford zu sehen. Wie Morrissey später bemerkte, scheinen die Stadtplaner bei der Neugestaltung Manchesters die alten Leute ganz aus dem Stadtbild verdrängt zu haben. 6
Erzählen Sie mir von Ihrer Schulzeit.
Morrissey: „Ich besuchte eine Schule, an der es viel Gewalt gab.“
St. Mary’s in Stretford?
„Ja. Es war völlig irre dort.“
Wie gingen Sie damit um?
„Ich ging nicht in die Schule.“ Er lacht. „Ich ging nach links anstatt nach rechts. Ich ging bummeln. Aber mal im Ernst – die letzten zwei Jahre waren ziemlich schlimm. Es war sehr ärgerlich. Die Lehrer waren zum Kotzen. Diese ganze schmuddelige Schule. Man hatte ja sowieso keine Zukunft. Es gab Anfang der Siebziger viele Streiks, Stromausfälle, keine Elektrizität, keine Kohle, also dachte ich: Was soll’s? Ich saß zu Hause und plante die Werbekampagne für The Queen Is Dead.“
In Ihren Texten kommen Sie immer wieder auf diese Zeit zurück.
„Ja, es war eine Zeit, die sich sehr stark eingeprägt hat. Es war, als hätte man einen Krieg mitgemacht, und Leute, die einen Krieg mitgemacht haben, können das nie ganz vergessen. Es war furchtbar und ermutigend zugleich und formte den Charakter. Aber es war auch tragisch. Es war bestimmt interessant, in dieser Zeit ein Teenager zu sein, aber trotzdem war das Leben weder leicht noch finanziell sorgenfrei. Alle, die ich kannte, waren bettelarm.“
Es ist offensichtlich, dass die Erfahrungen aus seiner Schulzeit ein reiches Reservoir für seine Texte bei den Smiths („The Headmaster Ritual – Das Schulleiterritual“) und für die Stücke seiner Sololaufbahn bildeten („Late Night, Maudlin Street – Spätnachts, Maudlin Street“). Der Arbeitstitel von Viva Hate hatte spöttisch „Education In Reverse – verkehrte Bildung“ gelautet. Damals jedoch wurde er offenbar sehr verletzt: „Wenn du zu klug bist, hassen sie dich und verachten dich und werden dich zerbrechen … es gelang ihnen, mir beinahe mein ganzes Selbstvertrauen zu nehmen.“ 7
„Weißt Du, es gibt noch mehr im Leben als Bücher, aber so viel mehr auch nicht“, sang Morrissey in dem frühen Smiths-Stück „Handsome Devil“. Angesichts der unvorteilhaften äußeren Umstände seiner Kindheit scheint es kaum verwunderlich, dass die Arbeit seiner Mutter als Bibliothekarin und ihre Liebe zu Büchern auf den schüchternen jungen Steven abfärbten.
„Als Kind war ich von Büchern umgeben, was mir ab einem bestimmten Punkt zum Verhängnis wurde. Es kommt so weit, dass man nicht mehr an die Haustüre gehen kann, ohne das Ganze gleich fürchterlich analytisch zu betrachten.“
Schon früh regten die Werke von Thomas Hardy und ganz besonders Charles Dickens seine Fantasie an. „Dickens finde ich sehr aufregend, weil er ein entsetzlich grüblerischer Mensch war, schrecklich verbittert und ziemlich depressiv … Ich liebe diese harte, trostlose Beschreibung des East End, diese schmutzigen, gewundenen Gassen voller verlorener Menschen … wie unser Freund Fagin.“ Bei anderer Gelegenheit, als er sich gegen die häufige Darstellung seiner Person in den Medien verwandte, erklärte er: „Die Leute denken immer, ich sitze angestaubt in der Ecke und lese Harte Zeiten.“
Daneben begeisterte sich der junge Morrissey für die Theaterstücke der ebenfalls in Manchester lebenden Shelagh Delaney, deren Bitterer Honig er ungemein inspirierend fand und die später auf mehreren Smiths-Covers zu besonderen Ehren kam (insbesondere auf „Louder Than Bombs“ und „Girlfriend In A Coma“). Die Verfilmung, bei der Tony Richardson Regie führte, fing die raue, industrielle und im Verschwinden begriffene Stadtlandschaft von Salford und Manchester ein, mit ihrem Kanal und den „schmutzigen Kindern“. Im Mittelpunkt stehen die Beziehungen der Hauptfigur Jo zu Jimmy (einem schwarzen Seemann, von dem sie schwanger wird) und Geoffrey, einem jungen Schwulen aus Manchester – „Ich wollte schon immer einmal wissen, wie Leute wie du sind“, sagt Jo zu Geoffrey. Für das damalige Kinopublikum war so etwas inhaltlicher Sprengstoff.
Viele von Delaneys Zeilen sollten sich später in Morrissey Texten wieder finden. An einer Stelle etwa sagt Jimmy zu Jo: „I dreamt about you last night, fell out of bed twice (Letzte Nacht träumte ich von dir und fiel zweimal aus dem Bett).“ Als Jo erfährt, dass das Baby im November zur Welt kommen wird, fürchtet sie: „This baby’ll be born dead or daft … dieses Baby wird tot oder blöd geboren“, weil ihr Vater „lived in the land of the daft – im Land der Blöden lebte“. Geoffrey bringt Jo, die von Jimmy verlassen wurde, auf den Boden der Tatsachen zurück und sagt: „The dream’s gone but baby’s real enough – der Traum ist vorbei, aber das Baby ist wirklich genug“ (siehe Morrisseys „This Night Has Opened My Eyes“).
Auf Morrisseys Leseliste standen noch andere, im Hinblick auf das Thema Sexualität sogar noch eigenwilligere Schriftstellerinnen, darunter Radclyffe Hall, Germaine Greer und Djuna Barnes. Halls Hauptfigur in Quell der Einsamkeit ist ein verwirrtes Mädchen, die von ihrem Vater Stephen genannt wird, weil er sich einen Jungen gewünscht hatte. Barnes’ 1936 erschienener zweiter Roman Nightwood gilt heute als früher Klassiker der lesbischen Literatur. Als Morrissey heranwuchs, hatten bekennend schwule Autoren wie Edmund White (Abschiedssymphonie, Selbstbildnis eines jungen Künstlers, Gebrauchsanweisung für Paris …) ebenfalls Einfluss auf ihn. Der wichtigste Schriftsteller während seiner prägenden Jahre war und blieb jedoch Oscar Wilde.
Von seinem achten Lebensjahr an, ermuntert von seiner Mutter, verschlang Steven die Kindergeschichten von Oscar Wilde. Später jedoch gestand er: „Es ist ein Riesennachteil, wenn man sich für Oscar Wilde interessiert, insbesondere, wenn man aus dem Arbeitermilieu stammt. Es geht fast bis zur Selbstzerstörung.“
Es war Wilde, der einmal sagte: „Ich werde Dichter, Schriftsteller und Dramatiker werden. Irgendwie werde ich berühmt, und wenn nicht berühmt, dann wenigstens berüchtigt.“ Morrissey scheint dieses Credo gelesen zu haben. Da er in Hulme lebte, einem trostlosen Vorort Manchesters, beschloss er, seine ganze Energie und seinen ganzen Enthusiasmus dem Streben nach Ruhm zu opfern. „Ich dachte immer, berühmt zu werden, wäre das Einzige, wofür es sich zu leben lohnt, und dass alles andere nur pro forma wäre. Anonymität war einfach, fand ich; es war einfach, ein simples, nickendes Wesen zu sein, das den Bus besteigt. In der Masse unterzugehen lag mir aber nicht besonders.“ Dieser wachsende Appetit auf Berühmtheit äußerte sich in seinen mittleren Teenagerjahren, als er schrieb: „Ich habe es satt, ein unentdecktes Genie zu sein. Ich will jetzt berühmt sein und nicht erst, wenn ich tot bin.“
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