Es geht nicht allein darum, mit großer Leidenschaft heiße Rocksongs zu singen, möglichst viel Energie in Tanzeinlagen zu investieren oder mit den tollsten Lichteffekten aufzuwarten. Wenn diese Rock & Roll-Diva auf der Bühne steht, passiert noch viel mehr. Sie strahlt Herzenswärme, Aufrichtigkeit und Entschlossenheit aus. Tina Turner macht nie etwas nur auf die nette, seichte Tour, immer bringt sie auch eine gehörige Portion Rauheit mit ein – so lieben sie ihre Fans. Sie lieben sie genau aus diesem Grund. Seit sechs Jahrzehnten gelingt es ihr, ihre Zuschauer weltweit in Staunen zu versetzen. Keiner der heute Anwesenden will deshalb, dass dieser Abend zu Ende geht, denn dies bedeutet nicht bloß das Ende eines Rockkonzerts, sondern gleichzeitig auch das Ende einer ganzen Ära von Rockspektakeln.
In der Welt des Showbusiness gibt es niemanden, der mit Tina Turner vergleichbar wäre. Natürlich gab es auch andere Frauen in der Musikwelt, deren Karriere lange währte, aber nur wenigen ist es gelungen, eine so energie- und spannungsgeladene Stimmung zu verbreiten und so viel Begeisterung zu wecken wie das bei Tina der Fall ist.
Auch andere Frauen, deren Karriere von der Öffentlichkeit mitverfolgt wurde, haben in ihrem Leben so manches Unglück und tragische Ereignisse überstanden. Doch Tina befreite sich mit einer solchen Würde und Spiritualität aus ihrem von Unterdrückung und Erniedrigung geprägten Leben mit Ike Turner, dass sie für viele zu einer Art Vorbild wurde.
In den 1960ern und 70ern waren Tina und ihr damaliger Mann Ike zu Legenden des Rhythm & Blues und Rock & Roll geworden. Zu ihren zahlreichen Hits gehörten „It’s Gonna Work Out Fine“, „River Deep – Mountain High“ und „I Idolize You“. In der Musikwelt waren sie bekannt für ihre ausgiebigen Clubtourneen rund um den Globus. Sie wurden schließlich gar zu wahren Superstars, was sie vor allem den ausgedehnten Tourneen als Vorgruppe der Rolling Stones verdankten. Tina galt als der Star und die treibende Kraft der Bühnenshow und Ike als genialer Kopf des Duos. Sehr oft wurden sie in den Medien als glückliches, sich liebendes Ehepaar dargestellt.
Wenn man den Texten aus Tinas Songrepertoire der 1970er Glauben schenkt, wie z.B. dem von Ike komponierten „Contact High“, oder Tina als Drogenguru „Acid Queen“ in dem Film Tommy sieht und dies für bare Münze nimmt, könnte man meinen, sie habe den Drogenkonsum befürwortet oder sei eine wilde Partylöwin gewesen.
Wenn man sich anhört, wie sie absolut überzeugend Songs wie „Fool For You“, „Poor Fool“ und „It’s Gonna Work Out Fine“ sang, könnte man dies ohne Weiteres für Liebesbekundungen von Tina an ihren liebevollen Ehemann Ike halten. Und wenn man Gelegenheit bekäme, sich Ikes & Tinas Showprogramm zu Beginn der 1970er anzusehen, wie sie das Lied „I’ve Been Loving You Too Long“ zum Besten gaben, bei dem Tina mit ihrem phallusartigen Mikrofon Fellatio simulierte, könnte man vielleicht auf die Idee kommen, sie sei so eine Art hemmungslose Sexgöttin gewesen.
Abend für Abend wirbelte sie über die Bühne und zeigte Tanzeinlagen mit schnellen Schrittkombinationen, bei denen ihrem Publikum allein vom Zuschauen schon schwindlig wurde. Tina strotzte nur so vor Energie, so dass man sie für den Inbegriff der absolut befreiten Frau halten mochte, die ihr aufregendes Leben als Star in vollen Zügen genoss.
Doch die Wirklichkeit sah ganz anders aus. Keines dieser Bilder entsprach der Realität. Tina drückte es so aus: „Tina Turner – jene Frau, die auf die Bühne ging, war jemand anderes. Ich selbst war nur ihr Schatten.“ (1) 1976 war die echte Tina bereits in einer Ehe gefangen, die ihr Leben zur Hölle werden ließ. Das, was sie auf der Bühne als ihr Leben ausgab, war nichts als Show und das Leben hinter den Kulissen zur reinen Folter geworden.
Und die Drogen und die Partys? Nun, das war Ikes Leben. Tina nahm nie irgendeine Art von Drogen und wollte auch nichts damit zu tun haben.
Was ihre Ehe anging, so bestand diese nur auf dem Papier. Ike war ihr nie treu. Mehr als einmal war sie in ihr Wohnzimmer gekommen und hatte dort gesehen, wie eine Frau gerade vor Ike kniete und ihn oral befriedigte.
Ihr glückliches, freudenreiches Leben? Nichts hätte der Lebenswirklichkeit, in der sie gefangen war, weniger entsprechen können. Nicht genug, dass Ike sie wie seine Dienstbotin behandelte, die immer zur Stelle sein musste, wenn er nach ihr rief. Wenn sie ihn verärgerte oder sich beschwerte, verprügelte er sie gnadenlos. Mit der Zeit nahm Ikes exzessiver Drogenkonsum immer mehr zu und seine tätlichen Angriffe ebenfalls. Niemand – außer ihrem engsten Kreis – wusste, dass Ike Tina in Wahrheit total unter Kontrolle hatte, da sie sich vor ihm fürchtete.
Was das Kaschieren von „Veilchen“ mit Hilfe von festem Puder-Make-up anging, war Tina zu einer echten Expertin geworden. Oft trat sie mit aufgeplatzten Lippen, blauen Flecken oder gar mit gebrochenen Knochen vor jubelnden Zuschauermengen auf. Sie fühlte sich einsam und wie gefangen. Selbst ihr verzweifelter Selbstmordversuch misslang.
Doch dann machte sie eine Freundin mit etwas vertraut, das ihr zu innerer Stärke verhalf und sie dazu ermutigte, für sich selbst einzustehen: dem Buddhismus. Tina wusste jetzt, welche Spiritualität und Lebenskraft in ihr steckte. Nun beherrschte sie den buddhistischen Rezitationsgesang, war in der Lage, in ihre eigene Seele hineinzuschauen und brachte so den Mut auf, Ike zu verlassen.
Als sie sich 1976 endlich dazu entschloss, sich von Ike zu trennen, gab es kein Zurück mehr. Es wurde nicht gerade ein einfacher Kampf. Zuerst war es eine körperliche Auseinandersetzung, dann wurde es zu einem Rechtsstreit. Bald merkte sie, dass sie nicht allein war und tatsächlich echte Freunde hatte, die ihr halfen. Cher sprach Tina Mut zu, indem sie ihr davon erzählte, wie sie durch die Trennung von ihrem damaligen Mann Sonny Bono wieder Herrin über ihr eigenes Leben geworden war. Ann-Margret, die mit ihr zusammen in dem Film Tommy gespielt hatte, half ihr nach ihrer Zeit mit Ike dabei, ihre Karriere als Solo-Star aufzubauen. Und über Olivia Newton-John lernte sie den Manager kennen, der ihr zu ihrem Durchbruch in der Welt der Superstars verhalf und ihr dabei behilflich war, ihren Traum von der eigenen Karriere zu verwirklichen.
Ihr Weg zurück ins Showgeschäft erwies sich als beschwerlich, doch sie genoss den anstrengenden Aufstieg und ihre Freiheit. Nachdem sie sich kurz als glitzerndes Las Vegas-Sternchen versucht hatte, bewegte sie sich in die Richtung, die sie so liebte: hin zum Rock & Roll. 1984 brachte sie das Album heraus, das für sie den absoluten Wendepunkt markierte und außerdem den aufsehenerregenden Hit „What’s Love Got To Do With It“ lieferte. Auf der ganzen Welt freuten sich Zuhörer darüber, wie keck und selbstbewusst Tinas Stimme klang. Jeder Song auf ihrem Album Private Dancer schien ihr Image wieder völlig neu zu formen. In „I Might Have Been Queen“ preist sie ihre festen Überzeugungen, was Glauben, Schicksal und Reinkarnation angeht. „Show Some Respect“ und „Better Be Good To Me“ waren musikalische Zeugnisse ihrer Stärke und Entschlossenheit. Und mit ihrer Version von David Bowies „1984“ meldete sie ihre Ansprüche auf eben jenes Jahr an, in dem sie zur allseits anerkannten Diva in der Welt der Rockmusik wurde.
Auf dem Gipfel ihres Comebacks mit „What’s Love Got To Do With It“ blickte sie zwanzig Jahre in die Zukunft und sagte, damals in ihren Vierzigern: „Eine Sechzigjährige kann gar nicht so aussehen wie ich.“ (2) Jetzt, da sie ihr siebtes Lebensjahrzehnt vollendet, sieht sie noch genauso aus wie in ihren Vierzigern. Auf der Bühne und privat ist sie immer noch genauso sexy und energiegeladen wie damals in den 1960ern, als sie in TV-Shows wie American Bandstand, Top of the Pops und Shindig ihr Publikum beeindruckte. Im Jahr 2000, als sie sich mit 60 als Headliner auf Welttournee begab, galt dies als die Konzertreihe, die in jenem Jahr den meisten Umsatz erwirtschaftete – die Einnahmen lagen bei über 80 Millionen Dollar.
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