Mark Bego
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Jetzt, da sie frei war und die Gewaltausbrüche ihres Ex-Mannes nicht länger erdulden musste, versuchte Tina ihr Glück als Solo-Künstlerin. In den frühen 1980ern führte sie ihre aufregende Bühnenshow in Tanzclubs wie z.B. der hauptsächlich von Homosexuellen besuchten Disco „The Saint“ in New York auf.
(Fotos: Charles Moniz)

Tinas großer Durchbruch als Solostar gelang ihr in dem Manhattaner Rock & Roll-Club „The Ritz“. Ihre Garderobe für dieses Engagement wurde von Bob Mackie entworfen. Im Publikum befanden sich unter anderem David Bowie sowie Keith Richards und Ron Wood von den Rolling Stones.
(Fotos: Charles Moniz)

Mittwoch, 6. Dezember 2000 in Anaheim, Kalifornien. Die gewaltige Halle des Arrowhead Pond ist heute ausverkauft. Das Publikum besteht aus 18.000 jubelnden Fans jeden Alters. Es ist der letzte Abend der, wie angekündigt wurde, „letzten“ Stadiontournee der legendären Tina Turner. Die weltweite Konzerttournee heißt, wie auch ihr aktuelles Album, Twenty Four Seven. Der Titel passt genau, denn Tina Turner gelingt es tatsächlich, vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche eine der erotischsten Frauen auf diesem Planeten zu sein.
Eine andere Rock & Roll-Legende – Joe Cocker – ist gerade mit der ersten rasanten Aufwärmphase, in der er schon einige Rock & Roll-Hits präsentiert hat, durch. Doch die Zuschauer sind heute Abend hierhergekommen, um diese eine zu sehen, live zu erleben und zu feiern, die als „tüchtigste Frau des Rock & Roll“ gilt – die einzigartige Tina Turner.
David Bowie bemerkte einmal, dass Tina jede Bühne zum „heißesten Ort im ganzen Universum“ macht. Heute wird sie beweisen, dass das auch hundertprozentig stimmt.
Endlich geht die Pause zwischen den beiden Auftritten zu Ende und die Lichter im Stadion werden wieder gedämpft. Als das Licht im Zuschauerraum völlig erlischt und die Musik zu spielen beginnt, wird dies von der erwartungsvollen Menge mit frenetischem Beifall quittiert. Im Stadion ist es plötzlich ganz dunkel und aus den Lautsprechern tönt die volle und markante Stimme von James Earl Jones: „Arbeite so, als bräuchtest du nichts, liebe so, als hätte man dich nie verletzt, tanze so, als sähe dir niemand zu. Meine Damen und Herren: Tina Turner!“
Der Vorhang geht auf und gibt den Blick auf eine Bühne frei, die aus drei durch Rampen und Treppen verbundenen Ebenen besteht. Auf der mittleren Ebene steht – überlebensgroß – Tina Turner, umgeben von ihren fünf geschmeidigen Tänzerinnen. Und schon bricht ihre aktuelle Tourband unter der Leitung von John Miles mit den ersten Tönen des Songs „I Want To Take You Higher“ los. Die Diva selbst befindet sich sechs Meter über der Bühne und wiederholt immer wieder das Wörtchen „Higher!“ – so als wollte sie ihre 18.000 Mann starke Zuhörerschaft, die ihr Tun ehrfürchtig mitverfolgt, an jenem Abend mit nach oben in luftige Höhen entführen.
Mit ihrem hautengen Hosenanzug, der aus Knickerbockern und einem Bustier aus schwarzem Vinyl und Stahlketten besteht, sieht sie einfach perfekt aus. Ihr schulterfreies Top gibt den Blick frei auf ihre makellose hellbraune Haut und ihren schlanken und straffen Körper. Als sie anfängt zu singen, sieht sie aus, als hätte sie den Körper einer 35-Jährigen – obwohl sie die Woche zuvor gerade 61 geworden ist. Sie trägt ihr Markenzeichen: schwarze hochhackige Schuhe, in denen sie äußerst agil und geschickt auf der Bühne hin- und herstolziert.
Sie stimmt die Strophen einer Partyhymne aus den 1970ern an und ist in ihrem Element. Als die Zuschauer unisono aufgeregt losjubeln, strahlt sie über das ganze Gesicht. Das sich über mehrere Ebenen erstreckende Bühnenlabyrinth aus Plattformen und Treppen nutzt sie den Abend über voll aus und ist die nächsten zwei Stunden permanent in Action. Wenn sie hinunter auf die Hauptbühne tanzt, vergisst sie keinen einzigen Schritt ihrer ausgefeilten Choreografie, bei der auch ihre fünf Tänzerinnen ihr Können unter Beweis stellen.
Schon in den ersten Minuten ihrer Bühnenshow ist Tina unbestritten der Star des Abends. Alle Blicke ruhen auf ihr und sie strahlt die ganze Zeit, in der sie im Rampenlicht steht, Wärme und Begeisterung aus. Das heutige Programm nimmt uns mit auf eine Zeitreise durch Tinas Vergangenheit und Gegenwart. Zu hören sind auch Songs wie „Fool In Love“ und „Proud Mary“ aus den Zeiten, als sie noch die eine Hälfte des Duos Ike & Tina Turner war. Außerdem singt sie die Hits ihrer Filmkarriere: „Acid Queen“ und „We Don’t Need Another Hero“. Ihr phänomenales Comeback Mitte der 1980er wird mit Liedern wie „Private Dancer“ und „What’s Love Got To Do With It“ gefeiert. Von ihrem aktuellen Album sind als Highlights Songs wie „Absolutely Nothing’s Changed“ und „Twenty Four Seven“ mit dabei.
Die heutige Show ist mehr als nur ein normales Konzert, sie ist ein ergreifendes Rock & Roll-Spektakel mit einem ausgefeilten Bühnenaufbau, grellen Lichteffekten, beeindruckenden Songdarbietungen und wartet darüber hinaus mit so einigen Überraschungen auf. Als eine der theatralischsten Nummern erweist sich Tinas Version des Motown-Klassikers „I Heard It Through The Grapevine“. Bei diesem Song brechen die einzelnen Plattformen des Bühnenaufbaus auseinander und geben den Blick frei auf ein simuliertes Flammenmeer, das auf riesigen Videoleinwänden vor sich hin lodert. Tina und ihre Tänzerinnen kommen herausstolziert. Alle sind sie in schwarzes Nietenvinyl gekleidet und wirken wie Rockerbräute auf Beutefang. Und natürlich ist die resolute Ms. Turner die Anführerin dieser Rockergang.
Am Ende von „We Don’t Need Another Hero“ löst sich die Plattform, auf der sie steht, plötzlich von der zweiten Bühnenebene und Tina wird auf einer etwas merkwürdig anmutenden Vorrichtung, die eine Weile in der Luft schweben bleibt, auf die unterste Bühnenebene hinuntergelassen. Als sie dort ankommt, geht ein Feuerwerk los – ein theatralisches Spektakel aus Flammen und Licht.
Während sie in einem sexy aussehenden, mit weißen Fransen verzierten Hosenanzug „Nutbush City Limits“ singt, tanzt Tina einen Gang entlang, hin zu etwas, das wie ein kleiner Käfig mit hüfthohen Gitterstäben aussieht. Plötzlich schwenkt der gesamte 15 Meter lange Laufsteg aus und befindet sich nun über den Köpfen in den ersten drei Dutzend Zuschauerreihen. Jetzt ist sie nicht mehr nur der Mittelpunkt der Party, sondern schwebt auch noch sechs Meter über ihrer Festgesellschaft. Die Menge bricht in Begeisterungsstürme aus. Sie singt weiter und läuft den Laufsteg hinunter zur Bühne hin – ohne Geländer und in gefährlich hohen Pumps. Nichts für Diven mit Höhenangst. Aber Tina hat schließlich ihr gesamtes Leben in gefährlichen Höhen verbracht. Diese Frau ist einfach unbesiegbar. Nicht einmal Rockstars, die vierzig Jahre jünger sind, können es mit ihr aufnehmen.
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