»Halt«, rief Robertson. »Obioma, so dürfen Sie ihn nicht gehen lassen; ohne Wasser und ohne Nahrung. Er würde umkommen.«
Hegel lachte. »Bemühen Sie sich mal nicht, Robertson. Ich kenne mich in dieser Gegend aus. Ich weiß, wo die nächste Wasserstelle ist, und in spätestens zwei Tagen treffe ich auf einen Stamm, bei dem ich Freunde habe. Dort wird man mir weiterhelfen. Überlegen Sie sich lieber, was mit den anderen geschehen soll, falls sie vernünftig werden und sich ebenfalls entschuldigen. Die sind ohne meine Hilfe im Busch dem sicheren Tod geweiht.«
Daran hatte Robertson nicht gedacht. Nervös rieb er sich mit der Hand über die Stirn. Wenn Hegel fort war, mußten die anderen beim Stamm bleiben; allein konnte man sie nicht in den Urwald lassen.
Er mußte es noch einmal versuchen. »Sie haben doch gesehen, was passiert ist«, rief er drängend in Richtung der kleinen Gruppe. »Kann sich denn sonst niemand so weit überwinden, sich zu entschuldigen, um dann mit Hegel in der Freiheit zu verschwinden?«
Die beiden Liauds diskutierten eifrig, Dellingham schnaubte verächtlich, und Miß Longherd gab einen weiteren Einblick in ihr Schimpfwörterrepertoire – allerdings entdeckte Robertson nun bereits die ersten Wiederholungen.
Adetokumbo erklärte etwas, und Obioma übersetzte. »Adetokumbo sagt, Sie sollen mitgehen mit dem Führer. Sie haben nichts getan – Sie haben mich sogar verteidigt. Sie sind frei.«
Mit einem gellenden Wutschrei registrierte Miß Longherd diese Worte. »Sie lausiger Mistkerl! Sie geisteskranker Bastard! Sie Totgeburt eines Mannes ohne Hirn und Schwanz! Einfach abhauen wollen Sie und uns in der Scheiße sitzenlassen!«
Unwillkürlich zuckte Robertson zusammen. Eine solche Sprache war er wirklich nicht gewohnt; schon gar nicht von einer Frau.
»Ich bleibe«, erklärte er. »Nicht etwa weil diese Schande für die Frauen sich sonst aufregen könnte, denn das tut sie ohnehin – aber ich werde die anderen nicht im Stich lassen.«
Und außerdem, fügte er für sich hinzu, war er hier ja unversehens mitten in genau die Enthüllungen hineingeraten, die für ihn der Zweck der Expedition gewesen waren. Er hatte sein Ziel erreicht; sogar ein weit wichtigeres und kostbareres Ziel, als er je zu hoffen gewagt hatte – denn Adetokumbo verstand anscheinend die Sprache zuoberst auf den steinernen Stelen, und sie lebte in ihrem Stamm genau das, was er als Theorie erarbeitet und wofür er sich so oft hatte auslachen lassen. Er müßte verrückt sein, sich diese Chance entgehen zu lassen, mehr über die dritte Sprache zu erfahren und die Praxis einer Frauenherrschaft ganz real und nahe erforschen zu können.
Er mochte ein Schwächling sein und ein Feigling noch dazu – aber er war nun einmal Wissenschaftler, mit Herz und Seele.
Noch einmal nickte er Hegel zum Abschied zu, während Miß Longherd ihn mit zornigem und nicht nachlassendem Geschrei verfolgte, und rasch war der Führer im dichten Grün nicht mehr zu sehen, das sich sehr eng an die in einem Kreis um den großen, freien Platz mit dem Korral aufgestellten Hütten schmiegte.
Robertson war zumute, als habe ihn der einzige verlassen, auf dessen Unterstützung er notfalls hätte bauen können. Furchtbar allein fühlte er sich plötzlich, obwohl er sich mitten unter Menschen befand.
»Und was geschieht nun mit den anderen?« fragte er Obioma verzagt.
»Wir werden ihnen die Kleider wegnehmen, damit sie nicht fliehen können, und dann müssen sie in unserer Gerichtshütte warten, bis sich der Rat der Stammesältesten zusammensetzt und darüber entscheidet, was mit ihnen geschehen soll.«
»Das werden sie nie zulassen!«
Beinahe mitleidig sah Obioma ihn an. »Es wird Ihnen nichts anderes übrigbleiben.«
Robertson holte tief Luft. Bei Miß Longherd konnte er sicher nichts erreichen, aber vielleicht konnte er wenigstens die anderen drei dazu überreden, das alles freiwillig über sich ergehen zu lassen. Obwohl es ihn schon bedenklich stimmte, wie nicht einmal Hegels Beispiel sie dazu hatte bewegen können, sich für die zum Greifen nahe Freiheit zu einer Entschuldigung durchzuringen – versuchen mußte er es.
Erheblich weniger elegant als Hegel soeben schwang er sich über die groben Stämme der Einzäunung und begab sich zu der kleinen Gruppe. Zu seinem Erstaunen ging Miß Longherd diesmal nicht auf ihn los.
»Man wird Sie alle nun umkleiden und in eine Hütte bringen«, erklärte er, »bis der Ältestenrat ein Urteil über Sie gefällt hat. Ich kann Ihnen nur raten, machen Sie gute Miene zum bösen Spiel, sonst wird alles nur noch schlimmer.«
»Von diesen schwarzen Kaffern«, zischte Miß Longherd, »wird niemand mich anfassen, und es wird auch niemand über mich zu Gericht sitzen! Es ist empörend, wie …«
»Sie haben gut reden!« fiel Dellingham ihr wütend ins Wort. »Ihnen haben wir den ganzen Schlamassel doch zu verdanken! Meinetwegen schlagen Sie Ihre Hausangestellten, wenn Sie sich denn gar nicht beherrschen können – aber doch keine Wilden, die sich ihren Stamm zu Hilfe holen und Rache fordern können!«
»Ich bin der Meinung«, meldete sich nun Robert Liaud zu Wort, »man hat kein Recht, uns hier festzuhalten. Ich habe mit Hegel vereinbart, daß er so schnell wie möglich die nächste französische Gesandtschaft informiert, damit man uns hier herausholt.«
Deshalb also war Hegel so leicht bereit gewesen nachzugeben, dachte Robertson erschrocken – er hatte keineswegs eingesehen, daß man sich in Afrika nun einmal den afrikanischen Stammesregeln unterwerfen muß, sondern seine Entschuldigung war allein Teil eines Befreiungsplans.
Eine Art Verachtung für seine zivilisierten europäischen Genossen stieg in ihm auf. Sie glaubten, überall ungestraft ihren eigenen Wünschen folgen zu dürfen, ohne jede Rücksicht auf das, was sie dadurch anrichteten. Und obwohl sie den Obrigkeitsanspruch ihres eigenen Staates bedingungslos anerkannten, setzten sie sich ohne Nachdenken über jede andere Instanz hinweg. Weder löste die pure Übermacht der Schwarzen ein wenn vielleicht nur rein taktisch bestimmtes Nachgeben aus, noch war da gar auch nur der Schimmer einer Einsicht, daß in fremden Ländern nun einmal fremde Sitten herrschen, denen man sich zu fügen hatte. Sie nahmen ihre Überlegenheit in allen Punkten als gegeben hin und handelten entsprechend.
Einen Augenblick lang überkam ihn das unangenehme Gefühl, wie ähnlich er reagiert hatte; er hatte die Tatsache der Herrschaft der Frauen in diesem Stamm ebenso überheblich als unnatürlich abgetan wie seine Gefährten das Bestrafungsrecht der Schwarzen. Doch jetzt war nicht die Zeit, solchen Überlegungen nachzugehen.
»Messieurs Liaud«, begann er einen erneuten Appell an die Vernunft, »gerade wenn Sie mit Ihrer baldigen Befreiung rechnen, ist es doch um so angebrachter, wenn Sie sich die verbleibende Zeit so leicht wie möglich machen. Je mehr Sie sich widersetzen, desto unangenehmer wird alles für Sie.«
»Wir können ohnehin froh sein«, warf Dellingham ein, »daß wir es hier ganz offensichtlich mit Wesen zu tun haben, die eine enorme Geduld beweisen; so unzivilisiert sie auch sein mögen. In anderen Stämmen wären wir längst im Kochtopf gelandet und man hätte sich nicht einmal die Mühe einer vorherigen Beratung gemacht.«
Erschrocken zog Robert Liaud die Luft ein, wandte sich dann an seinen Bruder. »Ich glaube, Monsieur Robertson hat Recht. Tun wir einfach so, als ob wir nachgeben – und hoffen, man wird uns sehr schnell suchen. Und finden.«
Dellingham nickte. »Das sehe ich ebenso. Sie, Miß Longherd, können es ja meinetwegen gerne auf eine körperliche Auseinandersetzung ankommen lassen – ich hoffe nur, ich darf dabei zusehen.« Entschlossen stieg er über das Geländer, und ging mit erhobenen Händen auf Adetokumbo zu, auf deren raschen Befehl hin mehrere Frauen ihn umringten und in eine Hütte brachten.
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