In Miß Longherds Augen spiegelte sich zuerst Verblüffung, dann ein wilder Zorn. »Wie können Sie es wagen, Sie kleiner Pischer! So können Sie vielleicht in England mit den Frauen umspringen – aber nicht hier, wo man erkannt hat, welches Geschlecht in Wahrheit das stärkere ist!«
Sie war aufgestanden und stand nun drohend vor Robertson, der scheinbar völlig ungerührt zu ihr aufblickte. Was ihre Wut noch verstärkte. »Alle Achtung – da, wo alle anderen auftrumpfen, halten Sie die Klappe und verkriechen sich in Ihr Mauseloch. Und da, wo jeder andere weise schweigen würde, da riskieren Sie Kopf und Kragen. Es beweist eine gewisse Tollkühnheit, die ich Ihnen gar nicht zugetraut hätte. Noch mehr allerdings beweist es etwas ganz anderes – grenzenlose Dummheit!«
Mit eleganten Bewegungen wie eine Katze erhob sich nun auch Adetokumbo. Auch wenn er nicht verstand, was sie sagte, ihr Ärger war unverkennbar, und die Handbewegung, mit der sie Miß Longherd auf ihren Platz verwies, war es ebenfalls.
»Adetokumbo weist darauf hin«, dolmetschte Obioma leise, »wir befinden uns in ihrer Hütte, und wenn die fette weiße Frau oder der dünne weiße Mann etwas zu sagen haben, sollen sie es ihr sagen, und nicht einander.«
Robertson nutzte die vorübergehende Unsicherheit Miß Longherds sofort aus.
»Sagen Sie Adetokumbo«, wandte er sich geradezu leidenschaftlich an Obioma, »daß die fette weiße Frau lügt und glaubt, damit durchzukommen, weil sie wie Adetokumbo eine Frau ist. Sagen Sie ihr, daß die fette weiße Frau Sie zu Unrecht geschlagen hat und dafür bestraft werden muß!«
Noch während Obioma übersetzte, stürzte sich Miß Longherd mit einem schrillen, bösen Schrei auf Robertson und begann, auf ihn einzuprügeln.
Abwehrend hob er die Hände über den Kopf. Dennoch trafen ihn ihre erstaunlich harten Fäuste, mit denen er ja bereits einmal Bekanntschaft gemacht hatte, mehrere Male äußerst empfindlich, bis die Schläge ebenso urplötzlich aufhörten, wie sie begonnen hatten.
Als er aufblickte, sah er Miß Longherd am Boden, und auf ihr kniete Adetokumbo, hatte ihre Hände im eisernen Griff.
Ein scharfer Befehl ließ Obioma aufspringen und aus einer Ecke der Hütte eine Rolle Seil holen, das Adetokumbo nun rasch und kunstvoll so um Miß Longherds Schultern, Arme und Beine schlang, daß diese bald hilflos wie ein Paket verschnürt war und sich nicht mehr rühren konnte.
Ihren schrillen Protestschreien tat dies keinen Abbruch. Doch auch diese beendete oder vielmehr dämpfte Adetokumbo, indem sie blitzschnell einen Streifen von Miß Longherds Männerhemd abriß, das ihr während der Auseinandersetzung aus der Hose gerutscht war, und ihn ihr einfach in den Mund stopfte.
Weitere Anweisungen an Obioma folgten, die Robertson nicht verstand. Doch bald sollte er sie erraten können. Obioma rannte hinaus und war kurz darauf mit zwei weiteren Männern zurück. Gemeinsam hoben sie Miß Longherd vom Boden auf – all ihr Wehren und Sich-Winden führte lediglich dazu, daß die drei sie einmal beinahe fallen ließen –, und schleppten sie nach draußen.
Adetokumbo folgte und bedeutete Robertson mit einer Geste, ebenfalls mitzukommen.
Man brachte Miß Robertson zu einem kleinen, mit Holzstückchen auf dem Boden markierten Platz, der nach allen Seiten hin offen war und lediglich durch ein Dach – soweit er das erraten konnte, aus Leder, also aus enthaarten Tierfellen zusammengenäht – vor der Sonne geschützt. Dort befand sich eine von Steinen umgebene Feuerstelle, auf der in einem riesigen Kessel an einem hölzernen Gestell etwas vor sich hin brodelte. Anscheinend kochte man in diesem Stamm gemeinsam.
Direkt daneben ragte ein großer Pfahl in den Himmel, von dem Robertson annahm, es sei der verbleibende Stamm eines Baumes, in den man merkwürdige Muster geschnitzt und den man teilweise bemalt hatte.
Dort löste man Miß Longherds Fesseln – allerdings nur lange genug, um sie umgehend aufrecht und mit dem Gesicht nach vorne an eben jenen Pfahl zu binden, ohne ihren Knebel zu entfernen. Sie wehrte sich sehr stark, und zwei Frauen sprangen hinzu, um den Männern bei ihrer Aufgabe zu helfen.
Als sie vollendet war, trat Adetokumbo neben Miß Longherd und spuckte vor ihr aus. Dann drehte sie sich um und sagte laut etwas, das Obioma Robertson murmelnd übersetzte. »Es ist eine Schande für jeden Menschen zu lügen, um einer Strafe für ein Unrecht zu entgehen. Eine noch größere Schande ist dies allerdings für eine Frau, die durch ihre von der Göttermutter verliehene Kraft und Überlegenheit der Wahrheit noch um so mehr verbunden sein muß als der schwächere Mann. Die fette weiße Frau hat Obioma geschlagen, und sie hat gelogen, damit sie dafür nicht bestraft wird. Drei Tage und drei Nächte wird sie hier gefesselt bleiben und nur Wasser erhalten – als Beispiel dafür, wohin es führt zu lügen. Danach wird der Rat der Stammesältesten entscheiden, welche Strafe über sie zu verhängen ist.«
Adetokumbo streckte die Hand aus. Eine der Frauen, die an einer Art Gürtel aus Bast ein Messer trug, zog es heraus und reichte es ihr. Erneut wandte Adetokumbo sich um und zerschnitt mit raschen Bewegungen Hemd, Hose und Unterwäsche – grau aussehende Männerunterwäsche – von Miß Longherd, bis diese völlig nackt dastand.
Der Anblick der weißen Fettmassen ließ Robertson mehr aus Abscheu denn aus Schamgefühl den Blick abwenden.
Aber so gerecht diese Strafe auch sein mochte – Miß Longherd war noch immer seine Landsmännin, und drei Tage in sengender Sonne verharren zu müssen, hätte ihren Tod bedeutet. »Obioma«, sagte er drängend, »wir Weißen sind nicht geschaffen für die Sonne Afrikas. Sie wird sterben!«
Obioma schüttelte den Kopf. »Warten Sie – man wird die fette weiße Frau von oben bis unten mit Schlamm beschmieren. Das schützt sie vor der Sonne und vor den Insekten.«
Tatsächlich hatten ein paar der Schwarzen etwas in einem großen runden Gefäß aus Holz herangetragen, das sie nun begannen, überall auf Miß Longherds Körper zu verteilen.
Mit einer Mischung aus Schadenfreude und Mitgefühl versuchte Robertson sich vorzustellen, wie Miß Longherd sich bei dieser Prozedur fühlen mochte.
Doch er hatte nicht lange Gelegenheit, über ihre Situation nachzudenken – Adetokumbo packte ihn im Vorbeigehen am Arm und zog ihn mit sich; so hastig, daß er stolperte und das unregelmäßige Pendeln des kleinen Knochens, der an einem eng um seine Hoden gebundenen Seil aus Pflanzenfasern hing, ihn sehr unangenehm an seine veränderte Kleidung erinnerte.
7
ROBERTSON FRAGTE SICH GERADE, wie er sich um Himmelswillen mit Adetokumbo verständigen sollte, nachdem Obioma nicht mit zurückgekommen war in ihre Hütte. Doch sie plante ersichtlich keine Unterhaltung, sondern gebot ihm stattdessen mit einer unmißverständlichen Geste, wieder auf der Matte Platz zu nehmen, und kramte in einem der Behältnisse, die herumstanden, dieses ein annähernd viereckiges aus Holz mit Schnitzerei, einer Schatztruhe ähnlich.
Soweit er das aus seinem etwas ungeschickten Blickwinkel aus erkennen konnte, war das Kästchen gefüllt mit eng zusammengerollten Lederstücken, zum Teil mit bunten Bastschnüren zusammengebunden.
Eine dieser Rollen holte sie hervor und legte sie mit einer Sorgfalt vor ihm auf die Matte, die an Ehrfurcht grenzte.
Ihre Anweisung war auch in der ihm fremden Sprache ohne weiteres zu verstehen – er sollte die Rolle öffnen.
Achtsam löste er das Band und entrollte das Lederstück, das danach etwa zwei Fuß Breite besaß und über und über mit dunklen, wie eingebrannten Zeichen bedeckt war.
Ungeduldig beugte er sich dicht darüber, um besser sehen zu können, legte dabei seine Hände auf die beiden Querseiten. Sein Herz klopfte so stark, er glaubte, man höre den Rhythmus in der gesamten Hütte. In Gedanken längst verloren in die seltsamen auf das Leder gemalten Worte, registrierte er nur noch am Rande, die dumpfen Schläge stammten nicht von seinem Herzen, sondern von draußen, wahrscheinlich von Trommeln, dann versank seine gesamte Umgebung für ihn vor der kostbaren Entdeckung, die er gerade in Händen hielt.
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