An diesem Freitagnachmittag war sie zu Hause und wartete auf Christoph. Überraschenderweise kam er heute pünktlich und gut gelaunt nach Hause und seine Frau wollte deshalb nochmals den Versuch einer Aussprache wagen. Sie hatte für den heutigen Tag ein Treffen mit ihrem Verehrer abgesagt, da sie den weiteren Verlauf ihrer Affäre überdenken wollte.
„Du bist ja heute bereits vor 20 Uhr zu Hause“, begrüßte sie ihren Mann.
„Ja, aber es ist möglich, dass ich nochmal weg muss“, erwiderte Christoph.
„Du könntest heute zu Hause bleiben und wir machen es uns gemütlich.“
„Wenn kein Anruf kommt, bleibe ich zu Hause.“
„Wir könnten grillen“, schlug die Ehefrau vor. „Eine gute Idee, hast du Würste da?“
„Wir haben immer einen Vorrat da.“
„Gut, dann könnte ich den Grill vorbereiten.“
„Wir könnten uns bei dieser Gelegenheit aussprechen“, schlug die Frau vor.
„Lass uns das auf später verschieben, der Abend ist noch lang genug“, entgegnete Christoph.
„Einverstanden, ich werde alles vorbereiten.“
„Brauchst du nicht, dass kann ich erledigen. Du kannst dich noch etwas ausruhen, hattest heute bestimmt auch einen schweren Tag auf Arbeit.“
„War eigentlich ein Tag wie jeder andere“, sprach Christophs Frau.
„Wie gefällt es dir auf Arbeit?“, wollte Christoph wissen.
„Ich kann nicht klagen, bin ganz zufrieden.“
„Wie kommst du mit deinen Kollegen zu Recht?“, fragte Christoph.
Bei dieser Frage stutzte Frau Scholz, denn ihr Mann hatte sich bisher wenig um ihre Arbeit gekümmert und noch weniger nach ihren Kollegen gefragt. Sie befürchtete sofort, dass Christoph etwas von ihrer Affäre erfahren haben könnte und lenkte das Gespräch sofort in eine andere Richtung und fragte: „Hast du viele Klienten?“
„Ja.“
„Komplizierte Fälle?“
„Ein Fall bereitet mir große Schwierigkeiten.“
„In welcher Beziehung?“
„Es ist ein Scheidungsfall, wobei ich den Eindruck habe, dass eigentlich beide Parteien keine Scheidung wollen, sondern sich wieder versöhnen wollen. Es ist viel Geld im Spiel und zudem denke ich, dass die Frau des Paares, die eine Affäre mit einem anderen Mann hat, sich nicht schlüssig ist, ob diese Affäre ihr Lebensglück sein kann.“
„Weiß ihr Mann von der Affäre seiner Frau?“, fragte die leicht verwirrte Ehefrau.
„Ja, aber er liebt seine Frau dennoch.“
„Was spielt das Geld für eine Rolle?“
„Der Mann ist Geschäftsführer eine Firma, die seiner Frau gehört, welche sie von ihren Eltern geerbt hat.“
„Du denkst der Mann müsste die Firma verlassen.“
„Im Augenblick und bei dem Stand der Scheidungsklage deutet alles darauf hin.“
„Willst du eine Scheidung verhindern?“
„Ja, denn ich habe den Eindruck, dass die Frau von ihrem Liebhaber zu der Scheidung gedrängt wird und er nach der Scheidung die Stelle als Geschäftsführer in der Firma übernehmen möchte.“
„Du denkst, dem Liebhaber geht es um die Firma und nicht um die Frau?“
„Das ist mein persönlicher Eindruck“, sagte Christoph mit einem Lächeln.
„Du kannst den Grill anwerfen. Ich freue mich auf unseren ersten gemeinsamen Abend seit längerer Zeit“, sprach Christophs Frau und ging in die Küche, um die Würstchen zu holen. Er schaute ihr nach und es war deutlich zu spüren, dass der Anblick seiner Frau ihn noch immer erfreute und nicht kalt ließ. Christoph Scholz erweckte den Eindruck eines ruhigen und prinzipiell ausgeglichenen Mannes und es war sein Bestreben, dieses Verhalten auch gegenüber seinen nächsten Mitmenschen zum Ausdruck zu bringen, wobei es ihm bislang perfekt gelungen war, seine Spielsucht vor allen zu verbergen, was nicht immer leicht war, besonders gegenüber seiner von ihm geliebten Frau. Die vielen Abende, die er nicht zu Hause verbrachte, war er in einem Spielkasino und hatte schon einiges an Geld verloren, was er bestrebt war, vor seiner Frau zu verbergen. Beide hatten zu Beginn ihrer Ehe beschlossen, getrennte Konten zu führen, wobei anfallende Kosten und die Kreditraten stets getrennt von beiden Partnern gezahlt wurden und es hatte diesbezüglich bisher nie Streitigkeiten gegeben. Christoph hatte seine Vermögensverhältnisse stets vor seiner Frau verheimlicht und sie hatte sich nie direkt danach erkundigt, da sie selbst finanziell auf eigenen Füßen stand. Sie war Inhaberin eines gutgehenden Friseursalons und finanziell nicht von Christoph abhängig. Beide hielten sich stets an die Absprachen und führten ein friedliches Nebeneinander und ihre Freunde und Bekannten hatten stets den Eindruck einer glücklichen Ehe.
Wenn Christoph auf sein Leben zurückschaute, so war er eigentlich schon unbewusst immer spielsüchtig. Er hatte jede Gelegenheit ausgenutzt, um an jeder Art von Spielen teilzunehmen, aber in der letzten Zeit, besonders im zurückliegenden Jahr, war diese Spielsucht regelrecht ausgebrochen. Er nutzte jede Gelegenheit im Spielcasino in Waren in der Pappenbergstraße zu verbringen. Das Spielcasino war sehr modern eingerichtet und bot gleichzeitig die Gelegenheit zum Dartspiel und auch ein Billardtisch war vorhanden. Vor den Spielautomaten waren lederbezogene Chefsessel installiert und die Bedienung der Automaten erfolgte mittels Mausklick. In der Spielothek waren fünfzehn Automaten installiert und das Casino war täglich durchgehend geöffnet, außer in der Zeit von fünf bis sechs Uhr, da wurde das Casino gesäubert. An der Rezeption war eine freundliche Frau vietnamesischer Herkunft beschäftigt, deren Schönheit durch ihr pechschwarzes Haar noch verstärkt wurde. Die Besitzerin des Casinos war gleichfalls eine besondere Schönheit, die im Gegensatz zur Frau an der Rezeption jedoch natürliches rotes Haar hatte, was sie ein wenig nachtönen ließ.
An bestimmten Tagen, die jedoch nur einem eingeweihten Kreis bekannt waren, wurden in einem Hinterzimmer des Casinos Pokerabende durchgeführt, bei denen um größere Summen gespielt wurde. Seit einiger Zeit gehörte zu diesem eingeweihten Kreis auch Christoph Scholz, der bisher aber nur wenig Glück mit größeren Gewinnen hatte, sodass sein Konto zu seinem Leidwesen merklich abnahm. Die Besitzerin hatte Christoph bereits seit längerer Zeit beobachtet und empfand immer mehr zunehmende Sympathie für ihn. Vor vier Wochen hatte sie Christoph ihre Leidenschaft zu ihm gestanden, wovon er spürbar überrascht war, denn seine ganze Aufmerksamkeit hatte bisher lediglich dem Spielen gegolten. Christoph konnte anfangs nicht mit der Sympathie der Casinobesitzerin umgehen, aber ihr stetiges Werben um seine Gunst beeindruckte ihn immer stärker und er konnte sich ein Verhältnis vorstellen, wobei es bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht zum Austausch von Intimitäten, bis auf einige flüchtige Küsse, gekommen war. Sie hatte Christoph bereits einige Male eine Zusammenkunft außerhalb des Casinos vorgeschlagen, was er bisher ständig abgelehnt hatte, aber er wusste nicht, wie lange er dem ständigen Werben der schönen Casinobesitzerin wiederstehen konnte.
Christoph Scholz war mit dem Grillen der Bratwürste fertig und seine Gattin hatte für beide noch eine schöne Flasche Rotwein geöffnet, denn sie wusste, dass ihr Mann gern ein Glas Rotwein trank. Beide saßen am Tisch auf der Terrasse und Frau Scholz hatte zusätzlich einige kleine Happen Gemüse zubereitet. Die Abendluft war noch sehr mild und beide verweilten auf der Terrasse und genossen den Rotwein, wobei sie sich in ihren Gesprächen an ihre ersten Treffen erinnerten und immer fröhlicher und ausgelassener wurden. Während des Gespräches klingelte plötzlich das Handy von Frau Scholz und Christoph gab ihr mit einem Wink zu verstehen, dass sie getrost diesen Anruf entgegennehmen konnte.
„Ja, bitte“, meldete sie sich und lauschte dem Anrufer.
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