Jan studierte auch mit Gründlichkeit die Mienen der Wachtmeister, die zu ihm in die Zelle kamen, und die Mienen der Gefangenen, die als »Kalfaktor« das Essen zu bringen und für Sauberkeit zu sorgen hatten.
Eines Abends fiel ihm ein Gesicht auf.
Jener breitschultrige und grobschlächtige Gefangene, er einen anderen Kalfaktor abgelöst hatte und jetzt den Essenkübel tragen half, hatte Jan zugezwinkert. Er hatte ihm auf jene schlaue Art, die jeder Gefangene rasch annahm, ein Zeichen mit den Augen gegeben. Er wollte irgend etwas von Jan. Was? Das würde sich noch zeigen. Ein Kalfaktor hatte viele Möglichkeiten, mit einem Gefangenen in Verbindung zu treten, wenn er das wollte.
In Jans Gefühl ging eine Veränderung vor. In dem Auenblick, in dem eine Möglichkeit erschien, irgend etwas praktisch zu erreichen, war er wieder so ruhig wie nur je. Er wartete nicht einmal mit Ungeduld, wie sich die Sache mit dem Kalfaktor weiter entwickeln würde. Er wartete voller Geduld.
Als die Nachricht kam, daß der Termin für Jan, Franz und Christoph verschoben sei, erschien Jan diese überraschende Mitteilung wie ein Zeichen, daß sich ihm die Gunst der Umstände wieder zuneigte. Nun hatte er Zeit, um die Annäherung des grobschlächtigen Kalfaktors abzuwarten. Er brauchte dem andern keine Vorgaben zu machen. Das war gut, es war sogar sehr gut.
Eines Morgens klimperte es ein wenig am Spion. Es war die Stunde, um die August, der Kalfaktor, den Gang vor Jans Zelle zu säubern hatte.
»He!«
Jan trat an die Tür heran und blickte durch den Spion in Augusts wasserblaue, immer etwas entzündete Augen.
»Du?«
Jan wartete stumm.
»Du …«
August schaute noch einmal nach rechts und links, und als er sich überzeugt hatte, daß kein »Maschoris« zu fürchten sei, erschien ein Grinsen auf seinem fleischigen, blassen Gesicht.
»Du, Jan, du kennst mich wohl gar nicht? Aber ich kenne dich … ja, da staunst du …«
»Hm … nee – ich kenn’ dich nicht.«
»Nee, nich … wir waren ja auch so viele … die damals zugehört haben, nicht? Weißt du noch, wie euer Prozeß war? Das ist doch hier in Stade gewesen. Ihr kommt jetzt wieder hin, in denselben Saal … der Staatsanwalt, der Sch … kerl … jetzt ist es ein anderer, aber es ist einer wie der andere …«
»Das ist schon wahr.«
»Jan … paß auf … du hast mir gefallen … wie du die zum besten gehabt hast und hast dich gehalten und keinen nicht verraten … weil du immer gesagt hast, das hast du alles allein gemacht …« August lachte vor sich hin. Er hatte einen breiten Mund. Seine Lippen waren blutleer. »Hör mal zu, du hast mir gefallen, Mann, du bist richtig … Also dann auf Wiedersehen … wir sprechen uns noch, ja?«
»Wie du willst.«
August kicherte und nickte.
Als er am nächsten Morgen unter Aufsicht des Wachtmeisters die Verpflegung brachte, tat er schon vertraulich und berichtete unverfroren, daß es Jans beiden Genossen nicht schlecht gehe.
»Laß das Geklatsche!« sagte der Wachtmeister unwirsch. »Ihr seid alle Waschweiber. Aber ich rate dir, August, wenn du noch weiter kalfaktern willst, so laß die Finger von den ›Politischen‹. Du kannst das für deinen Fall schlecht vertragen.«
»Jawoll, Herr Wachtmeister, ich sage ja gar nischt mehr …«
Am Abend erfuhr Jan am Spion, daß August wegen einer Wirtshausrauferei mit einem SA-Mann zu drei Jahren Gefängnis verurteilt war. Am folgenden Morgen war der Grobschlächtige kaum mehr von der Tür wegzukriegen.
»Mensch, Jan«, flüsterte er, »ihr seid alle feine Kerle gewesen in eurem Prozeß. Oh, wie der Staatsanwalt bloß gekeift hat, und ihr seid alle so schön ruhig geblieben. Aber du warst der beste, deshalb haben sie dir auch das meiste aufgebrummt. Paß auf, die SA, die Braunen, dat sind Schweine. Es sind Schweine, und sie wollen nichts als unsere Mädels haben, deswegen ziehen sie die Uniform an und singen ihre dämlichen Lieder. Ich hab’ ihm ein paar mit dem Leder übergezogen … Mensch, dat hättest du sehen müssen … das Leder hab’ ich nicht zugegeben. Es war eben eine Ohrfeige, verstehst du, aus Wut … an mein Mädel wollte er auf dem Tanzboden ran, der schiefe Lump …«
»Was macht dein Mädel denn jetzt?«
In Augusts wasserblaue Augen traten Tränen. »Mann, wenn ick dat mal wüßte … ehrlich war sie ja und sauber, aber drei Joahr sind drei Joahr … und denn bün ick noch vorbestraft und ›politisch belastet‹ und ihr Vater, der is mal Gastwirt und will nix zu tun haben mit die Polizei … Mann, wenn dat Schwein, wenn der Schietbüttel in seine braune Uniform mir jetzt das Mädel wegnehmen will …«
»Dat wird er wohl versuchen.«
»Siehst du wohl, du sagst das auch. Ich könnt’ ihn in Stücke reißen, und die Grete, dat Mädel, dat schlechte Mensch, schreibt mir auch nicht mehr … och, Jan, wenn des Abends jetzt so die Nebel ziehen und die Sterne so ein wenig leuchten und is nich mehr weit hin zu Weihnachten … und zu Weihnachten wollten wir uns ja verloben … wenn du die Grete gesehen hättest, da ist was dran … wenn ich nur wüßte, ob sie mir vielleicht doch noch treu is’ …«
»Schreib doch mal einem, daß er hingehen soll.«
»Ach, hör mir auf, geht ja doch keiner für unsereinen, und dat Schreiben, dat ist bei uns nich so Mode in der Familie … Drei Joahr, denken die, dat ist mal garnich so lang, und wissen tun sie nix, wie einem zumute ist … wenn ich den noch mal in die Fäuste kriegte, dat Schwein … wegen wat haben sie dich verurteilt, Jan? Hochverrat, nicht?«
»Ja, Vorbereitung zum Hochverrat.«
»Denn kommst du ja überhaupt nie mehr raus. Dat sind Verbrecher, ich kann dir dat sagen … ich hör’ doch viel, bin ja Kalfakter.«
August brach ab und verschwand schnell. Er hatte wohl ein verdächtiges Geräusch wahrgenommen. Jan trat von der Tür zurück. Draußen ging bald danach ein Schritt vorbei. Jan horchte. Das war ein Wachtmeister. Aber er schien nichts zu ahnen.
August blieb Kalfaktor.
Jan konnte jetzt jeden Morgen oder Abend mit ihm ein kleines Privatgespräch führen.
»Weißt du«, meinte der große Kerl, dessen Wangen und Arme in der Gefangenschaft schwammig geworden waren, »weißt du« – und in den Augen, die Jan wieder durch den Spion beobachten konnte, blitzte der Zorn auf wie ein grelles Licht –, »weißt du, wenn ich nur die ärgern könnte, die Fatzjuckls, die … ich täte, was ich kann …«
»Dann bring mir doch einen Plan.«
»Wat für einen Plan?« fragte August erstaunt.
»Na, von unserem schönen Haus hier. Wie die Lichtschächte gehn und wo die Feuerwehrleitern und Blitzableiter sitzen … und so.«
August lachte leise. »Dahin geht die Reise? Du bist ja man würklich ein Unverbesserlicher. Weißt du wat? Du gefällst mir. Du sollst dat allens haben.«
»Und einen Hammer und einen Meißel.«
»Allens sollst du haben.«
»Aber beeil dich auch. In drei Tagen ist der Termin. Dann ist nichts mehr zu machen.«
»Geht schon in Ordnung. Du sollst dat allens haben. Weil du mir gefällst, die brauchen dich nicht noch umbringen eines Tags. Tjüs!«
»Tjüs!«
Als Jan wieder allein war, befühlte er nochmals sachgemäß jede Stelle an den Wänden seiner Zelle.
Bei der Essenausgabe am folgenden Tage erkannte der Gefangene sofort an den Mienen des Kalfaktors, daß dieser etwas Wichtiges vorhabe. Während der zweite Kalfaktor die Suppe in Jans Schüssel schöpfte, kam August noch ein wenig näher als sonst an Jan heran. Sobald der Wachtmeister einmal zur Seite schaute, spürte Jan Augusts Hand an der seinen. Jan packte das Etwas, das August ihm zuschob, und hielt es unauffällig unter der Essenschüssel fest.
Der Kessel wurde zur nächsten Zelle weitergetragen. August zwinkerte noch schnell dem Gefangenen zu.
Читать дальше