»Dir ist es ja nicht anders gegangen, Jan«, warf Christoph hin. »Du sollst ganz hübsch bunt ausgesehen haben, damals, als sie dich vernommen hatten … aber gesagt hast du nichts.«
»Tscha, ein Zimmermann hat harte Knochen, der spürt das mal nicht so … Du selbst hast ja übrigens auch den Mund gehalten, als der Kiesel dich ein paarmal geschlagen hat, bis du zusammengebrochen bist. Aber ich trag’ dem Paul nichts nach. Bloß der Henne … das war gemein heute.«
Draußen erlosch der Lichtschimmer.
Franz fing die erste Wanze, die sich von der schmutzigen Kellerdecke auf ihn herabgelassen hatte. Überall, an den Wänden, auf der Bank, am Fußboden fing es an, sich zu rühren.
Die Gefangenen hatten ihre Beschäftigung.
»Macht euch nicht soviel Arbeit«, sagte Jan. »In Celle werden wir geschoren und entlaust.«
Die Nacht ging mit wenigen Stunden erschöpften Ruhens vorüber. Die Gefangenen erfuhren am Morgen von dem Wachhabenden, daß sie in einigen Tagen mit dem Gefangenenwagen der Reichsbahn nach Celle transportiert werden sollten.
Die verwanzte Kellerzelle war auf die Dauer kein angenehmer Aufenthalt. Aber die Gefangenen erhielten außer der amtlichen Verpflegung regelmäßig ihr Obst und ihre belegten Brote. Einmal erschien das junge Mädchen, einmal erschien die Wirtin des Ratskellers selbst am vergitterten Fenster und steckte den dreien die Leckerbissen zu.
»Sag denen mal Bescheid«, meinte Christoph zu Jan. »Deine Mutter oder wen du sonst noch hier hast … die können dich doch jetzt leicht sprechen.«
Über Jans Züge ging ein dunkler Schatten. »Laß mal …«, antwortete er nur.
Franz und Christoph wußten, daß Jan niemals Briefe von zu Hause erhielt. Sie rührten die Frage nicht weiter an.
Zwölf Tage waren seit der Nacht vergangen, in der Jan, Christoph und Franz die Flucht aus dem Teufelsmoor gewagt hatten. Man hatte sie in das Zuchthaus Celle eingeliefert.
Es war Morgen. Aber das Licht des Septembertages fiel nur trübe in jene Zelle, in der sich Jan jetzt befand. Das kleine, hoch in der Wand angebrachte Fenster war vierfach vergittert. Die Gitter waren in die Mauer eingelassen.
Innerhalb der Zelle war eine besondere »Arrest«-Zelle durch ein starkes Gitter abgeteilt. In der Arrestzelle befand sich die Holzpritsche. Neben der Pritsche waren noch 50 Zentimeter Raum. Auf diesem Raum konnte der Gefangene stehen oder – in der Länge der Pritsche – gehen. Er konnte zwei lange Schritte von dem Kopfende der Pritsche zum Fußende hin und zwei Schritte in umgekehrter Richtung machen.
Jan nutzte die Möglichkeit, die ihm geblieben war, aus. Er ging zwei Schritte hin, zwei Schritte zurück, zwei Schritte hin, zwei Schritte zurück, Stunde um Stunde. Er rechnete dabei nach, wieviel Kilometer er auf diese Weise am Tage laufen konnte. Es kam eine stattliche Marschleistung heraus.
Der Direktor des Zuchthauses, Oberleutnant a. D. Marloh, hatte die drei »Ausbrecher« zu der Disziplinarstrafe von vier Wochen Arrest, verbunden mit »strengem Arrest«, verurteilt. Diese Zeit mußten Jan, Franz und Christoph isoliert in den engen Käfigen bei Wasser und Brot verbringen.
An jenem Morgen, an dem das milde Septemberlicht mit einem matten Schein zwischen die Gitter drang, hatte Jan das Brot, das er zum Frühstück erhielt, schon verzehrt und sich auf den »Marsch« begeben. Der leise Klang seiner eigenen Schritte hinderte ihn nicht, auf alle Geräusche außerhalb seiner Zelle aufmerksam zu lauschen.
Die Schritte, die auf dem Gang draußen zu vernehmen waren, stockten an der Tür zu Jans Zelle. Jan wußte, daß der Wachtmeister jetzt durch den »Spion« schaute, um das Verhalten des Gefangenen zu beobachten. Jan gab keinerlei Zeichen dafür, daß er etwas gehört habe oder etwas vermutete. Er lief unentwegt hin und her.
Der Schlüssel drang ins Schloß und drehte sich, das Schloß sprang auf, und die Tür wurde geöffnet.
Der Wachtmeister machte einem andern Platz, der mit ihm gekommen war. Der Wachtmeister machte diesem anderen in einer sehr respektvollen Weise Platz, wie es sich einem Wachtmeister dem Direktor des Zuchthauses und Oberleutnant a. D. gegenüber gebührte.
Marloh trat in Jans Zelle.
Jan war stehengeblieben und schaute Marloh an. Der Gefangene hatte weder die Schultern zurückgenommen noch die Hände, an der Hosennaht gestrafft. Er stand ruhig, gerade, natürlich, in der gleichen Haltung, die er gegenüber jedem Wachtmeister einzunehmen pflegte. Vielleicht war die Falte zwischen seinen Augenbrauen, die sich ihm schon als Kind eingeprägt hatte, in diesem Augenblick noch etwas schärfer und tiefer. Aber auch das hätten nur diejenigen sagen können, die Jan genau kannten.
»… itler«, sagte Marloh. Er wirkte dem Gefangenen gegenüber schmächtig. »Na – Gefangener Möller – was machen Sie?«
»Es geht mir gut«, antwortete Jan.
In Marlohs Augen blitzte etwas auf. Er hatte die Augen des preußischen Offiziers, Augen ohne tiefen Hintergrund, Augen, die das, was sie sahen, einteilten in Freund oder Feind, gefährlich oder nicht gefährlich. Seine Augen erschienen Jan wie schartige Messer.
Das ist der Mann, der die roten Matrosen betrogen und ermordet hat, dachte Jan. Das hat er vor siebzehn Jahren getan. Jetzt will er wieder morden. Aber betrügen kann er uns nicht mehr.
»So, es geht Ihnen gut«, schnarrte Marloh. Er schnarrte es leise, ohne Stimmaufwand, mit einem Unterton des Mißtrauens. Er wußte offenbar nicht recht, was er aus Jans Haltung und Sprechweise machen sollte. War dieser Gefangene dumm? Oder war er unverschämt? – »So, es geht Ihnen gut. Dann haben Sie also kein Heimweh?«
»Was soll ich dazu sagen?« erwiderte Jan ruhig. »Das Heimweh, das kommt und geht. Wachtmeister Vürmann pflegte uns zu erklären, daß das so ’ne Krankheit ist.«
»Ich hoffe, daß Sie diese Krankheit anders und besser zu heilen versuchen, als mit Meuterei. Sie kommen bei uns nicht mit dem Kopf durch die Wand! Je eher und je gründlicher Sie das einsehen, desto besser für Sie!«
»Aus Heimweh habe ich nicht gemeutert. Sondern wegen der Behandlung.«
Jan, der gefangene Arbeiter, stand hinter den schweren eisernen Gittern dem Oberleutnant a. D. nach dieser Antwort noch einen Moment schweigend gegenüber. Es waren nur Bruchteile von Sekunden, aber in diesem Augenblick drängte sich alles zusammen, was Jan Marloh gegenüber denken und empfinden konnte. Du Mörder … du kleine, elende, niederträchtige Kreatur!
Marloh hatte vielleicht noch irgend etwas sagen wollen. Aber er sagte nichts mehr. Er hätte selbst nicht erklären können, warum es ihm nicht länger angenehm war, sich an dem Anblick des eingekerkerten Flüchtlings zu weiden. Die Wirkung, die er auf den Gefangenen machte, hatte ihn enttäuscht. Es schien, als ob die Person des Zuchthausdirektors hier keinen Eindruck mache, und doch war es auch nicht möglich, dem Gefangenen eine Disziplinlosigkeit nachzuweisen.
Marloh ging. Der Wachtmeister schloß die Zellentür wieder ab, und Jan nahm seinen Marsch wie vordem auf.
Mittagbrot erhielt er nicht. Die ersten elf Tage gab es im Arrest und strengen Arrest kein Mittagessen. Von da an erhielten Jan und seine beiden Gefährten jeden vierten, schließlich jeden dritten Tag eine Mittagsmahlzeit.
Jan blieb allein in seinem Käfig und ohne Beschäftigung.
Marloh erschien noch einige Male. Nicht, daß er selbst das Bedürfnis gefühlt hätte, sich den Gefangenen anzusehen, der durch seine Flucht den Ruf des Zuchthauses zu Celle als einer Musteranstalt im Dritten Reich geschädigt hatte. Marloh mußte sich eingestehen, daß ihm der Anblick des Gefangenen immer widerwärtiger wurde. Aber es gab prominente Besucher, denen Marloh eine gewisse Sensation zu bieten verpflichtet war, und diese pflegte er zu dem Käfig zu führen und ihnen den gefangenen Meuterer zu zeigen. Jan betrachtete dann ohne jede äußerlich sichtbare Gemütsbewegung die feinen braunen und schwarzen Tuche, aus denen die Uniformen der Gäste geschneidert waren, er sah ihre Gesichter, die im Grunde immer die gleichen Gesichter waren und in denen sich eine mittelmäßige Intelligenz, Ehrgeiz und Brutalität ausdrückten.
Читать дальше