Plötzlich setzte ich mich kerzengerade auf. Mein Blick hing wie gebannt an einer Stelle gegenüber auf der anderen Seite des Sees, wo der Pfad teilweise durch hohes Gras und wucherndes Unterholz verdeckt war. Für einen Augenblick hatte ich etwas Karmesinrotes aufblitzen sehen, genau der üppige, tiefe Rotton, den Jessica so oft getragen hatte, weil er so gut zu ihrem dunklen Teint passte. Jessica! Jessica war dort drüben auf der anderen Seite des Sees! Gott hatte mein Gebet erhört. Ich musste zu ihr!
Ich sprang auf, umrundete die Büsche und war mit zwei Sätzen über die Brücke. Dann blieb ich unentschlossen stehen. Mein ganzer Körper bebte. Welcher Weg war schneller, mit dem Uhrzeigersinn oder dagegen? Egal. Ganz egal. Beides ging.
Ich wandte mich nach links und stürmte den schmalen, rutschigen Pfad entlang, ohne auf Baumwurzeln, überhängende Äste oder irgendwelche anderen natürlichen Hinterhalte zu achten. In mir brannte ein wahnsinniges Verlangen, dem Teil meines Gehirns, der immer noch stur in seiner skeptischen Gelassenheit verharrte, zu beweisen, dass wirklich etwas Außergewöhnliches geschehen war - geschehen würde. Jessica war dort drüben auf der anderen Seite des Wassers und wartete auf mich. Oh, Jessica! Als ich das untere Ende des Sees umrundete, setzte plötzlich ein heftiger Regen ein. Es kümmerte mich nicht. Warum sollte es mich kümmern? Ich bemerkte es kaum. Weiter und immer weiter flog ich am Rande des Sees entlang, fegte mit den Ellbogen Sträucher und hohes Gras zur Seite und trieb mich mit dem Wissen, dass schon bald jenes liebe, vertraute Gesicht vor mir erscheinen würde und wir reden und einander umarmen und zusammen sein würden wie in all den Jahren bisher, zu einer halsbrecherisch galoppierenden Geschwindigkeit an. Endlich, höchstens zehn Meter vor mir, sah ich das karmesinrote Kleidungsstück wieder durch die Lücken im Vorhang der Zweige einer alten Trauerweide schimmern. Die Person, die es trug - Jessica - musste wohl unter dem Baum Zuflucht vor dem Regen gesucht haben. So nahe! Für die letzten Meter brauchte ich nicht mehr als eine Sekunde. Keuchend vor Erschöpfung und schierer Erregung schob ich die schweren, triefend herabhängenden Zweige mit einer Hand zur Seite, während ich mir mit der anderen den Schweiß und den Regen von den Augen wischte, und trat unter den Baldachin.
Es war nicht Jessica. Natürlich war es nicht Jessica.
Es war eine kleine, elfengesichtige Frau mit verängstigten Vogeläuglein und dünnen grauen Locken. Sie war etwa fünfundsechzig und trug einen karmesinroten Pulli mit zwei winzigen eingestrickten Schafen auf der Vorderseite, einen unauffälligen Tweedrock und geländegängige braune Schuhe. Ihre Haut hatte etwas kränklich Blasses, und ihre Augen lagen tief und dunkel in den Höhlen, sodass ich den Eindruck hatte, sie sei schwer krank. Mein dramatisches Erscheinen unter dem Dach des Baumes, unter dem sie Zuflucht vor dem schlimmsten Regen gesucht hatte, schien sie kaum zu stören. Den Grund dafür verstand ich, als wir uns unterhielten. Manche Leute nehmen so beständig die Rolle eines Opfers ein, dass sie sich eine Haltung lethargischer Ergebenheit angewöhnen, eine müde Resignation vor dem Gedanken, dass ihnen immer irgendetwas passiert oder angetan wird. Was immer sie auch zu tun versuchen, es wird ohnehin nie eine spürbare Wirkung auf andere Leute haben. Die arme kleine Nora gehörte zu diesen Leuten.
Ihr Leben hörte sich an wie das einer Figur aus einem Roman von Agatha Christie. Nora hatte für eine reiche, bissige alte Frau gearbeitet, die sie während der letzten dreißig Jahre ihres Lebens Tag und Nacht betreut hatte. Seit deren Tod litt sie an schweren Panikattacken und an dem Gefühl, Gott sei immerzu böse auf sie. Ihr Arzt, der Christ war, hatte sie zu einem Ehepaar geschickt, das er kannte und das als „Experten“ auf diesem Gebiet galt. Nach zwei oder drei Besuchen dort hatte Nora zu hören bekommen, sie sei den Dämonen der Furcht, der Unsicherheit und des Kleinglaubens unterworfen. Eine Woche der Art von Seelsorge, wie sie in Grafton House betrieben wurde, sei genau das Richtige für sie. Lust dazu hatte sie nicht, aber sie fuhr hin.
„Es wäre mir unhöflich vorgekommen, es abzulehnen“, sagte Nora, „wo doch alle so nett zu mir waren. Man will ja nicht - Sie wissen schon.“
Ich wusste, was ich zu ihr sagen musste.
Ich bat sie, mir von ihrem Vater zu erzählen, und während sie sprach, sah ich zu, wie der prasselnde Regen Tausende kleiner Kreise auf dem Wasser erzeugte. Sie sagte mir, wie sehr sie ihn geliebt und respektiert hatte, wie freundlich und liebevoll er immer gewesen sei und wie furchtbar traurig er jetzt wäre, wenn er sehen könnte, durch was für Nöte seine kleine Norrie jetzt ging. Sie weinte ein wenig. Ich legte meinen Arm um ihre Schultern. Sie zog ein besticktes Taschentuch aus dem Ärmel ihres roten Pullovers und trocknete sich damit die Augen.
„Nora“, sagte ich, „ich weiß nicht viel, aber eines weiß ich: Gott ist genauso, wie Ihr Vater war, nur womöglich noch netter. Wenn Sie an Gott denken, dann geben Sie ihm das Gesicht Ihres Vaters. Das wird Gott nichts ausmachen. Wenn Sie mich fragen, dann glaube ich, dass Sie all diese furchtbar negativen Gefühle deshalb hatten, weil sich Ihr Leben so stark und so schnell verändert hat. Ich glaube nicht, dass auch nur ein einziger Dämon in Ihnen steckt, und ich finde, Sie sollten ernsthaft darüber nachdenken, Ihren Arzt zu wechseln. Möchten Sie, dass ich für Sie bete?“
Ich sprach ein Gebet für Nora. Sie weinte noch ein wenig, lächelte mich an und schaute dann auf die winzige goldene Uhr an ihrem linken Handgelenk.
„Ooh!“
Es war Zeit für den Vormittagskaffee oben im Speisesaal des großen Hauses. Sie durfte nicht zu spät zum Kaffee erscheinen, wo doch die Leute in der Küche ihn so liebevoll für alle vorbereitet hatten. Sie wollte sich gerade unter den Zweigen hindurchducken und im Regen verschwinden, als sie sich noch einmal umdrehte.
„Ach - ich habe Sie noch gar nicht gefragt - wie unhöflich von mir - warum sind Sie eigentlich hier heraus an den See gekommen?“
Ich starrte sie einen Moment an. Warum war ich hier?
„Oh, äh, ich bin gekommen, um mich mit meiner Frau zu treffen.“
„Na, ich hoffe, sie kommt noch.“
„Ja.“
Während ich Nora hinterhersah, wie sie den Pfad entlang davonhuschte und dabei in dem vergeblichen Bemühen, ihre Haare vor dem Regen zu schützen, eine Hand über den Kopf hielt, war es mir, als wäre zu meinem Schmerz noch ein Teil von ihrem dazugekommen.
„Gott“, sagte ich leise, „was ist eigentlich los mit dir? Ich bitte dich, mir etwas zu geben, und was tust du? Du gibst mir stattdessen einen Job. Bei dir gibt es wohl keine freien Tage, was? Keinen Urlaub aus persönlichen Gründen. Du wusstest, dass ich es tun würde, genau wie du wusstest, dass der arme alte Jona schon aktiv werden würde, wenn er erst einmal in Ninive war. Aber, oh, Gott!“, seufzte ich aus tiefster Seele. „Warum musste ihr Pullover ausgerechnet diese Farbe haben?“
Ich blieb noch ein paar Minuten sitzen und weinte mit dem Regen, verwirrt über das Dasein und wütend auf Jessica und auf Gott, weil sie mir nicht gaben, was ich wollte.
In dieser Woche verbrachte ich jeden Tag einige Zeit oben am See. Manchmal saß ich nur da und manchmal ging ich spazieren; manchmal lehnte ich mich einfach nur unglücklich gegen einen Baum, aber immer brannte in mir die jämmerliche Hoffnung, wenn ich nur nicht in meinem Flehen nachließe, würde Jessica vielleicht doch zu mir kommen und sich von mir umarmen und noch ein letztes Mal küssen lassen. Am Ende der Woche war der Wahnsinn, falls es das war, vorüber. Ich ging nicht mehr an den See. Ich wusste - natürlich hatte ich es immer gewusst -, dass ich Jessica dort nicht begegnen würde. Doch als ich zum letzten Mal von dort aufbrach, war mir, als ließe ich sie dort an jenem melancholischen Ort zurück. Eine Woche oder länger gab es etwas in mir, das den Wahnsinn vermisste. Immerhin war so etwas wie Hoffnung darin gewesen, so töricht und irrational sie auch gewesen sein mochte. Nun war selbst diese törichte Hoffnung dahin, und übrig blieben nur die Sehnsucht und der Zorn, der heiß in meinem Herzen brannte.
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