Anders gesagt: Zunächst einmal vermittelt das Geld tatsächlich den Austausch von Waren beliebiger Herkunft untereinander. Zeitliche und örtliche Schranken der Produktion, wie sie neben den Zufällen individueller Bedürfnisse immer als Manko des „Naturaltausches“ ausgemalt werden („Der eine hat das (nicht), was sein gerade hereingeschneiter Tauschpartner (nicht) braucht...“), sind mit dem Geld beseitigt – ob das glücklich gelöste Problem außerhalb einer Geldwirtschaft, aus der man sich das Geld weggedacht hat, überhaupt eine Rolle spielen würde, mag dahingestellt bleiben. Deswegen ist das Geld aber noch lange keine „Recheneinheit“ und kein „Steuerungsinstrument“, das garantiert, dass Güter ihren Benützer finden. Immerhin macht es sich selbst zur Bedingung dafür, dass die Waren in Bewegung geraten und von ihrem ursprünglichen Besitzer zu ihrem Benützer gelangen. Vor dem allseits beliebten Resultat , dem gelungenen Austausch von Waren hier gegen Waren dort und anderswo, hat immerhin noch jede Ware ihre Verkäuflichkeit zu beweisen. Und das heißt: Sie muss sich nicht nur am Interesse an ihrem Gebrauchswert bewähren, sondern an der Zahlungsfähigkeit der Interessenten. Insofern verrichtet das Geld die ihm so hoch angerechnete Wohltat, den Gütern und Menschen als Verteilungsinstrument zu dienen, nur sehr bedingt. Unerfüllte Bedürfnisse zeugen ebenso deutlich wie unverkäufliche Waren davon, dass die Trennung von Kauf und Verkauf – jene „Technik“, die die Möglichkeit des Austauschs jeder beliebigen Ware gegen jede andere eröffnet – einen handfesten Gegensatz stiftet: Unterwegs kommt es offenbar so sehr aufs Geld an, dass Ware gar nicht erst zu Ware findet...
Wenig Trost bietet da auch die angesichts der Störungen des Marktes erhobene Klage, das Geld würde mengenmäßig verkehrt gehandhabt und Störungen deshalb hervorrufen. Den Idealismus, „das“ Geld der Marktwirtschaft, in der es auf die ausschließliche Verfügung von Privateigentümern über Geld und Ware ankommt, zu einer Gesamtmenge zu addieren, mit der, wenn richtig bemessen, der „Markt geräumt“ und jedes Bedürfnis befriedigt würde, treibt ja doch keiner der einschlägigen Experten bis zu dem Vorschlag, für den guten Zweck der Warenverteilung und Menschenversorgung einfach mehr Geld unter die Leute zu bringen, damit ein fröhlich Kaufen und Verkaufen anhebt: Das geht auf keinen Fall, weil die Kaufkraft, die so geschaffen würde, durch höhere Preise ausgenützt und nur dazu führen würde, dass das Geld nichts mehr taugt... Auf die Anzahl der Geldeinheiten kommt es demzufolge also an: nicht im Hinblick auf den Dienst als Zirkulationsmittel, den das Geld angeblich so zweckmäßig versieht und bisweilen dann doch versagt, sondern weil es auf die Einheit ankommt, von deren Inhalt kein marktwirtschaftlicher Kopf etwas wissen will. Immerhin geben insofern selbst die Freunde der „quantitätstheoretischen“ Deutung der Inflation (deren Geheimnisse im übrigen im Kredit und nicht in den Güterbergen und Geldmengen liegen!) noch zu, dass der Markt für den Nutzen des Geldes geradezustehen hat und nicht umgekehrt.
Dass die Beschaffung von Geld, jener Privatmacht über den gesellschaftlichen Reichtum in „schlagfertiger Form“, den Zweck des Marktes ausmacht, lässt sich freilich leichter bemerken als über falsche Theorien, die sich dann am Interesse ihrer Urheber blamieren. Darauf sind vor allen Marxisten schon ganz andere Leute gekommen.
Dass man nicht viel zu bestellen hat, wenn man in der Marktwirtschaft, einmal in den Besitz einiger Kreuzer gelangt, sein Geld ausgibt und die erstandene Ware verbraucht, ist schon dem Geizkragen eingefallen, der als Charakter die schöne Literatur bevölkert. Der Schatzbildner zieht jene Form des Sparens vor, die im Verkaufen und im Behalten des Geldes besteht. Dass er auf die in der Warenwelt gebotenen Genüsse verzichtet , weil er mit dem Geld die Macht über sämtliche Bedürfnisse an Land zieht, macht ihn komisch. Freilich belacht niemand das verständliche Ansinnen, Geld anzuhäufen: Wegen der Entsagung wird sein Bedürfnis nach dem universellen Kaufmittel schiere Habgier, der arme Reiche eine lächerliche Figur.
Vernünftiger sieht der Hang zum Geld schon aus, wenn geborgt wird. Wo es um die Versilberung von Waren geht, wird oft geliefert, ohne dass gezahlt werden kann. Momentane Zahlungsunfähigkeit darf kein Hindernis sein für Kauf und Verkauf, lautet der Beschluss. Und wenn es sich nicht gerade um einen Akt des Pumpens handelt, in dem arme Leute ein gegenwärtiges Bedürfnis befriedigen, um es mit künftigem Verzicht zu bezahlen, ist jedem klar, dass Kredit eine seriöse und unerlässliche Geschäftstechnik darstellt. Er beruht nämlich darauf, dass „der Markt“ Überschüsse hergibt. Wer Zahlungsaufschub gewährt, gesteht ja ein, dass für die Fortführung seiner Marktbeteiligung genug Geld da ist; für die fällige Begleichung der Schuld nach vereinbarter Frist steht der Staat, als Wächter über alle Verträge, zur Verfügung. Wo Schuldenkonten zur Regel werden und die Geld forderungen wie Geld behandelt werden und funktionieren, hat die Akkumulation von abstraktem Reichtum eben schon ihre Fortschritte gemacht – irgendwie hat der Tausch da zur Anhäufung von Geld geführt...
Dasselbe gilt für den Staat, der über sein Bankwesen den Austausch seines lokal begrenzten Marktes bzw. seiner Geschäftsbürger mit dem Ausland saldiert – und Geldguthaben genauso schätzt wie einen Schatz aus Gold. Den Weltmarkt sehen Staaten von vornherein als Mittel für die gute Ausgestaltung ihrer Bilanzen an, und das „Hungerproblem“ erübrigt jeden Verdacht, dass es beim internationalen Austausch um die allseitige Versorgung mit Gütern ginge. Der Markt ist da von vornherein ein Mittel zur Gewinnung von ökonomischer Macht, und die beziffert sich in Geld , der Form universellen Reichtums...
Kapital – die Kunst der Geldvermehrung
Das Geld ist nicht der Knecht der Güter und schon gar kein Hilfsmittel für ihre termingerechte Verteilung. Mit Geld macht man sich den Markt dienstbar, wenn man es versteht, es so auszugeben, dass man es behält und immer mehr übrig hat. Die alten Techniken, aus dem Kaufen und Verkaufen einen Beruf zu machen oder das Geld zu verleihen, gegen einen Preis natürlich, haben sich da als wegweisend erwiesen. Diese frühen Erfindungen, welche sich bis heute gehalten haben, beruhen auf dem Prinzip, dass andere für die Erhaltung und Vermehrung des eigenen Vermögens mit aufkommen. Und sie haben – im Verein mit staatlichen Verpflichtungen aller Art – den Blick für die Notlage freigemacht, welche das Dasein der gewöhnlichen Statisten des Marktes bestimmt. Diese Menschen müssen beständig darauf sinnen, an Geld zu kommen, um sich auf dem Markt wieder einzudecken. Da sie zwar bereit sind, ihrerseits etwas Verkäufliches herzustellen, aber die dafür notwendigen Mittel nicht finanzieren können, lag es für potente Geldgeber nahe, ihnen die Gelegenheit zur Arbeit zu verschaffen. So wäscht eine Hand die andere, ein Zug von Humanität streift die kalte Welt des berechnenden Tausches, und der Nachschub an Waren für den Markt ist auch sichergestellt.
Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist mit andern Worten der einzig senkrechte Umgang mit Geld. Oder andersherum: Das Geld diktiert ein ganzes Produktionsverhältnis . Allen, die über so wenig Mittel verfügen, dass sie das Geld einfach für ihren Lebensunterhalt ausgeben und nach dem Verzehr der erstandenen Sachen wieder an Geld kommen müssen, wird mit der segensreichen Einrichtung einer „abhängigen Beschäftigung“ die Möglichkeit eröffnet, mit den Tücken des Zirkulationsmittels zurechtzukommen. Vorausgesetzt, ihre Arbeit ist rentabel für das Eigentum , das die kostspieligen Arbeitsplätze bereitstellt und die Produkte preiswert an den Mann bringt, kriegen sie ein Entgelt, das sie sich einteilen können. Dabei hilft ihnen der Staat, dessen Gewalt die Scheidung der Arbeit vom Eigentum bewerkstelligt und überwacht, mit seiner Abteilung „Soziales“. Zwangssparen für Notfälle ist u.a. schon deshalb angezeigt, weil aufgrund der Kalkulation mit den Arbeitsplätzen der Lebensunterhalt von Lohnabhängigen bisweilen gar nicht lohnend ist und neben der gewöhnlichen Armut derer, die sich als Mittel der Vermehrung fremden Eigentums bewähren dürfen und da mit dauernden Veränderungen von Lohn und Leistung konfrontiert sind, immer auch einiges an Verelendung fällig ist. Entscheidend in all diesen Fragen bleibt das Wachstum – wessen: das ist keine Frage –, ohne das gleich alle aufgeschmissen sind, weil alles und alle von ihm abhängen.
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